Pakistans Geheimdienst ISI CIA klagt über Unterstützung für Taliban

Für Pakistan ist es peinlich, und die USA verlieren allmählich die Geduld: Die CIA beklagte sich laut "New York Times" bei der Regierung in Islamabad, dass ihr Geheimdienst gemeinsame Sache mit Terroristen macht.


Berlin - Der Verdacht liegt nahe, dass die Indiskretionen kein Zufall sind. Denn just während Pakistans neuer Premierminister Yousaf Raza Gilani Washington besucht, berichtet die "New York Times" ("NYT") heute unter Berufung auf amerikanische Militär- und Geheimdienstkreise, dass die CIA kürzlich in Pakistans Hauptstadt vorstellig wurde, um Belege für eine Kooperation zwischen pakistanischen Geheimdienstlern und islamistischen Militanten zu präsentieren.

Talibanführer Haqqani: Unterstützung durch Pakistans Geheimdienst?
AFP

Talibanführer Haqqani: Unterstützung durch Pakistans Geheimdienst?

Noch am gestrigen Dienstag hatte Gilani in einer US-Nachrichtensendung gesagt, solcherlei Vorwürfe seien "nicht glaubhaft". "Wir würden das nicht erlauben", erklärte Gilani.

"Ihr könnt mehr tun!"

Nun behauptet die CIA laut "New York Times" auch nicht, dass pakistanische Regierungsmitglieder zwangsläufig von den Vorgängen wüssten, die den US-Auslandsgeheimdienst und die Bush-Regierung so beunruhigen. Aber, so ein Informant der Zeitung, die Botschaft an die Regierung in Islamabad habe gelautet: "Ihr könntet mehr tun, und wir wollen, dass ihr mehr tut!"

Laut der "NYT" fand der hochrangige CIA-Besuch bereits am 12. Juli statt. Der Vizedirektor des Diensts, Stephen R. Kappes, habe unter anderem mit dem Premier, mehreren Generälen, einem Ex-Chef des pakistanischen Geheimdiensts ISI und dem gegenwärtigen ISI-Chef gesprochen. Er wurde begleitet vom Vorsitzenden der Vereinigten Teilstreitkräfte, Admiral Mike Mullen.

Das Ziel des Besuchs war es offenbar, den Pakistanern klarzumachen, dass die CIA klare Erkenntnisse über Kooperation zwischen einzelnen ISI-Mitarbeitern und terroristischen Netzwerken in den pakistanischen Stammesgebieten hat. Pakistan ist seit dem 11. September 2001 einer der wichtigsten Verbündeten der USA. Allerdings gilt es seit Jahren als gewiss, dass Teile der Armee und der Sicherheitsbehörden diesen Kurs ablehnen und torpedieren.

Deutliches diplomatisches Signal

Die USA sind ebenfalls seit Jahren der Meinung, dass die pakistanische Regierung nicht alles in ihrer Macht stehende tut, um diesen Zustand zu ändern. Der CIA-Besuch ist in diesem Kontext als ein deutliches diplomatische Signal zu werten, dass den USA allmählich die Geduld ausgeht. Er deutet auch an, dass die CIA ihre ehemals enge Beziehung zum ISI zu überdenken begonnen hat.

Allerdings behauptet die CIA laut "NYT" nicht, dass die ISI-Spitze in die Unterstützungsleistungen für die Militanten eingebunden ist oder davon Kenntnis hat. Das CIA-Dossier, so das Blatt, befasst sich vor allem mit Verbindungen von Beamten zum Netzwerk des Talibanführers Jalaluddin Haqqani, das wiederum mit al-Qaida in Verbindung steht. Sie sollen mitgeholfen haben, einen sicheren Rückzugsort für al-Qaida und andere Gruppen zu schaffen.

Wie ernst gemeint die US-Initiative ist, unterstreicht ein zweiter Besuch in Pakistan: Anfang der Woche besuchte Generalleutnant Martin E. Dempsey, der amtierende Kommandeur der US-Streitkräfte in Südwestasien, die Stammesgebiete in Pakistan.

Das Militär und der Geheimdienst führen in Pakistan seit Jahrzehnten ein faktisches Eigenleben. Nun fürchtet Washington, so die "NYT", dass der Dienst noch einflussreicher wird. Erst am vergangenen Wochenende scheiterte ein Versuch, den Dienst unter stärkere zivile Kontrolle zu zwingen - am Widerstand von ISI und Militär.

CIA-Besuch schon im Januar

Es ist unterdessen nicht das erste Mal, dass die USA Pakistan die Daumenschrauben anlegen. Erst im Januar flog CIA-Chef Michael Hayden nach Islamabad und überbrachte eine ähnliche Botschaft. Damals bat die CIA den damaligen Machthaber Pervez Musharraf um die Erlaubnis, in den Stammesgebieten mehr Aktionen durchführen zu dürfen. Musharraf ließ den US-Dienst allerdings abblitzen.

Ebenfalls Anfang dieses Jahres versuchte die US-Regierung über ihre eigene Botschafterin in Islamabad, Anne W. Peterson, die Pakistaner dazu zu bringen, Operationen gegen das Haqqani-Netzwerk durchzuführen. Dessen Führer, Jalaluddin Haqqani, galt lange Zeit als wahrscheinlich tot. Mittlerweile gilt das als widerlegt. Denn im März dieses Jahres wurde SPIEGEL ONLINE in Afghanistan ein Video zugespielt, dass eine aktuelle Ansprache des Mannes zeigte.

Unterdessen sind wegen der erstarkenden Taliban auch Spannungen zwischen Pakistan und Afghanistan entstanden. Nach einem Anschlag auf die indische Botschaft in Kabul warf die afghanische Regierung dem ISI öffentlich vor, darin verstrickt gewesen zu sein. Wenige Wochen zuvor hatte Afghanistans Präsident Hamid Karzai sogar damit gedroht, seine Soldaten über die Grenze zu schicken, um die Unterstützung für die afghanischen Taliban von Pakistan aus zu unterbinden.

yas



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