Palästina Wer beerbt Arafat?

Nach der "Operation Schutzwall" wächst der Druck auf Jassir Arafat. Der Palästinenserführer hat nun Neuwahlen und Reformen seiner Autonomiebehörde angekündigt. Die potenziellen Nachfolger Arafats stehen in den Startlöchern. SPIEGEL ONLINE stellt die sieben aussichtsreichsten Kandidaten vor.

Von Alexander Schwabe


Hamburg - Eine Arafat-freundliche Interpretation deutet den plötzlichen Reformwillen des Palästinenserpräsidenten als Ausdruck seiner Souveränität. Nach seiner Entlassung aus der Isolation in seinem Hauptquartier in Ramallah sei er bei seinem Volk populärer denn je, daher könne er es sich jetzt leisten, öffentlich Fehler einzuräumen und Reformen anzugehen.In der Vergangenheit jedoch zeichnete sich Arafat durch einen äußerst autokratischen Regierungsstil aus, der jede Kritik maßregelte. Warum sollte er ausgerechnet jetzt, da er sich angeblich der Gefolgschaft der großen Mehrheit seines Volkes sicher sein kann, durch Reformen seine angebliche Machtposition schwächen? Dass Arafat sich nun auf eine Verfassungsreform einzulassen scheint, die möglicherweise die Schaffung des Amts eines Ministerpräsidenten und eine strikte Gewaltenteilung in den Autonomiegebieten vorsieht, hat einen anderen Grund: Es ist eine Reaktion auf internen und internationalen Druck.
Dschibril Radschub. Mächtiger Sicherheitschef im Westjordanland. Er steht dem größten Geheimdienst der Autonomiebehörde vor. Von Scharon jüngst als "Kämpfernatur" gewürdigt, von Arafat jüngst der Zusammenarbeit mit den Israelis und dem CIA beschuldigt, nachdem der Palästinenserführer ein Komplott Radschubs gegen ihn witterte. Mohammed Dahlan. Mit Dschibril Radschub einer der beiden mächtigen Sicherheitschefs. Dahlan kontrolliert den Gaza-Streifen. Angeblich von den Amerikanern begünstigt. Als Unterhändler in Camp David gab er sich im Sommer 2000 gemäßigt.
Faruk Kaddumi. Von Arafat als möglicher Nachfolger aufgebaut. Er steht der politischen Abteilung der PLO vor. Mahmud Abbas, genannt Abu Mazen. Arafats Stellvertreter an der Spitze der Fatah. Er gehört zur Gruppe derer, die mit Arafat im Exil in Tunis waren. Viele Palästinenser halten ihn für korrupt und schwach. Nachdem Abu Mazen gewagt hatte, Arafat zu kritisieren, wurde ihm vorübergehend Einfluss entzogen. Heute fehlt ihm die Unterstützung der jungen Generation. Sari Nusseiba. Professor für islamische Philosophie. Nachfolger Feissal Husseinis als PLO-Vertreter im Orient Haus in Ostjerusalem. Immer wieder als Nachfolger Arafats ins Gespräch gebracht, doch ohne große eigene Ambitionen. Weil er für Gewaltlosigkeit eintritt, ist er Hoffnungsträger der israelischen Linken und palästinensischer Intellektueller.
Ahmed Kurei, genannt Abu Ala. Sprecher des palästinensischen Autonomieparlaments. Mitte Februar wurde er von der israelischen Armee an einem Checkpoint beschossen. Kurei führte die palästinensischen Unterhändler während der Geheimverhandlungen im Vorfeld zum Oslo-Abkommen an. Im Falle eines Abtretens Arafats würde er formal das Präsidentenamt übernehmen. Marwan Barghuti. Fatah-Chef im Westjordanland und Verfechter der al-Aksa-Intifada. Er führt die Tanzim-Krieger, eine Miliz Jugendlicher. Einer der von den Israelis meistgesuchten Männer. Sitzt seit Mitte April in israelischer Haft.
Wer könnte Arafat in der politisch wichtigsten Position als Regierungschef folgen? Klicken Sie auf die Fotos.
Arafat kann sich den Palästinensern gegenüber zwar als standfest präsentieren, als lebenden Märtyrer, nachdem ihn Scharons Soldaten wochenlang in seinem Hauptquartier von der Außenwelt abgeschlossen hatten und ihm mit vorgehaltenem Kanonenrohr zeigten, wer in Palästina wirklich das Sagen hat. Seine Wutausbrüche am Ende seiner Gefangenschaft sind jedoch ein Indiz dafür, dass ihm offenbar klar geworden ist, wie begrenzt seine Macht ist.Die militärische Stärke Israels, in den vergangenen Wochen machtvoll in der "Operation Schutzwall" demonstriert, hat nach Ansicht des palästinensischen Politologen Gassan Chatib dazu geführt, dass die Palästinenser "alle Illusionen verloren" haben. Nach dem jüngsten schweren Anschlag eines Suizidattentäters auf eine Spielhalle bei Rischon le Zion in der Nähe von Haifa, bei dem am 7. Mai 17 Menschen ums Leben kamen, ließen die Israelis erneut die Muskeln spielen. Kaum dass Arafat frei war, fuhren Panzer zu Hunderten vor Gaza auf, Arafat war erneut gedemütigt. Angegriffen und geschwächt

