Palästinensische Wahlen Warum sich die Hamas zu Tode siegen könnte

Die Hamas hatte viel erwartet, aber nicht einen solchen Wahlsieg. Entsprechend schlecht sind die Islamisten auf die Machtübernahme vorbereitet: Wichtiges Personal ist im Gefängnis, das Geld ist knapp – und ob die Fatah-nahen Sicherheitskräfte gehorchen, ist unklar.

Aus Ramallah berichtet Yassin Musharbash


Ramallah - Es ist kalt, es gießt wie aus Kübeln und trotzdem kommen die Männer heute in Scharen zum Gebet in die "Moschee der Märtyrer". Schnell ist das zentrale Gebetshaus von Ramallah zum Bersten gefüllt. Die Nachströmenden stellen sich draußen unter löchrigen Planen zur Gebetsreihe auf.

Zwei Tage nach dem gleichermaßen überraschenden wie eindrucksvollen Wahlsieg der militanten Hamas bei der Parlamentswahl steht den Gläubigen der Sinn nach einer Einordnung dieses einschneidenden Ereignisses. Der Imam, der ihnen Orientierung verschaffen soll, ist Angestellter der Autonomiebehörde. Die war bis vorgestern noch fest in der Hand der Fatah-Bewegung. Jetzt muss er einen Spagat meistern, die Kluft zwischen neuen und alten Regierenden sowie den Erwartungen der Betenden überbrücken und niemanden vor den Kopf stoßen.

"Die Wahltag war ein guter Tag für das palästinensische Volk und die islamische Gemeinschaft weltweit", sagte er deshalb vorsichtig. Ohne das Wort Hamas in den Mund zu nehmen, erklärt er, dass es immer gut sei, wenn religiöse Menschen Verantwortung übernehmen. "Wir müssen unser Haus in Ordnung bringen", ergänzt der Prediger. "Wir brauchen jetzt Geduld und Weisheit. Wir müssen zusammenstehen, alle, immer, überall", lautet sein Kernsatz.

Ramallah stellt sich auf eine neue Realität ein. Wenn möglich, soll das ohne Konfrontation ablaufen - das ist der Sinn der Freitagspredigt. Vielleicht verzichten die Hamas-Anhänger heute auch deshalb auf einen weiteren Triumphzug durch die Stadt. Sie belassen es dabei, innerhalb der Moschee Hunderte Poster ihres toten Gründers Scheich Jassin zu verteilen. Aber die Zurückhaltung der Sieger dürfte noch einen weiteren Grund haben: Die radikalislamische Bewegung war auf eine Regierungsübernahme schlicht nicht vorbereitet. Jetzt muss sie nachholen, was sie versäumt hat.

Die Handys der lokalen Hamas-Größen sind alle ausgestellt - wichtige Beratungen finden statt, heißt es. Das ist auch nötig. Denn es gibt kein 100-Tage-Programm und keine konkrete Agenda jenseits des Kampfes gegen die Korruption. Und jetzt, da es so aussieht, als könnte die gedemütigte Fatah der Hamas eine Koalition versagen, werden noch andere Probleme sichtbar.

Strategie per Stiller Post

So fehlt es den Islamisten etwa an qualifiziertem Personal. Schon an der Spitze besteht dieses Problem: Der Chef der Bewegung, Chalid Meschal, lebt im Exil in Damaskus. Fieberhaft wird - so streut es die Hamas - mit der EU darüber verhandelt, ob die sich über die USA bei den Israelis dafür stark machen könnte, dass der Anführer und Oberideologie nach Gaza einreisen darf.

So perfekt die Truppe mit dem Doppelgesicht einer sozialen und zugleich terroristischen Bewegung auch ihren Wahlkampf absolvierte: Jetzt, wo es darauf ankommt eine pragmatische Linie zu entwickeln, um sich Raum zum politischen Manövrieren zu verschaffen, ist die Gruppe auf umständliche Kommunikationswege angewiesen und muss ihre Strategie per Stiller Post festlegen.

