Pakistan Weibliche Gotteskrieger im Anmarsch

6500 Koranschülerinnen in schwarzen Burkas verängstigen die Bewohner der pakistanischen Hauptstadt Islamabad. Die Studentinnen einer großen, radikalislamischen Moschee wachen über die Sitten – und drohen sogar Selbstmordanschläge an.
Von Joachim Hoelzgen

Immer wieder mal marschieren an der Lal Masjid Road (deutsch: Straße der Roten Moschee) im Zentrum von Islamabad junge Frauen auf, die sogenannte Dandas schwenken - meterlange Bambusrohre. Mit den Stecken sollen die Polizei und das Paramilitär in Schach gehalten werden, falls sich die Uniformierten überhaupt in die Nähe der Frauen wagen.

Doch die Sicherheitskräfte machen lieber einen Bogen um die Straße, an der fliegende Händler Stände aufgeschlagen haben, um Gebetskappen und Turbane zu verkaufen. Denn hier, nicht weit vom Regierungsviertel und dem schneeweißen Parlament des Halbmondlands, ist ein religiöser Staat im Staat entstanden, der mit einem Scharia-Gericht und Kampagnen gegen Laster wie Pornographie und Alkohol eine bizarre Sonderwelt geschaffen hat.

Ihre Wächter sind vollbärtige Koranschüler und eine Armee von 6500 Koranschülerinnen, die pechschwarze Burkas vom Kopf bis hinab zu den Zehen tragen.

Die Koranschülerinnen werden in Islamabad als "schwarze Burka-Brigade" gefürchtet. Rollkommandos und Stoßtrupps halten eine öffentliche Bibliothek besetzt. Und im Handstreich überfielen sie ein angebliches Bordell und brachten mehrere Frauen aus dem Haus zur "Umerziehung" auf das Gelände ihres Hauptquartiers - dem Seminar Jamia Hafsa, der größten Frauen-Koranschule in Pakistan.

Als Waffe der Wahl benutzt die Burka-Truppe die langen Bambusstecken, um ihrer Ideologie gebührend Nachdruck zu verleihen. Deren Hauptziel ist die Einführung der Scharia, und das nicht nur in Islamabad - einer modernen Metropole mit Hochhäusern, westlichen Hotels und breiten Avenuen - , sondern in ganz Pakistan.

Aktionen gegen Friseure und Autofahrerinnen

Die Denkweise der Koranschülerinnen schreibt offenbar all das vor, was während der Taliban-Herrschaft im benachbarten Afghanistan Sache des berüchtigten Ministeriums zur Beförderung der Werte und der Verhinderung des Lasters war. "Obszönitäten" werden von den Koranstudentinnen im Burka-Gewand angeprangert, freizügige Plakate, der "Nudismus" von Ausländern und desgleichen das Werk von Friseuren, die ihre Kunden rasieren.

Inzwischen sind die Friseure der Hauptstadt so sehr eingeschüchtert, dass sich manche Vertreter der Zunft selbst zum Barttragen entschlossen haben.

Auch Schuluniformen sind den Sittenwächterinnen ein Dorn im Auge. Schülerinnen von Privat- und Staatsschulen, die keine Dupatta tragen - den Baumwollschal, der das Haupthaar bedecken soll - erhielten jedenfalls Drohbriefe. "Tragt den Schleier, oder ihr werdet bombardiert", hieß es darin. Und schließlich mussten auch Frauen, die in Islamabad ein Auto lenken, Schäden an den Fahrzeugen feststellen: Über Nacht waren Rückspiegel abgerissen und Windschutzscheiben zertrümmert worden.

Guru der Koranschülerinnen, Gebieter des Frauenseminars

Dazu passt, was die Zelotinnen von keinem Geringeren als Pervez Musharraf verlangen, dem Staatschef von Pakistan. Er soll sich dafür entschuldigen, dass die Stadtverwaltung von Islamabad mehrere Mini-Moscheen abgerissen hat, die ohne Erlaubnis auf städtischem Grund zusammengezimmert worden sind. Außerdem soll er deshalb öffentlich Allah anflehen und um die Vergebung seiner Sünden bitten, lautet eine weitere Forderung der Burka-Trägerinnen.

