Palästinenser Die Vorfreude der Hamas

Die Hamas ist für unzählige Selbstmordattentate verantwortlich, ihr Ziel ist die Vernichtung Israels. Trotzdem könnten die Islamisten nach der morgigen Wahl erstmals Minister in der palästinensischen Regierung stellen – mit unabsehbaren Folgen für den Nahostkonflikt.

Aus Ramallah berichtet Yassin Musharbash


Ramallah - Obwohl die vier Besucher, die bei Mokka und Pfefferminztee im "Café Palestine" zusammenhocken, in zivil unterwegs sind, kann man sie leicht identifizieren: Sie haben je einen blauen Fingernagel. "Erwischt!", sagt einer lachend, als er darauf angesprochen wird. Die Markierung weist die vier jungen Männer als Mitglieder der palästinensischen Polizei aus, denn nur die haben schon gewählt. Für die Übrigen der 1,3 Millionen Wahlberechtigten zwischen Jericho und Gaza findet der Urnengang erst morgen statt. Trotzdem liegt schon heute gespannte Ruhe über Ramallah, der heimlichen Hauptstadt der Palästinensischen Gebiete. Beim Bäcker, beim Friseur, beim Metzger: Es gibt keinen anderen Gesprächsstoff als die Parlamentswahl. Denn morgen droht eine Umwälzung der Gewichte im Nahostkonflikt, deren Folgen noch nicht abzuschätzen sind.

Hamas-Kandidat Ramahi: "Islamische Republik nach Referendum"
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Hamas-Kandidat Ramahi: "Islamische Republik nach Referendum"

Die radikalislamische Hamas-Bewegung, Urheberin ungezählter Selbstmordattentate gegen israelische Zivilisten, schickt sich an, das Machtmonopol der Arafat-Bewegung Fatah zu brechen. Dabei braucht es noch nicht einmal einen Sieg der Islamisten, um den Nahen Osten durcheinander zu wirbeln. Erreichen die Militanten tatsächlich die - für den besten Fall - prognostizierten 35 Prozent, wird es kaum möglich sein, sie nicht an der Regierung zu beteiligen. Nach palästinensischer Auffassung geböte es der politische Anstand, der Hamas in diesem Fall einige Ministerposten anzubieten. Eine starke Hamas in der Opposition würde als Versuch der Ausgrenzung durch die regierende Fatah gewertet.

Die vier Polizisten im "Café Palestine" lassen an der 1987 vom mittlerweile durch die israelische Armee getöteten Scheich Jassin gegründeten Hamas kein gutes Haar: "Fatah steht für Frieden und Verhandlungen mit Israel. Hamas macht mit ihren Anschlägen immer alles kaputt", sagt der Wortführer. Dass die Hamas jetzt so stark sei, liege überhaupt nur daran, dass sie die Wähler mit Wohltaten kaufe, sind sich die Polizisten einig. Die Abneigung ist nicht überraschend: Wie fast alle Polizisten waren auch diese schon vor ihrer Bestallung Fatah-Aktivisten. "Genau genommen haben wir unsere Jobs nur deswegen", gibt der Jüngste unumwunden zu. Sie bangen im Falle eines Hamas-Sieges um ihre Jobs. Aber genau diese Günstingswirtschaft, finden wiederum die Hamas-Anhänger, ist das Problem mit der Fata. Und genau deshalb hatte die radikalislamische Organisation zuletzt solchen Zulauf.

Kann Hamas die Gier besser kontrollieren?

Mohammed zum Beispiel: Der 33-Jährige lebt in dem Flüchtlingslager Jalazon in der Nähe von Ramallah. In der ersten Intifada, die 1987 begann, warf er Steine und schrieb "Fatah" an jede Wand. Morgen wird er Hamas wählen. "Ich hab es satt", bricht es aus ihm heraus. Jeden Tag auf dem Weg nach Ramallah, wo er Süßigkeiten verkauft, kommt Mohammed an den Villen der Minister und hohen Beamten vorbei. "Und ich lebe mit meinen vier Kindern und meiner Frau in einem kleinen Zimmer", schimpft er. Mohammed hat genug von den Korruptionsskandalen der Fatah-Führung, er will, "dass das ganze Geld bei uns ankommt, ohne dass sich jeder etwas abzweigt". Mohammed ist eher Normalfall als Ausnahme: Fast jeder, der dieses Mal Hamas wählen will, tut es, weil er die Islamisten für weniger korrupt hält. Mit einem plötzlichen Umsichgreifen islamistischer Ideen hat der Aufschwung der Hamas wenig zu tun. Eher geht es den Wählern um einen gigantischen Denkzettel für die Fatah.

Die Hamas hat diese Entwicklung, die sich schon lange abzeichnet, geschickt aufgenommen. Die ersten Parlamentswahlen 1996, als sie eine winzige Minderheit war, lehnte sie noch ab. Sie sah lieber aus der Distanz zu, wie die Fatah scheiterte - an der eigenen Unfähigkeit, an israelischer Hartleibigkeit und an den Folgen der militanten Aktionen von Hamas und Dschihad. Als 2005 Kommunalwahlen anstanden, war die Hamas dann plötzlich bereit, sich auf die Politik einzulassen. Sie gewann überall massiv dazu, und etliche Städte Palästinas werden seither von ihr regiert. Angesichts dieses Erfolgs war die Teilnahme an der Parlamentswahl schnell beschlossen.

