Palästinenser im Siedlungsbau Guter Job, verhasster Job

Bagger beim Siedlungsbau in Westjordanland: "Ich bin gezwungen, Palästina zu verraten"
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Bagger beim Siedlungsbau in Westjordanland: "Ich bin gezwungen, Palästina zu verraten"

Aus Sindschil berichtet

2. Teil: Hinter dem Stacheldraht liegt eine andere Welt


Dass ein jüdischer Fliesenleger von den Siedlern 160 Euro am Tag bezahlt bekommt, kratzt Asfur nicht. "Wenn ich anfange, mir darum Gedanken zu machen, werde ich meines Lebens nicht mehr froh." Richtig zornig macht ihn hingegen, wenn die Siedler beschließen, ihn nach getaner Arbeit nicht zu bezahlen. Vergangenes Jahr sei ihm das wieder passiert, ein Siedler habe ihm umgerechnet 2300 Euro geschuldet. Nach monatelangem Hin und Her habe er ihm 550 Euro gezahlt und seine Anrufe fortan ignoriert. Später habe er den Mann zufällig wieder getroffen. Sein ehemaliger Auftraggeber habe ihm ins Gesicht gesagt, dass er seine Schulden nicht begleichen werde, erzählt Asfur. "Er hat gegrinst und gesagt: Du kannst machen, was du willst, ich zahle nicht. Und wenn ich dich noch mal hier sehe, erschieße ich dich."

Die Asfurs lebt in Sindschil, einer 5000-Einwohner-Gemeinde 20 Kilometer nordöstlich von Jerusalem. Es ist ein Fleckchen Erde mit Geschichte: Die Kreuzfahrer bauten eine Burg Saint Gilles auf dem imposanten Felssporn, an den sich die Häuser schmiegen. Vom Namen der Wehranlage leitet sich der heutige Dorfname ab.

Es muss ein seltsames Leben sein, das Asfur führt. Morgens in aller Herrgottsfrühe macht er sich auf zu seinen ungeliebten Nachbarn: Dann fährt er durch die oft noch nebelverhangenen Täler des Westjordanlands in die Siedlungen Ofra, Kohav Jacov oder Bet El. An den schweren, oft elektronisch überwachten Toren der Siedlungen werden die palästinensischen Arbeiter auf Waffen gefilzt. Hinter dem Stacheldraht liegt eine andere Welt. Strom, Wasser, Straßen, alle Infrastruktur hier ist vom israelischem Staat finanziert. "Die schäbigste Siedlung ist besser ausgestattet als die modernste Stadt in Palästina", sagt Asfur.

"Palästina unterstützt mich nicht"

An einigen Tagen muss er seinen Stolz hinunterschlucken, um bis Feierabend durchzuhalten. "Bestimmte Bauherren nutzten die Gelegenheit, uns einen Vortrag zu halten", sagt Asfur. Dann ergingen sich die Siedler darüber, dass das umliegende Land ihnen gehört, dass die Palästinenser in diesem Land, das den Juden von Gott versprochenen sei, nichts zu suchen hätten. "Ihr müsst hier weg", hört Asfur dann. "Einige Siedler sind aber auch nett", sagt Asfur, nach längerem Nachdenken fällt ihm ein Beispiel ein. "Es gab einen, der mal gesagt hat, auch wir hätten ein Recht, hier zu leben."

Dass es in Palästina keine gut bezahlte Arbeit gebe, liege daran, dass es keinen Staat gibt, sagt Asfur. Doch dieser Staat existiert auch deshalb nicht, weil - unter anderem von ihm - immer neue Siedlungen hochgezogen werden. "Was soll ich denn machen? Ich unterstütze Palästina, wo immer ich kann, aber Palästina unterstützt mich nicht."

Um wenigstens ein kleines Scherflein beizutragen, boykottieren die Asfurs wie Zigtausende Palästinenser Produkte, die in israelischen Siedlungen produziert werden.

Fällt sein Werk einmal den Bulldozern zum Opfer?

Asfur schätzt sich glücklich, dass seine Familie und seine Freunde Verständnis für seinen Job haben. "Die würden selber gern so eine sichere Arbeit haben wie ich." Selbst die Behörden zeigten Einsicht und ließen die Gastarbeiter im eigenen Land in Frieden.

An den Erfolg der gerade stattfindenden Friedensgespräche glaubt Asfur nicht. "Wir reden seit 18 Jahren miteinander, warum sollten die Israelis uns dieses Mal wirklich etwas geben wollen?" Trotzdem glaubt der Vater von vier Kindern, dass der Staat Palästina eines Tages Realität werden wird.

Bei ihrem Abzug aus dem Gaza-Streifen schleifte Israel noch jedes Haus der dortigen jüdischen Siedlungen. Denkt Asfur darüber nach, dass all die Böden und Bäder, die er gefliest hat, eines Tages den Bulldozern zum Opfer fallen könnten?