Als Guru der radikalen Koranschülerinnen erweist sich jeweils beim Freitagsgebet in der Roten Moschee an der Lal Masjid Road der Prediger Abdul Aziz, ein ehemaliger Regierungsbeamter.

Er ist auch der Gebieter über das Frauenseminar, das sich auf dem weitläufigen Gelände der Moschee befindet. Aziz hat dort das Scharia-Gericht etabliert, welches durch schillernd fundamentalistische Erlasse von sich reden macht.

So wurde von den Richtern eine Fatwa gegen die pakistanische Tourismusministerin Nilofar Bakhtiar erlassen, weil sie sich anlässlich eines Besuchs in Frankreich von einem Gleitschirm-Piloten umarmen ließ. Bakhtiar fürchtet nunmehr um ihr Leben, gab sie vor einem Parlamentsausschuss zu Protokoll.

Burka-Kämpferinnen drohen mit Selbstmordattentaten

Gegen Musharraf, der zur Zeit eine Europareise absolviert, hat die Rote Moschee und deren Burka-Korps auch noch ein Ultimatum erlassen, das am Samstag nächster Woche abläuft. Bis dahin müssten die abgerissenen Moscheen wieder errichtet sein. Falls die Regierung mit Gewalt gegen die Koranschülerinnen vorgehe, könnte es aus deren Reihen Selbstmordattentate geben, ließ der Prediger Aziz nach einer "Scharia- und Dschihad-Konferenz" verlauten.

Die Drohungen aus der Moschee verfehlen ihre Wirkung nicht, meint die Politikwissenschaftlerin Shireen Mazari, die sich als Direktorin des Instituts für Strategische Studien in Islamabad sonst um das Weltgeschehen kümmert. Nun aber beobachtet sie, dass junge Frauen abends zu Hause blieben und sogar die Blumenmärkte mieden. In der öffentlichen Domäne sehe man fast nur noch Männer. "Das", sagt Shireen Mazari, "ist doch völlig unnatürlich."

Der Widerstand wächst

Die Umtriebe in der Moschee rufen auch die Leitartikler auf den Plan. Sie werfen Musharraf, der seinem Land eine "gemäßigte Aufklärung" verordnen will, Untätigkeit und so etwas wie Feigheit vor dem Feind vor. Die Tageszeitung "The News" etwa sieht schon eine "Diktatur der Bambusrohre" herannahen. "Die Uhr tickt, und die Regierung sollte handeln, ehe das Land in die Anarchie abrutscht", fordert das Blatt.

Vor Kommandeuren der Armee in der Garnisonsstadt Rawalpindi ließ sich Musharraf aber doch noch vernehmen, indem er gegen "irregeleitete Jugendliche", "Extremismus", "Obskurantismus" und "Bigotterie" vom Leder zog.

Mit Wohlgefallen muss er vor seiner Reise nach Europa registriert haben, dass in Karatschi Zehntausende gegen die Rote Moschee in der fernen Hauptstadt auf die Straße gingen. Und in Islamabad, bei einem Demonstrationszug vor dem Parlament, skandierten Frauen am Montag in Sprechchören: "Dieses Land gehört uns", und "Stoppt den Terror der Mullahs."

Ein Vermittler, der in die Rote Moschee entsandt wurde, hatte diese Woche zwar verkündet, die Regierung werde allen Forderungen der radikal-islamischen Studenten und Studentinnen gerecht werden. Doch darauf wird sich Musharraf kaum einlassen. Denn die Angst vor einer Talibanisierung der Metropolen wird ihm bei den Wahlen im Herbst womöglich die entscheidende Stimmenmehrheit bringen - und zwar jene der Frauen.

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