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04. Juli 2009, 21:47 Uhr

Palins bizarrer Abgang

"Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom"

Von , New York

Alaskas Gouverneurin Sarah Palin verwirrt mit ihrem vorzeitigen Rücktritt selbst die eigene Partei. Vergeblich versuchen die Republikaner und politische Beobachter, ihre irritierende Abschiedsrede zu deuten: Hat sie höhere Ambitionen? Oder die Nase endgültig voll?

Es ist die ultimative Palin-Rede. Ein ungebremster Gedankenstrom ohne Punkt und Komma, frei von lästiger Syntax und voller Bandwurmsätze, die mittendrin beginnen und auf halbem Wege verenden. "Weitschweifig", nennt selbst die "New York Times" diese verbale Schnitzeljagd, bei der einem die Schlagworte wahllos um den Kopf fliegen: "Nation", "Freiheit", "Gleichheit", "Baseball".

Sarah Palins denkwürdiger Abgang ist das passende Finale ihres kurzen, doch furiosen Ritts durchs Rampenlicht: irritierend, wirr, unverständlich - und doch faszinierend wie ein Gang durchs Spiegelkabinett. Im Garten ihres Hauses, umschwirrt von Fliegen und Familie, legte die Gouverneurin von Alaska und Ex-Vizepräsidentschaftskandidatin der Republikaner am Freitag alle Ämter nieder und verabschiedete sich für Erste aus der Politik.

Warum, das weiß bis heute keiner so recht. Und das scheint auch ganz in ihrem Sinne.

Als sei dies ihre letzte Chance, fährt Palin in ihrer Rücktrittsrede schnell noch mal alle verbalen Versatzstücke der vergangenen zehn Monate auf, in denen die Welt sie so lieben oder hassen gelernt hat - sowie manch Neues aus Alaskas Sprachschatz: "Stolz darauf, Amerikaner zu sein", "selbstlose Truppen", "Energieunabhängigkeit", "Ölintegrität", "Politik der persönlichen Zerstörung", "unser Land und sein fleißiges, großzügiges, patriotisches, freies Volk", "schaut gen Norden für die Zukunft", "nur tote Fische schwimmen mit dem Strom".

Sie spricht gehetzt, mit untypisch zitternder Stimme. Zitiert die Verfassung, Sportregeln und, wie sie sagt, US-Weltkriegsgeneral Douglas McArthur: "Wir ziehen uns nicht zurück. Wir rücken nur in einer anderen Richtung vor." Zu dumm, dass der Satz von einem Kollegen McArthurs stammt, General Oliver Prince Smith.

Zur Krönung bemüht Palin dann als Sinnbild den elterlichen Kühlschrank. Besser gesagt einen Magneten darauf mit dem schlauen Spruch: "Erkläre nichts - deine Freunde brauchen das nicht, und deine Feinde werden dir sowieso nicht glauben." Es ist der einzige Satz, der einem einleuchtet.

Erkläre nichts: Selbst die Republikaner finden kein schlüssiges Motiv für Palins plötzlichen Rücktritt, mitten im heiligsten US-Feiertagswochende zum "Independence Day". Zumindest das Timing stimmt: Die Nation ist weitgehend aushäusig, und bis Montag dürfte sich der ganze Sturm gelegt haben. Und Palins Sprecherin Meg Stapleton, die am anderen Ende des Landes urlaubt und so tut, als sei sie überhaupt nicht überrascht, bleibt unkonkret: Was ihre Chefin denn als nächstes vorhabe? "Die Welt", sagt sie, "liegt ihr zu Füßen."

Kein Wunder, dass sich die Spekulationen überschlagen und Michael Jackson aus den Schlagzeilen verdrängen: Fädelt Palin hier eine Präsidentschaftskandidatur für 2012 ein? Oder hofft sie, einem neuen Skandal vorzugreifen? Hat sie die Politik satt? Wird sie Kommentatorin für Fox News? Ist sie (wieder) schwanger?

Passagen ihrer Rede jedenfalls klingen wie Resignation. Etwa als sie beklagt, dass sie den Großteil ihrer Tage heute damit verbringe, Anwürfe politischer Gegner zu entkräften. Andere Passagen dagegen klingen kämpferisch, als bereite sie schon die nächste Etappe ihrer schillernden Blitzkarriere vor.

Doch der Akt des Abgangs ist mit den Worten kaum in Einklang zu bringen. Sie will weiter für "unseren Staat und unser Land kämpfen" - indem sie der Tagespolitik den Rücken kehrt, 18 Monate vor Ablauf ihrer Amtszeit. Sie will "hart für andere arbeiten" - indem sie den Job hinschmeißt, den ihr die Wähler aufgetragen haben. Sie geißelt "Drückeberger", die vorzeitig aufgeben - und gibt vorzeitig auf.

Nur eines steht fest: Am 26. Juli wird Palin die Führung Alaskas an ihren jetzigen Vize übertragen, den farblosen Republikaner Sean Parnell, mit dem der nördlichste US-Bundestaat wohl schnell wieder im politischen Polarwinter versinken wird. Auch Parnell ringt um Worte: "Sie ist", stammelt er hilflos auf CNN, "Alaskas größte Gabe an unser Land."

Eine Gabe, die den Amerikanern im August vorigen Jahres beschert worden war. Damals zauberten die Republikaner Palin als Vizekandidatin für John McCain aus dem Hut, nur Tage vor dem Wahlparteitag. Ihr dortiger Auftritt, ein brillantes Stück Bühnenzauber, betörte die Basis, demoralisierte die Demokraten und ließ selbst vergessen, dass Palins ledige Teenager-Tochter Bristol ein Kind erwartete - ein peinlicher Umstand für die Partei der selbsternannten Sittenwächter, den McCains Wahlstrategen übersehen hatten.