Seitdem tobt ein skurriler Wahlkampf: Die Hamas gibt sich bieder, zahm und moderat. Sie weiß schließlich, in welchem Milieu sie wildert. Die Fatah wiederum weiß sich dagegen nur zu wehren, indem sie an die offiziell überwundenen Wurzeln appelliert: "Die erste Patrone, der erste Stein", plakatiert sie, mit Maschinengewehren im Hintergrund.

Vernichtung Israels? Wird vertagt!

Die Wahlkampfzentrale der Hamas in Ramallah liegt im vierten Stock eines schmuddeligen Hochhauses. Überall hängen Poster mit einem lächelnden Scheich Jassin. Auf den Ankündigungen für Wahlkampfveranstaltungen steht stets "gesonderte Räumlichkeiten für Frauen vorhanden". An einem langen Konferenztisch sitzt der Anästhesist Mahmud Ramahi, ein kräftiger Mann mit Schnauzbart, Jackett und Krawatte, und träumt schon einmal von der Macht: "Als erstes würden wir harte Gesetz gegen Korruption erlassen", kündigt er an. Eine "Regierung der nationalen Einheit", in der die Hamas einige Ministerien innehat, kann er sich sehr gut vorstellen. Die internationale Dimension, die ein solcher Zug hätte, sind ihm entweder unklar - oder egal.

In der Tat würde eine solche Konstellation alle Friedensbemühungen um Jahrzehnte zurückwerfen: Weder die Israelis, noch die USA oder die EU würden mit Hamas verhandeln; die Hilfsgelder würden spärlich oder gar nicht mehr fließen. "Macht nichts", sagt der 43-Jährige, der überhaupt nicht wie ein Islamist aussieht. "Das nötige Geld wird durch das Ende der Vetternwirtschaft in die Kassen gespült."

Geradezu mustergültig kommt bei Ramahi die Strategie der Hamas für diesen Wahlkampf zur Geltung: Alles, was die noch unentschiedenen Wähler verschrecken könnte, wird weichgespült. Natürlich will man eine "islamische Republik", gibt der Mann zu, "aber nicht ohne Referendum, keine Angst!" Danach freilich müssten "die Minderheiten akzeptieren, dass die Mehrheit entscheidet". Die Christen Palästinas würden es wohl als erste zu spüren bekommen.

Regieren und terrorisieren

Und wie kann die Hamas Mitglied der Autonomiebehörde werden, die auf der Anerkennung Israels gegründet ist, wenn sie in ihrer Charta die Vernichtung Israels verlangt? Ist dieser Spagat nicht etwas zu groß? "Meine Generation wäre bereit, eine Zwischenlösung zu akzeptieren", übt sich der in Italien ausgebildete Arzt in Diplomatie. Rückkehr aller Flüchtlinge, Auflösung aller Siedlungen, Jerusalem als Hauptstadt, Freilassung aller Gefangenen und ein Staat in den Grenzen von 1967 - unter diesen Bedingungen könnte man die Entscheidung über die Zukunft, sprich: Auslöschung Israels "der nächsten Generation überlassen". Die Anschläge sollen derweil natürlich auch nach einer Regierungsbeteiligung weitergehen, "weil wir das Recht dazu haben". Ramahi ist sicher, dass die internationalen Parteien letzten Endes nicht umhin kämen, mit der Hamas zu reden: "Wir sind die Zukunft dieser Region, ohne uns geht bald nichts mehr", sagt er sehr zufrieden - und mit einem Hauch Vorfreude.

Die muss nicht unberechtigt sein: 132 Abgeordnete werden morgen bestimmt, je zur Hälfte über Liste und als Direktabgeordnete. Die Hamas wird der Fatah, die in vielen Wahlkreisen mit offiziellen und zugleich unabhängigen Kandidaten auftritt, etliche Mandate abnehmen. Sie ist besser organisiert. Sie ist disziplinierter. Ihre Kandidaten haben echte Berufe und nicht ein Leben im Exil und danach in fantasievoll kreierten politischen Posten hinter sich. Das alles kommt an. Nach fünf Jahren Intifada steht vielen Palästinensern im Moment der Sinn eher nach einer Verbesserung der inneren Zustände als nach neuen Friedensverhandlungen.

"Ich bete nicht, ich faste nicht, ich gehe nicht mal in die Moschee", sagt zum Beispiel Mohammeds Freund und Nachbar Samir, der keinen Job hat. "Ich wähle trotzdem Hamas." Die internationalen Konsequenzen stören ihn nicht: "Erstens darf uns das nicht davon abhalten, die zu wählen, die wir für am besten für unsere Lage halten. Und zweitens: Davon, dass wir jetzt angeblich so viel von ausländischer Hilfe profitieren, haben ich noch nie etwas gemerkt."



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