Palästinensische Attacke Raketenangriff auf Jugendliche schockiert Israel

Rückschlag für den gerade wieder angelaufenen Nahost-Friedensprozess: Zwei israelische Jugendliche wurden bei einem Raketenangriff schwer verletzt - einer ringt um sein Leben. Premier Olmert berief das Sicherheitskabinett ein, Verteidigungsminister Perez forderte noch in der Nacht einen Gegenschlag.


Jerusalem – Das Geschoss war vom Gazastreifen aus abgeschossen worden und in der Grenzstadt Sderot auf einer Straße eingeschlagen - dort waren gerade die beiden Jugendlichen. Israelis eilten an den Ort des Raketenaufpralls, die Verletzten bluteten stark, Rettungskräfte brachten sie ins Krankenhaus. Den Ärzten zufolge ringt einer der beiden Jugendlichen mit dem Tod. Sderot liegt nur zwei Kilometer von der Grenze zum Gaza-Streifen entfernt und war deshalb zuletzt mehrmals das Ziel palästinensischer Raketenangriffe.

Der Islamische Dschihad bekannte sich zu der Attacke. Die israelische Regierungssprecherin Miri Eisin sagte, ihr Land betrachte die "fortwährenden Verletzungen des Waffenstillstands und die Verwundung der beiden Jugendlichen als ausgesprochen ernsthaft". Ministerpräsident Ehud Olmert werde am Vormittag ein "Dringlichkeitstreffen" des Sicherheitskabinetts abhalten, um über die israelische Antwort zu beraten. "Unsere Politik der Zurückhaltung wird nicht ewig währen", sagte Eisin.

Verteidigungsminister Amir Perez drängte nach Informationen der israelischen Tageszeitung "Haaretz" Olmert noch in der Nacht in einem Telefongespräch, die bisherige Politik der Zurückhaltung gegenüber den Raketenangriffen aufzugeben. "Wir dürfen uns nicht weiter zurückhalten", sagte er. "Wir können den Islamischen Dschihad nicht stärker werden lassen. Wir müssen den Kassam-Beschuss bekämpfen."

Insgesamt seien am Dienstag sieben solcher Kassam-Raketen auf Israel abgefeuert worden und rund 30 binnen einer Woche, teilte das Militär mit. Zu allen Angriffen bekannte sich der Islamische Dschihad, eine radikale Palästinensergruppierung. Verletzte gab es bei solchen Angriffen bisher selten. Israel hat die Raketenattacken bisher nicht erwidert, um die Lage im Nahen Osten nicht weiter anzuheizen.

Jüngste Fortschritte im Nahost-Friedensprozess bedroht

Die Ende November zwischen Israel und den Palästinensern ausgehandelte Waffenruhe sollte eigentlich die Angriffe stoppen. Zuletzt begannen militante Palästinenser jedoch wieder mit dem Beschuss, mindestens 53 Kassam-Raketen wurden nach israelischen Angaben seit Vereinbarung des Waffenstillstands abgefeuert. Israel hatte am Montag angekündigt, deshalb den Uno-Sicherheitsrat einschalten zu wollen.

Der frühere Verteidigungsminister Schaul Mofas forderte schon am Sonntag einen Militäreinsatz, um den Raketenbeschuss zu beenden. Die Regierung müsse nun einen breit angelegten Einsatz anordnen, forderte der jetzige Verkehrsminister Mofas nach Angaben aus Kabinettskreisen. Erst im Sommer hatten nach der Entführung des Soldaten Gilat Schalit israelische Truppen den Gaza-Streifen angegriffen und sich wochenlang Gefechte mit Palästinensern geliefert.

An Weihnachten hatte es erstmals seit langem eine ernstzunehmende Annäherung zwischen Israel und den Palästinensern gegeben - diese Fortschritte sind nun bedroht. Olmert hatte in einer Diplomatie-Offensive am Samstag Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas zum ersten israelisch-palästinensischen Gipfeltreffen seit zwei Jahren empfangen. Beide vereinbarten, dass Israel 100 Millionen Dollar an Abbas' Behörde überweist, vorbei an der Hamas-Regierung von Premier Ismail Hanija. Dies sollte die Finanznot der Palästinenser-Verwaltung lindern.

Außerdem sollten Dutzende Grenzkontrollstellen abgebaut und womöglich bis Neujahr mehrere palästinensische Gefangene in israelischen Gefängnissen amnestiert werden. Mit diesen Zugeständnissen bezweckte Olmert eine Stärkung von Abbas im Machtkampf mit Hanija. Gegen die Freilassung und den Abbau der Kontrollposten gab es allerdings in Israel sofort Proteste, der Premierminister geriet unter Druck - der sich nun nach dem Anschlag womöglich verschärft.

Olmert engagierte sich außerdem als Vermittler zu Jordanien, damit es dort auf Einladung von König Abdullah II. zu einem Aussöhnungsgipfel zwischen Abbas und Hanija kommt. Hamas-Regierungschef Hanija hatte sich gegen ein solches Treffen gesperrt, sagte am Montag seine Teilnahme aber zu - was Hoffnungen nährte, dass es zu einer ernsthaften Annäherung im festgefahrenen Nahost-Friedensprozess kommt. Olmert will darüber hinaus in der kommenden Woche Ägyptens Präsident Husni Mubarak treffen, neben Abdullah II. der zweite wichtigste arabische Vermittler in der Region.

reh/plö/AFP/Reuters



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