Palästinenserwahl Lange Nacht der Selbsthypnose

Schüsse, Freudentränen und Gesänge: In Ramallah feierten sowohl Fatah- als auch Hamas-Anhänger bis in die Morgenstunden ihren Sieg bei den palästinensischen Parlamentswahlen. Dabei ist der Ausgang noch völlig offen.

Aus Ramallah berichtet Yassin Musharbash


Ramallah - "So Gott will wird sich in den kommenden Stunden bestätigen, dass wir die Mehrheit im Parlament haben oder dass es zumindest ein Patt gibt", sagte heute früh um 2 Uhr Ortszeit der Sprecher der radikalislamischen Hamas in Ramallah. "Wenigstens werden wir, trotz unserer Verluste, weiterhin die größte Fraktion stellen", glaubte um dieselbe Zeit herum ein hochrangiger Fatah-Politiker, während Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, der auch zur Fatah gehört, seine Bewegung ebenfalls zum Sieger ausrief. Es war eine lange Nacht der Selbsthypnose, die in diesen Stunden endet.

Jugendliche Fatah-Anhänger in Gaza-Stadt: Flagge zeigen gegen die Verluste
REUTERS

Jugendliche Fatah-Anhänger in Gaza-Stadt: Flagge zeigen gegen die Verluste

Die Hamas beansprucht eine absolute Mehrheit im neuen palästinensischen Parlament. Spitzenkandidat Ismail Hanijeh erklärte, die Hamas habe mindestens 75 der 132 Sitze gewonnen. "Wir können jede Regierung bilden, die wir wollen", sagte ein Mitglied der Hamas-Medienkommission in Ramallah zu SPIEGEL ONLINE. Von einem Fatah-Mitglied wurden diese Meldungen jedoch gegenüber SPIEGEL ONLINE umgehend dementiert: "Hamas hat nicht gewonnen."

In Wahrheit weiß also noch niemand genau, welche Partei im Parlament künftig wie viele Sitze haben wird. Die beiden Hauptkontrahenten, die regierende Fatah und die sich bislang außerhalb des Politbetriebs befindliche Hamas, feierten sich trotzdem als Sieger. Mit Freudenschüssen, Autokorsos und Schlachtgesängen, die erst in den Morgenstunden abebbten.

Am späten Mittwochabend, kurz nach Schließung der Wahllokale, waren zwei Hochrechnungen publiziert worden. Beide sahen die regierende Fatah fünf Prozentpunkte vor der Hamas. Schon das bedeutete, dass es wahrscheinlich ein politisches Erdbeben in den palästinensischen Gebieten gegeben hat: Aus dem Stand wäre die Hamas demnach mindestens zur stärksten Oppositionspartei angeschwollen. Zugleich hätte die Fatah demzufolge ihre absolute Mehrheit im 132-köpfigen Parlament eingebüßt.

Doch das war noch nicht alles: Schon kurz darauf verbreiteten sich Gerüchte in Ramallah, dass die ersten echten Auszählungen auf eine Unterschätzung der Islamisten hindeuteten; möglicherweise könne sie sogar noch die Mehrheit erlangen und künftig die Geschicke der Autonomiebehörde in die Hand nehmen.

Im Hauptquartier der Islamisten, deren bewaffneter Arm in der Vergangenheit zahllose israelische Zivilisten ermordet hat, war die Stimmung entsprechend euphorisch. "Darauf, dass wir gewinnen könnten, waren wir ehrlich gesagt gar nicht eingestellt", stammelte vollkommen konsterniert ein Wahlkämpfer. Ehrenamtliche Helfer saßen mit zwei oder drei Handys gleichzeitig an den Ohren an einem langen Konferenztisch und hackten die Ergebnisse aus den Wahllokalen in die Computer. "Hamas: 147 Stimmen, Fatah 123 Stimmen": Die Islamisten verlassen sich nicht auf Prognosen und Hochrechnungen, sie zählen jede Wahlurne durch und addieren so schnell sie können. "Es gibt eine Möglichkeit, dass wir am Ende die Autonomiebehörde führen werden", sagt, ebenfalls ziemlich überrascht, der wohl frisch gewählte Abgeordnete Mahmud Ramahi.

Gibt es eine Regierung der nationalen Einheit?

Zur selben Zeit fährt die Fatah-Jugend hupend und in die Luft schießend durch die Innenstadt von Ramallah, als seien ihnen diese Zahlen nicht bekannt. "Wir haben gewonnen", verkünden sie singend. Aber die Wahrheit ist, dass sie Stimmen verloren haben. Sie wissen das, und ihr Aufmarsch hat denn auch eher den Zweck, Flagge zu zeigen - und die Niederlage nicht voreilig einzugestehen. Wahrscheinlich reicht es für die Fatah am Ende, um weiter den Premierminister zu stellen - aber an einer Koalition führt vermutlich kein Weg vorbei

"Lieber wäre mir dann gleich eine Regierung der nationalen Einheit", sagt der 19-jährige Student Lutfi. Er meint damit ein Bündnis, in dem alle Parteien, also auch die um die drei Prozent herum liegenden Kleinparteien, mit Ministerien vertreten wären. Der Hintergedanke ist klar: Es wäre nicht ganz so ersichtlich, dass sich an der Hamas vorbei wahrscheinlich nur eine hauchdünne Mehrheit bilden lassen würde. Und man könnte die neue Regierung als nationales Projekt verkaufen.

Lutfi steht mit dieser Hoffnung nicht allein: Auch im Hamas-Hauptquartier wird sie ventiliert - selbst für den Fall, dass die Islamisten eine absolute Mehrheit der Sitze erreichen sollten. Das Kalkül hier ist, dass man die Fatah-Anhänger nicht verprellen will. Denn die Hamas weiß, dass viele sie aus Frust, nicht aus Überzeugung gewählt haben. Die Wählerwanderung ist nicht gleichzusetzen mit einer Abkehr der Mehrheit von der Position der Fatah, die im Gegensatz zur Hamas Verhandlungen mit Israel unterstützt. "Wir müssen jetzt sehr genau nachdenken, wie wir weiter vorgehen", lautet der erste Schluss des Neu-Parlamentariers Ramahi.

Fast jede denkbare emotionale Facette war in Folge all dieser Unwägbarkeiten in der gestrigen Nacht zu beobachten: Kichernde Hamas-Anhänger ebenso wie sich hemmungslos betrinkende Fatah-Aktivisten; aber auch siegestrunkene Fatah-Wähler und nervöse Hamas-Mitglieder, die sich die Fingernägel abkauten, weil für sie doch nur eine Machtübernahme ein wahrer Sieg wäre und sie nicht in die Opposition wollen. Zu Ausschreitungen kam es derweil nicht.

"Es ist chaotisch", hieß es in beiden Lagern. "Aber wir sind alle Brüder, und es wird sich schon ein Weg finden lassen, der es allen ermöglicht, ihr Gesicht zu wahren."

Ursprünglich sollten heute gegen 10 Uhr deutscher Zeit erste offizielle Ergebnisse bekannt gegeben werden. Doch am Vormittag hieß es dann von der Wahlkommission in Ramallah: "Die ersten amtlichen Ergebnisse werden um 19 Uhr (18 Uhr MEZ) veröffentlicht." Erst dann wird sich zeigen, wer die wahren Sieger und die echten Verlierer sind - und das Pokerspiel um die neue Regierung der Palästinenser kann beginnen.



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