Das Problem pflanzt sich auf der nächsten Ebene fort: Dutzende wichtiger Hamas-Kader hat die israelische Armee während des Wahlkampfes in Administrativhaft genommen, die zeitlich unbegrenzt ist. Scheich Hassan Jussuf, der Vordenker der Bewegung im Westjordanland, ist unter ihnen. Der Knastaufenthalt hat sicher geholfen, dass der kleine dicke Mann viele Stimmen gewonnen hat. Aber jetzt wird er schmerzlich vermisst.

Wer ins Kabinett berufen werden könnte, ist deswegen vollkommen offen. Im Falle einer Koalitionsregierung hätte die Hamas am liebsten nur Wohlfühl-Ministerien besetzt wie das für Bildung oder Soziales, wo sie ihre islamistischen Vorstellungen schnell und umkompliziert hätte umsetzen können. Einige ihr nahe stehende, unabhängige Kandidaten waren vorgesehen als über Parteigrenzen hinweg vermittelbare Schlüsselpersonen der neuen Regierung. Nun muss die Hamas wahrscheinlich einen Premier und einen Außenminister aus den eigenen Reihen nominieren, mit denen außer dem Iran fast niemand reden wird. Für ersteren Posten wird nun der Listen-Erste Ismail Hanija gehandelt, ein weitgehend unbeschriebenes Blatt.

Die Kassen sind leer

Und selbst, wenn die Regierungsbildung gelingt, die nächsten Schwierigkeiten warten schon: In zwei Wochen sind die Gehälter für die rund 150.000 Angestellten der Autonomiebehörde fällig. Doch wie Fatah-Politiker genüsslich streuen: Die Kassen sind leer. In der Vergangenheit hat die internationale Gesellschaft in solchen Fällen oft Geld nachgeschossen, um die Stabilität nicht zugefähren; mit der Hamas in der Verantwortung wird das wohl kaum geschehen.

Auch dämmert es den Islamisten langsam, dass sie im Falle der Alleinregierung das Kommando über die chaotisch organisierten, vor allem aber in großer Mehrheit Fatah-nahen Polizisten und Sicherheitskräfte übernehmen müssen. Werden die gehorchen? "Wir warten ab", sagt lässig ein Mitglied der "Special Police", das am Manara-Platz im Stadtzentrum mit seinem Jeep patrouilliert. In Palästina gibt es keine auf einen Staat verpflichteten Beamten. Von der Gründung der Regierungsbehörde an waren ihre Angestellten zuerst Jassir Arafat, dann der Fatah verpflichtet.

Hamas-Befehle annehmen zu sollen, das könnte zu Komplikationen führen. "Der Sieg hätte ruhig ein bisschen weniger massiv ausfallen können", murren schon die ersten Hamas-Aktivisten.

Zwar gibt es auch zufriedene Wähler. Etwa Faris, einen Geschäftsmann, der Herrenbekleidung verkauft, und die Hamas gewählt hat, weil "man unter Fatah einfach keine normale Buchhaltung führen konnte". Aber der vorausschauende Teil der Hamas-Gegner aus der Business-Community von Ramallah kalkuliert angesichts der komplizierten Ausgangslage bereits mit einem ganz neuen Szenario: Dem rasanten Scheitern der Hamas.

"Neunzig Prozent des Gewinnes, den ich mache, verdanke ich der Tatsache, dass ausländische Nichtregierungsorganisationen ihr Personal nach Ramallah schicken", erklärt er. "Diese Menschen lassen viel Geld hier, neben den direkten Hilfen, die wir erhalten." Sollten diese Organisationen ihre Projekte wegen der Regierungsübernahme der Hamas einstellen, so der 45-Jährige, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will, dann "wäre das Land ruckzuck pleite". Obwohl er eine linke Splittergruppe gewählt hat, ist er deshalb froh, dass die Hamas so hoch gewonnen hat, dass sie nun alleine regieren muss: "Sechs Monate, maximal ein Jahr gebe ich denen. Dann gibt es Neuwahlen und der Spuk ist vorbei."

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