Palästinenser Barguthi tritt doch nicht zur Präsidentenwahl an

Der in Israel inhaftierte Palästinenserführer hat seine Kandidatur für das Präsidentenamt zurückgezogen. Das erklärten Vertraute Barguthis in Ramallah. Der 45-Jährige hatte mit der Gegenkandidatur zu PLO-Chef Abbas viele verärgert. Im israelisch-ägyptischen Grenzgebiet gab es unterdessen einen Anschlag mit vier Toten.


Marwan Barguthi: Beliebt vor allem bei den Jüngeren
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Marwan Barguthi: Beliebt vor allem bei den Jüngeren

Ramallah - Barguthis Ehefrau Fadwa verlas heute Abend bei einer Pressekonferenz in Ramallah einen Brief Barghoutis, in dem dieser die PLO-Mehrheitsfraktion Fatah, der er selbst offiziell angehört, scharf angriff. Gleichzeitig deutete sie an, ihr Mann werde sich aus dem Rennen um die Nachfolge des am 11. November verstorbenen palästinensischen Präsidenten Jassir Arafat zurückziehen. Vertraute von Barghuti erklärten, seine Frau werde am Montag seinen endgültigen Verzicht formell bekannt geben.

Der heutigen Entscheidung war ein Nerven aufreibendes Hickhack vorausgegangen. Barghuti hatte ursprünglich zu Gunsten des neuen PLO-Chefs Mahmud Abbas von einer Kandidatur abgesehen. Wenige Stunden vor Fristablauf hatte seine Frau dann doch noch seine Bewerbung eingereicht. Dies war innerhalb der Fatah auf heftige Kritik gestoßen, weil der palästinensischen Bewegung dadurch eine Spaltung drohte. Barghuti hat vor allem die jüngeren Palästinenser hinter sich. In Meinungsumfragen lag er zuletzt mit Abbas gleichauf.

Israel hat stets erklärt, Barguthi werde auch im Falle seiner Wahl zum palästinensischen Präsidenten nicht aus dem Gefängnis entlassen. Er wurde wegen Beteiligung an Anschlägen auf Israelis zu einer fünffachen lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Anschläge auf israelische Grenzsoldaten

Militante Palästinenser haben heute unter einem israelischen Kontrollposten im Gazastreifen an der Grenze zu Ägypten einen Sprengsatz zur Explosion gebracht. Nur eine Stunde später gab es eine zweite Explosion. Mindestens vier israelische Soldaten starben, teilte ein Berater des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon mit. Neben den Todesopfern gab es mindestens zehn weitere Verletzte, sagte Raanan Gissin.

Ein Palästinenser, der sich Abu Madschad nannte, bekannte sich im Namen der Organisation Fatah-Falken zu dem Anschlag, bei dem Sprengstoff in einem Tunnel unterhalb eines israelischen Grenzpostens zur Explosion gebracht worden war. Es habe sich dabei um die Vergeltung für "die Ermordung" von Jassir Arafat gehandelt, erklärte er. Einige Palästinenser werfen Israel vor, für den Tod des palästinensischen Präsidenten verantwortlich zu sein und ihn vergiftet zu haben. Arafat war am 11. November in einem Pariser Krankenhaus nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben.

Wie Abu Madschad weiter sagte, war der Tunnel etwa 250 Meter lang. Der Posten sei nach der Explosion beschossen worden. Laut einem Hamas-Sprecher wurden 1,5 Tonnen Sprengstoff gezündet. Palästinenser erklärten, sie hätten eine laute Explosion und dann Maschinengewehrfeuer gehört.

Militante Palästinenser haben schon zuvor Tunnel unter israelische Stützpunkte gegraben, diese mit Sprengstoff gefüllt und dann zur Explosion gebracht. Häufiger werden aber Tunnel vom Gazastreifen nach Ägypten zum Schmuggel von Waffen und anderen Gütern benutzt.

Nur eine Stunde nach der Explosion in dem Tunnel war eine zweite Explosion in der Nähe der israelisch-ägyptischen Grenze zu hören gewesen. Ob es auch hier Verletzte oder Tote gab, blieb unklar.



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