Arafat hängt in der Luft. Die Amerikaner und die Israelis sind höchst ungehalten, weil er viel zu wenig tue, um die Anschläge palästinensischer Selbstmordattentäter in Israel zu verhindern. Die Leute der Hamas oder des Dschihad Islami, selbst Kämpfer des militärischen Flügels seiner eigenen Fatah-Organisation, der al-Aksa-Brigaden, verachten ihn, weil er durch seine Kompromisshaltung den Israelis gegenüber die nationalen Interessen des palästinensischen Volkes verrate.Der libanesische Drusenführer Walid Dschumblat lancierte am Donnerstag in der arabischen Zeitung "al-Hayat" das Gerücht, die arabischen Staatschefs fänden Gefallen an der Idee, Arafat an der Spitze der palästinensischen Autonomiebehörde auszutauschen. "Ich schließe aus dem, was mir syrische Verantwortliche gesagt haben, dass sie besorgt sind, die Araber könnten der Idee folgen, Arafat auszutauschen", sagte Dschumblat.Derart angegriffen und geschwächt, verwundert es nicht, dass inzwischen auch Kritiker aus den eigenen Reihen immer mehr Mut fassen, am Sockel des lebenden Denkmals zu kratzen. Arafats Stellvertreter an der Spitze der Fatah, Mahmud Abbas, genannt Abu Mazen, forderte nach dem Rückzug der israelischen Armee aus den besetzten palästinensischen Städten öffentlich Neuwahlen. Arafats Ex-Chefunterhändler Sajib Erekat sagte nach dem Abzug der Israelis aus Ramallah, niemand dürfe sich jetzt umfassenden Reformen widersetzen. Arafat aufs Altenteil Nabil Amr, Minister für parlamentarische Angelegenheiten, trat demonstrativ zurück, weil Arafat seine Vorschläge für mehr Demokratie in den Wind schlug. Der Abgeordnete Hossam Chader fasste gar den Mut, mit einem in der Fatah diskutierten Reformplan an die Öffentlichkeit zu gehen. Diesem Plan nach würde Arafat aufs Altenteil abgeschoben werden. Er hätte nur noch repräsentative Aufgaben.Am Donnerstag forderten führende Mitglieder des palästinensischen Parlaments Arafat auf, innerhalb eines Jahres den Präsidenten, das Parlament und die Kommunalparlamente neu wählen zu lassen. Zuvor allerdings solle Arafat seine Regierung innerhalb von 45 Tagen umbilden. Die neue Generation versucht die Gunst der Stunde auch für strukturelle Veränderungen zu nutzen, solange der Übervater noch angeschlagen wirkt. Sollte es wirklich zu einer tief greifenden Verfassungsreform mit einer stärkeren demokratischen Ausrichtung kommen, wird Arafat wohl nur noch als Symbolfigur dienen. Um die politische Zukunft werden sich die Diadochen der PLO und die starken Zulauf erfahrenden Extremistenorganisationen streiten.



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