Pakistans Juristen Musharrafs unbeugsame Gegner

Pakistans Präsident Musharraf hat ihn ins Gefängnis stecken lassen - doch das schüchterte Mohammed Ikram Chaudhry nicht ein. Er ist graue Eminenz der Juristenszene, gehört zu den schärfsten Kritiker des Regimes und ist einer der Anführer der Demokratiebewegung.

Aus Rawalpindi berichtet


Rawalpindi - Mohammed Ikram Chaudhry hat seine Anwaltskanzlei in einem etwas heruntergekommenen Betonklotz an der Ortseinfahrt von Rawalpindi, wenige hundert Meter von der Stelle entfernt, an der die pakistanische Oppositionspolitikerin Benazir Bhutto ermordet wurde. Eine bröckelige Betontreppe ohne Geländer führt in den ersten Stock.

Wer diese Hürde genommen hat, steht im Büro eines der einflussreichsten Rechtsanwälte Pakistans: Der Mann, der seinen zweiten Nachnamen auf Stempeln, Visitenkarten und Schildern nur Ch. abkürzt, also Mohammad Ikram Ch., ist einer der Anführer einer Demokratiebewegung, die selbst die Pakistaner erstaunt: In seltener Einigkeit fordern Juristen, Rechtsanwälte wie Richter, Demokratie in Pakistan. Weil die sich ihrer Meinung nach nur ohne Präsident Pervez Musharraf entfalten kann, der sich 1999 ins Amt putschte, sind sie die Feinde der jetzigen Regierung.

Ikram, ein kleiner, dicker Mann mit strengem Seitenscheitel, grauem Schnurrbart und eckiger Metallbrille, hockt an seinem Schreibtisch hinter einem Bücher- und Aktenberg. Er trägt ein weißes Hemd mit gestärktem Kragen und einen schwarzen Anzug. Permanent klingelt sein Mobiltelefon, pakistanische Journalisten wollen ein Statement von ihm zur Lage der Nation. Während er mit ihnen spricht, fummelt er an einem Stapel Visitenkarten herum. Nach dem zehnten Anruf schaltet er genervt das Telefon aus. "Wir durchleben schreckliche Zeiten in diesem Land", sagt er. "Ich bin seit 32 Jahren Jurist, aber so miserabel war die Lage noch nie. Pakistans Einheit steht auf dem Spiel. Sie kann nur durch Freiheit und Demokratie erhalten werden."

Gemächlicher Wandel oder turbulente Revolution

Man merkt Ikram, Ex-Vizepräsident der Anwaltskammer am Obersten Gerichtshof, keine Furcht vor der Regierung an. Dabei hatte Musharraf ihn, die graue Eminenz der Juristenszene Pakistans, gemeinsam mit Hunderten seiner Kollegen sowie vielen kritischen Journalisten vor zwei Monaten für knapp zwei Wochen ins Gefängnis stecken lassen. "Musharraf wusste, dass in der ersten Novemberwoche das Oberste Gericht über die Rechtmäßigkeit seiner Präsidentschaft entscheiden würde", sagt Ikram. "Und da er das Urteil fürchtete, rief er den Ausnahmezustand aus. Daran sieht man, wie hilflos diese Regierung ist."

Es sind vor allem die Anwälte und Richter, die in Pakistan die Hoffnung auf Demokratie machen - sei es ein gemächlicher Wandel oder eine turbulente Revolution. Kaum jemand anders fordert so geschlossen, so mutig ein Ende der Diktatur. "Eine solche Einheit habe ich bisher noch nicht erlebt, aber unser Berufsstand kämpft seit der Staatsgründung Pakistans 1947 für Demokratie", sagt Ikram.

Und dann erzählt er aus der Geschichte, aus seiner Geschichte: Wie er als Student gemeinsam mit seinen Kommilitonen in den sechziger Jahren Fatima Jinnah, die Schwester des 1948 gestorbenen Staatsgründers Mohammed Ali Jinnah, im Kampf gegen den ersten Militärdiktator Mohammed Ajub Khan unterstützte; wie sie zunächst auf der Seite des demokratischen Premiers Zulfikar Ali Bhutto standen, der 1973 endlich eine Verfassung durchsetze, der sich dann aber selbst nicht an Gesetze hielt; wie enttäuscht sie waren von Benazir Bhutto und Nawaz Sharif, die sich in ihren jeweils zwei Amtszeiten als Premierminister um Recht und Gesetze nicht kümmerten, dafür umso mehr um ihren Machterhalt; und jetzt Musharraf.



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