Er könne sich zwei Szenarien vorstellen, sagt Asfur: Entweder die geräumten jüdischen Siedlungen würden zur Heimstatt der zurückgekehrten palästinensischen Flüchtlinge, "das wäre großartig". Oder aber Israel risse alles ab, bevor es das Westjordanland räume. Und wenn das der Preis für die Freiheit wäre, sagt Asfur, wäre seine Freude größer als die Wehmut über die zerschlagenen Fliesen.



insgesamt 31 Beiträge
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komajo 10.10.2010
1. Man hört immer
illegaler Siedlungsbau. Gibt es dort keinen Grundstückskataster? Wurden die Hausplätze gekauft oder genommen? Woran scheitert es, dass dort zivilisierte Rechtsverhältnisse geschaffen werden?
Ernst August 10.10.2010
2. Wer Gewalt sät wird durch Gewalt sterben.
Zitat von sysopFliesenlegen für den Feind: Wie viele Tausend seiner Landsleute hat der palästinensische Bauarbeiter Haitham Asfur einen politisch höchst heiklen Job. Er baut ausgerechnet die umstrittenen jüdischen Siedlungen, die dem Friedensprozess im Weg stehen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,720698,00.html
Erst das Land mit Gewalt (Wir erinnern uns wer die Erfinder des koordinierten Bombenterrors der Neuzeit sind? Nein ? - fragen wir mal die Engländer nach den Fahndungsplakaten) und mit von irren Geistern gefälschten 3000 Jahre alten göttlichen Papieren (Irre Religion und Gewalt), nehmen und die Besitzer des Landes vertreiben, ermorden und einsperren und ständig bombardieren, dividieren und drangsalieren und aks Täter die Welt in der Opferrolle anjammern und sich von ihr mit Waffen und Held versorgen lassen und sie dann auch noch die Beraubten, Ermordeten und Eingesperrten weil die ja schließlich essen müssen auch noch zum weiteren Raub ihres eigenen Landes beschäftigen und der Welt was von Siedlern gegen die man nichts machen kann frech ins Gesicht lügen. Perfider geht es nicht und das Ende wird sein wie der Anfang war. Übrig bleiben wird den Räubern und Mördern nichts weil sie es zu bunt getrieben haben – und das ist dann auch gerecht so.
marifu 10.10.2010
3. Fassungslos....
"Einen Tag Fliesen legen in einem palästinensischen Dorf bringt im umgerechnet 40 Euro ein." Ein Tag = 40 Euro x 5 = 200 Euro pro Woche, x 4 = 800 Euro pro Monat ..? Und das ist ihm für seine Familie zu wenig ??? Ich arbeite für weniger als ein fünftel und habe auch zwei Kinder durchs Abi gebracht. Man sieht mal wieder, für Prinzipien, für Recht und Überzeugung leiden, kämpfen und sterben die falschen Palästinenser im Nahen-Osten. Kein Wunder wenn die Mehrheit der Bevölkerung im Gazastreifen mit der Fatah-Partei und ihren korrupten Anhängern im WJL nichts zu tun haben wollen. Man kann jede miese Arbeit annehmen und mit sehr wenigem leben, auch sich erniedrigen lassen, man tut eigentlich alles um die Kinder durchzubringen. Aber wer ein Funken Ehrgefühl im Leib hat, würde sich niemals selbst soweit erniedrigen um jüdischen Siedlern, die das eigene Land stehlen auch noch ihre Häuser und Siedlungen zu bauen. Wer an Unrecht mitarbeitet und mitverdient macht sich selbst mitschuldig, alles andere sind Ausreden. Asfour sagt: "Ich will, dass mein Sohn sein Leben nicht wie ich auf den Knien verbringt" ?? Aber wenn sein Sohn oder seine Enkel irgendwann kein Land mehr haben um darin aufrecht gehen zu können, das stört ihn anscheinend nicht ? Seltsame Logik. Kann bis heute nicht verstehen, dass manche Leute sich für rein gar nichts zu schade sind. Frage mich, wie solche Menschen nachts schlafen können wenn Israel Tag für Tag , Jahr aus Jahr ein Palästinenser diskriminiert, vertreibt und ihnen das Land wegnimmt während sie ihnen Toiletten in die Siedlungen auf dem gestohlenen Land ihres Bruders einbauen ? Wo bleibt ihr Gottvertrauen ? Und das bei ehrlich verdienten 800 Euro pro Monat in einem palästinensischen Dorf ? 160 Euro pro Tag von den Siedlern ?... und bringt ihm kein Glück. Es liegt eben kein Segen auf dem Geld !
Kassian 10.10.2010
4. .
LOL, es war ja zu vermuten, aber das die dort unten wirklich Palästinenser ausgerechnet diese Arbeiten verrichten lassen ist schon perfide.
marifu 10.10.2010
5. ---
Zitat von komajoillegaler Siedlungsbau. Gibt es dort keinen Grundstückskataster? Wurden die Hausplätze gekauft oder genommen? Woran scheitert es, dass dort zivilisierte Rechtsverhältnisse geschaffen werden?
Wie die Siedler bzw. die israelische Regierung ganz "legal" zu (palästinensischem) Land kommen, kann man hier nachlesen: http://www.palaestina.org/politik/offene_fragen/siedlungspolitik.php
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