Palästinenser "Poesie und Träume halten uns zusammen"

Während die Israelis den 60. Geburtstag ihres Staates feiern, gedenken die Palästinenser der Vertreibungen. "Jedes Kind palästinensischer Flüchtlinge fühlt diese Bürde", sagt die Anthropologin Lila Abu-Lughod im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Trotzdem sei der Jahrestag kein Tag der Trauer.


SPIEGEL ONLINE: Heute gedenken die Palästinenser der "Nakba" – der massenhaften Vertreibung im Zuge der Gründung Israels vor 60 Jahren. Sie haben sich als Anthropologin mit der Nakba beschäftigt und sind selbst palästinensisch-stämmig. Was bedeutet dieser Tag für Sie?

Abu-Lughod: Zwar war nur mein Vater Palästinenser, aber die politische Ungerechtigkeit in Israel/Palästina war beiden meinen Eltern klar. Jedes Kind palästinensischer Flüchtlinge fühlt die Bürde der Ereignisse von 1948 – nicht nur durch Erzählungen der Eltern oder Großeltern, sondern auch wegen der Resultate, die sich bis heute in anhaltender Gewalt zeigen. Auch wer wie ich in den USA lebt, wird mit symbolischer Gewalt konfrontiert, etwa in der Form von falschen Darstellungen in den Medien. Ich sehe den Jahrestag nicht als Tag der Trauer, sondern als Gelegenheit, die Welt dazu zu bringen, zuzuhören - und nachzudenken, wie das für unsere Vision für eine Lösung des Konflikts bedeutet.

SPIEGEL ONLINE: Die Nakba ist ein Trauma für die Palästinenser. Hunderttausende mussten ihre Häuser zurücklassen. Die Zahl jener, die das miterlebten, sinkt aber mit jedem Jahr. Hat das die Bedeutung des Jahrestages verändert?

Abu-Lughod: Rosemary Sayigh, die über Jahrzehnte Palästinenser zu ihren Erlebnissen interviewt hat, beschreibt ihre Arbeit als ein Rennen gegen die Zeit.

Diana Allan, eine Harvard-Anthropologin, die Videos von alten Männern und Frauen in Flüchtlingslagern im Libanon gemacht hat, um ein "Nakba-Archiv" zu errichten, sagt dagegen, dass es zwar wichtig ist, diese Geschichten zu sammeln – uns das aber nicht davon abhalten sollten, die Probleme der Palästinenser in der Gegenwart wahrzunehmen. Ich verfolge mit Interesse, wie diese Art der Nakba-Erinnerung Menschen zum Geschichtenerzählen animiert. Ein gutes Beispiel ist die Serie "Unerzählte Geschichten" des Institute for Middle East Understanding.

SPIEGEL ONLINE: Die Nakba und die Gründung Israels kann man nicht trennen. Was heißt das für die Beziehungen zwischen Palästinensern und Israelis heute?

Abu-Lughod: Palästinenser und Israelis sind eng miteinander verflochten. Jede Lösung muss aber anerkennen, dass Israel auf der Grundlage der Vertreibung und Enteignung der Palästinenser gegründet wurde. Danach können wir uns zusammensetzen und über Wiedergutmachung, Kompensation und alles andere sprechen, das den Weg nach vorne ebnen kann. In Israel/Palästina haben wir eine großartige Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie man die Geschichte ändern kann - durch einen demokratischen Staat mit einer lebendigen Zukunft für jeden.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch beschreiben Sie, dass sowohl die Kinder der Palästinenser, die die Nakba erlebten, als auch die Kinder jener in Europa verfolgten Juden, die sich nach Israel retten konnten, mit den traumatischen Erlebnissen ihrer Eltern konfrontiert waren.

Abu-Lughod: Mein Kollege Ahmad Sa'di, der ein palästinensischer Bürger Israels ist und sowohl die Geschichte studiert hat, als auch selbst der schmerzvollen Erfahrung ausgesetzt war, in einem Staat zu leben, der sich auf Unterscheidung gründet, hat in unserem Buch auf die Ironie hingewiesen, die darin liegt, dass ein Volk, das so viel gelitten hat, so viel Gewalt ausübt.

SPIEGEL ONLINE: In einigen Kreisen wird es als antisemitisch wahrgenommen, das eine Ironie zu nennen. Das Argument ist, dass niemand das Recht habe, den Opfern des Holocaust auch noch abzuverlangen, aus ihrer Verfolgung zu lernen.

Abu-Lughod: Ich habe keinen solchen Vergleich angestellt und würde das auch nicht. Ich würde auch nie sagen, dass Holocaust-Opfer etwas zu "lernen" haben. Aber es verstört mich, wie Andere das, was Palästinenser sagen, falsch wiedergeben oder ihnen das moralische Recht absprechen, über das zu reden, was ihnen widerfahren ist. Was falsche Antisemitismus-Vorwürfe angeht: Sie trivialisieren ein wichtiges Anliegen und werden routinemäßig genutzt, um Diskussionen über palästinensische Leiden abzuwürgen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Palästinenser betrachten das "Recht auf Rückkehr" als unverhandelbar. Israel macht geltend, dass das das Ende dieses Staates wäre. Das Beste, worauf die Palästinenser hoffen können, ist darum wohl die Erlaubnis für eine symbolische Anzahl Palästinenser, zurückzukehren. Glauben Sie, dass symbolische Lösungen helfen können, Wunden zu heilen?

Abu-Lughod: Ich glaube, es geht nicht um das Heilen von Wunden. Sondern darum, durch Dialog und Verhandlungen, eine gerechte Lösung zu finden. Die Uno-Resolution 194 von 1948 enthält das Recht auf Rückkehr oder Kompensation. Ein guter Anfang wäre es, sich an all die Uno-Resolutionen zu halten, die in den 60 Jahren verabschiedet wurden – oder Israel dazu zu bringen, sich an die 4. Genfer Konvention zu halten, die die Behandlung von Zivilisten in besetzen Gebieten regelt.

SPIEGEL ONLINE: Sie scheinen die "Ein-Staaten-Lösung" zu favorisieren – einen gemeinsamen Staat für Israelis und Palästinenser.

Abu-Lughod: Es ist nicht einfach eine Wahl zwischen einem oder zwei Staaten. Der ursprüngliche Uno-Teilungsplan von 1947 sah zwei Staaten vor - aber auch die gemeinsame Nutzung des gesamten Landes, eine ökonomische Einheit und einen internationalen Status für Jerusalem. Heute schauen die Menschen auf das Ausmaß der israelischen Kontrolle über die palästinensischen Gebiete und Ressourcen und erkennen, dass eine Lösung mehr Kreativität erfordert.

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