Extremismusproblem Pakistan feiert seine Mörder

Die Regierung in Pakistan bekämpft Terroristen, Tausende Sicherheitskräfte haben dabei ihr Leben verloren. Andererseits werden Extremisten verehrt wie Heilige, ihre Gräber sind Pilgerstätten. Ein Ortsbesuch.

AFP

Aus Islamabad berichtet


Der Kohsar-Markt in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad ist ein bemerkenswerter Ort: eine Ladenzeile mit Restaurants, Cafés, Boutiquen und Lebensmittelläden, in denen es auch westliche Produkte wie Nutella und Filterkaffee zu kaufen gibt. Davor ein Platz mit Tischen, Stühlen und Sonnenschirmen, dazwischen Pflanzen in Tonkübeln, am Ende der Straße eine kleine Moschee.

Der Kohsar-Markt bietet Piazza-Feeling. Hier kaufen die Reichen und Schönen ein. Hier laden Politiker und Militärs zu Gesprächen, wenn sie nicht im eigenen Büro sprechen wollen. Hier trinken Diplomaten, Entwicklungshelfer, Journalisten und Spione aus aller Welt Kaffee. Hier stehen Agenten des pakistanischen Geheimdienstes ISI in der Gegend herum und notieren mehr oder weniger unauffällig, wer sich mit wem trifft.

Und hier wurde am 4. Januar 2011 Salman Taseer erschossen. Der Gouverneur der bevölkerungsreichsten und wirtschaftlich stärksten pakistanischen Provinz Punjab hatte gerade das Café Mocca verlassen, als einer seiner Leibwächter, Mumtaz Qadri, Mitglied der Polizeieinheit Punjab Elite Force, sein Gewehr auf ihn richtete und das Magazin leerschoss. Danach ließ er die Waffe fallen, hob die Hände und ließ sich festnehmen.

Ort der Ermordung Salman Taseers (Januar 2011)
Hasnain Kazim

Ort der Ermordung Salman Taseers (Januar 2011)

Taseer war auf der Stelle tot. Er galt als liberal, prowestlich und weltgewandt, man sagte ihm Frauengeschichten nach, er trank gern mal Alkohol und wagte es, den Mullahs zu widersprechen. Zum Verhängnis aber wurde ihm, dass er sich für die wegen "Blasphemie" zum Tode verurteilte Asia Bibi eingesetzt, sie im Gefängnis besucht und sich für ihre Freilassung ausgesprochen hatte.

Damit war er nach Ansicht Qadris selbst zum "Blasphemisten" geworden, seine Ermordung daher in den Augen des Mörders ein gerechtfertigter Akt. Tausende Menschen feierten Qadri für seine Tat, Hunderte Rechtsanwälte standen Spalier, als er dem Haftrichter vorgeführt wurde, warfen mit Rosenblättern und boten an, ihn kostenlos zu verteidigen.

Regierung erklärt, wie sehr sie gegen Extremismus kämpfe

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Am Kohsar-Markt sind in diesen Tagen viele Politiker und Offiziere anzutreffen, die Journalisten erklären wollen, wie sehr Pakistan gegen Extremisten kämpfe. Grund für die Redseligkeit ist der Vorwurf Indiens an Pakistan, hinter dem Selbstmordanschlag vom 14. Februar in Pulwama, im indischen Teil Kaschmirs, zu stecken. Pakistan unterstütze, wie schon in der Vergangenheit, islamistische Terroristen. Der Anschlag in Kaschmir hat die beiden Atommächte an den Rand eines Kriegs gebracht.

"Wir haben damit nichts zu tun", sagt ein ranghoher General der pakistanischen Armee. Er möchte nicht genannt werden, so wie kaum jemand in dieser heiklen Zeit namentlich zitiert werden will. "Wir kämpfen schon seit Jahren gegen Extremisten und Militante." Ab 2017 habe das Militär diesen Kampf massiv ausgeweitet. Pakistan habe dabei in den zurückliegenden Jahren Tausende Soldaten verloren, betont er. "Und Zigtausende Zivilisten sind gestorben infolge von Terroranschlägen."

Warum aber feiern nach wie vor viele Menschen in Pakistan Mörder wie Qadri? Der General schüttelt den Kopf. "Ja, wir haben solche Menschen in unserer Bevölkerung. Aber es wird dauern, bis wir die Extremisten besiegt haben." Im Falle Qadri habe zum Beispiel alle Unterstützung nichts genützt, sagt er. "Qadri wurde zum Tode verurteilt und am 29. Februar 2016 gehängt."

Todesschütze Mumtaz Qadri
REUTERS

Todesschütze Mumtaz Qadri

Vom Kohsar-Markt fährt man etwa eine halbe Stunde nach Bhara Kahu, einem Vorort von Islamabad im Nordosten der Hauptstadt. Mitten in einem Wohnviertel, hinter hohen Mauern, befindet sich ein Schrein. Hier liegt der Todesschütze Mumtaz Qadri begraben. Lichterketten erleuchten das Gebäude, eine Kuppel und zwei Türme schmücken das Dach. Es ist ein Monument für einen Mörder. Draußen, an der Mauer, hängen Plakate, die Qadri mit seinem Sohn zeigen. Beide tragen Turban. Ein Heiliger und sein Kind, so soll das wirken.

Hunderte drehen täglich ihre Runden

Als seine Hinrichtung bekannt wurde, protestierten Millionen Menschen in ganz Pakistan. Sie sahen Qadri zu Unrecht verurteilt, schließlich habe er im Namen der Religion einen "Blasphemisten" getötet. Zu seiner Beerdigung strömten Hunderttausende nach Bhara Kahu, dem Ort seiner Vorfahren. Manche Quellen sprechen von mehr als zwei Millionen Menschen.

Bis heute pilgern seine Anhänger hierher, Schilder weisen den Weg zum Grab. Auf dem Grabstein ein Turban abgelegt, Gold und Glitzer dominieren den Raum. Um die Grabkammer herum verläuft ein Gang, Dutzende, manchmal Hunderte umkreisen hier täglich betend ihren Helden.

Zwei mürrische Männer mit grünem Turban wachen am Eingang und nehmen Spenden entgegen. Qadri sei "ein Mann Gottes", sagt der eine. Aber er wurde doch wegen Mordes verurteilt, entgegnet man ihm. "Das zeigt, welch gottlose Leute in diesem Land das Sagen haben", lautet seine Antwort. Dann wendet er sich ab. Weitere Fragen sind nicht erwünscht.

Grabstätte von Mumtaz Qadri
Hasnain Kazim

Grabstätte von Mumtaz Qadri

Der Staat Pakistan lässt aber auch zu, dass dieser Schrein existiert, dass es also einen Ort gibt, an dem die Menschen einem Mörder huldigen.

Qadris Schrein wird zur Pilgerstätte

Während in diesen Tagen Dutzende Gebäude in und um Islamabad abgerissen werden, weil die Besitzer keine Baugenehmigung vorweisen können, bleibt der Schrein für Mumtaz Qadri stehen. Selbst das ehemalige Wohnhaus des Qaida-Anführers Osama Bin Laden in Abbottabad ließ die Regierung abreißen, um keinen Pilgerort für Extremisten entstehen zu lassen. Das Haus war aber auch ein Schandmal für Pakistan: Immerhin hatte hier jahrelang der meistgesuchte Terrorist gelebt, angeblich unbemerkt. Nachdem ihn 2011 eine US-Spezialeinheit getötet hatte, erfuhr die ganze Welt vom Versagen der Pakistaner.

Qadris Schrein wurde finanziert von dem Islamisten Khadim Hussain Rizvi, der nach der Ermordung Taseers die Partei "Tehreek-e-Labaik Pakistan Ya Rasul Allah" gründete, was in etwa bedeutet: "Bewegung derjenigen, die rufen: Ich folge dir, oh Gesandter Gottes". Ihr einziger Zweck: "Blasphemie" zu bestrafen. Entsprechend setzten Rizvi und seine Dschihadisten sich für einen Freispruch Qadris ein. Als er zum Tode verurteilt und später hingerichtet wurde, organisierten sie den Protest.

Ebenso legten sie wochenlang das öffentliche Leben in mehreren Städten lahm, als Asia Bibi, die "Blasphemistin", freigesprochen wurde. Premierminister Imran Khan ließ sich anfangs sogar auf Verhandlungen mit ihnen ein.

"Die Menschen glauben solch einen Schwachsinn"

Erst als Rizvi es wagte, den Tod von Armeechef General Qamar Javed Bajwa zu fordern, wurden die Proteste innerhalb kürzester Zeit von den Sicherheitskräften beendet und Rizvi eingesperrt. Zwei Dinge wurden deutlich: Erstens, niemand kann sich in Pakistan ungestraft mit dem Militär anlegen, auch Radikalislamisten nicht. Und die Armee kann, zweitens, jeden noch so großen Protest innerhalb kürzester Zeit beenden, wenn sie will. Nur: Oft will sie eben nicht.

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Extremismus in Pakistan: Totenkult um einen Killer

Die Generäle wissen, dass Millionen von Menschen empfänglich sind für die Botschaften der Islamisten. Qadris Vater verbreitet die Geschichte, dass sein Sohn, nachdem er dessen Leichnam nach der Hinrichtung in Empfang genommen und in einem Krankentransporter nach Bhara Kahu gefahren habe, auferstanden sei. Er habe sich aufgerichtet, hingesetzt und gesagt: "Weine nicht, Vater, mir geht es gut." Kurz bevor jemand die Tür des Wagens geöffnet habe, habe sein Sohn sich wieder hingelegt. Und nach der Beerdigung seien zwei Schwerter aus dem Grab gewachsen, als Symbol für seinen gerechten Kampf.

"Die Menschen glauben solch einen Schwachsinn", sagt der General am Kohsar-Markt. "Es wird dauern, bis diese Gesellschaft so gebildet ist, dass sie nicht mehr empfänglich ist für Leute, die Religion als Instrument der Verführung benutzen." Auch innerhalb des Militärs gebe es Menschen, die es für eine gute Idee hielten, Extremisten als Söldner zu nutzen. "Aber das ist definitiv nicht die Mehrheit", sagt er.

Er sagt das in einem Café am Kohsar-Markt nur wenige Meter von der Stelle entfernt, an der Salman Taseer von Mumtaz Qadri ermordet wurde. An den Gouverneur erinnert hier kein Schrein, keine Gedenktafel, es gibt nicht einmal Blumen oder Kerzen. Nichts.

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