Das Pin-up-Girl der Republikaner

Doch Palins Stern verlosch bald zur Schnuppe. Ohne Teleprompter auf die Wähler losgelassen, entpuppte sie sich als wandelnde Lachnummer. Ihr Zwinkern, ihre Gestik, ihre Volkstümeleien wurden populäres Allgemeingut: "You betcha!" Politisch aber war sie so unbeleckt und rhetorisch so unbegabt, dass McCains Team sie panisch einem Crash-Kurs unterzog. Zu spät.

Ein desaströses Interview mit CBS-Anchorlady Katie Couric besiegelte ihr Schicksal. Da profilierte sich Palin mit der Aussage, sie ziehe ihre außenpolitische Weisheit unter anderem daraus, dass sie von ihrem Haus aus "Russland sehen" könne. Die Sketch-Show "Saturday Night Live" machte sie dankbar zum Kanonenfutter. Komödiantin Tina Fey, die sie persiflierte, ohne den Wortlaut ihrer Ansprachen ändern zu müssen, verdankt ihr den Job ihres Lebens sowie einen fünf-Millionen-Dollar-Buchdeal.

Die Basis ließ sich nicht irritieren: Je dicker Palin auftrug, umso mehr verehrten sie ihr politisches Pin-up-Girl. Sie liebten sie so sehr, wie andere sie hassten. Dazwischen lag wenig.

Schon in der Wahlnacht brach die Frustration der McCain-Kämpen frei. Da wollte Palin, als McCain vor den Kameras seine Niederlage eingestand, ihre eigene Abschiedsrede halten. Nein danke, beschieden sie ihr, entfernten das Manuskript aus dem Teleprompter und reklamierten nachträglich rund 150.000 Dollar für Palins Shopping-Touren.

Erst kürzlich wagte sich Palin wieder auf die nationale Polit-Bühne, mit Reden vor handverlesenem, freundlichem Publikum: Abtreibungsgegner, konservative Christen, Jagdfreunde. Eine von ihr geschürte Fehde mit TV-Talker David Letterman - der einen geschmacklosen, doch ziemlich zutreffenden Witz über ihre Familie gemacht hatte - brachte sie vollends zurück. Die führungslosen Republikaner hießen sie zähneknirschend als ihr neues, altes, einziges Sexsymbol willkommen - eine tickende Zeitbombe, wie manche freilich warnten.

Dies ist auch der Tenor eines vernichtenden Artikels, mit dem das Magazin "Vanity Fair" vorige Woche jegliche Comeback-Träume zerstörte. Darin wäscht McCains innerster Zirkel noch einmal die schmutzige Wäsche des Wahlkampfes.

Autor Todd Purdum wiederholt dabei nicht nur alte Vorwürfe: Palin sei eine "Diva" und "bekloppt". Nein, noch viel mehr kommt da jetzt zutage. So sei sie "unwillens oder einfach unfähig, sich vorzubereiten", ob auf Termine, Reden oder Interviews. Sie sei "sprunghaft", launisch, depressiv und leide an narzisstischer Persönlichkeitsstörung. Und sie neige zu einer gewisser "Schlüpfrigkeit", sowohl was Wahrheit bedeute und ob Wahrheit überhaupt wichtig sei. Ihr Polit-Team, beherrscht von Gatte Todd, wurde als "kleiner Horrorladen" tituliert.

Alaskas Ex-Gouverneur Walter Hickel, lange Jahre Palins politischer Mäzen, ließ sich sogar frei mit den Worten zitieren: "Ich schere mich keinen Teufel mehr darum, was sie macht."

Ob "Vanity Fair" zu ihrem jetzigen Beschluss beigetragen hat, lässt sich nur vermuten. Das Rätselraten ist parteiübergreifend. Palin wolle "mehr Zeit haben, für andere Kandidaten Wahlkampf zu machen", mutmaßt Nick Ayers, der Exekutivdirektor der republikanischen Gouverneursversammlung. Sie werde sich nun zur "nationalen Führungsperson" aufschwingen, glaubt William Kristol, der Chefredakteur des konservativen Magazins "Weekly Standard" und einer ihrer größten Fans.

Andere verweisen auf den Gegenwind, der ihr auch in Alaska immer stärker ins Gesicht blies, wo sich ihr zuletzt selbst die Parteifreunde verweigerten und die Kette der Ermittlungen wegen Ethikverstößen nicht abriss. Doch nicht mal ihre engsten Vasallen wussten Bescheid über den Rücktrittsbeschluss. "Alle waren völlig überrascht", sagte Ralph Samuels, vormals Chefrepublikaner im Landesparlament.

Sollte sie eine Präsidentschaftskandidatur anstreben, wäre dies ein höchst seltsamer Umweg. "Wen du dein Amt auf halbem Weg hinschmeißt, schadet das deinen Aussichten auf höhere Weihen", sagte der Demoskop Ivan Moore dem "Wall Street Journal". "Die Leute werden sich stets fragen, ob sie jedes Mal aufgeben wird, wenn das Klima rau wird."

"Palin ist absichtlich eine Chiffre", schreibt Purdum. "Wenn sie sich offenbart, dann ist das, was sie offenbart, nicht immer identisch mit der Wahrheit." Jedenfalls hat auch sie sich schnell noch einen Buchvertrag gesichert.

Ihre Entscheidung gab Palin, ganz Frau des 21. Jahrhunderts, als Erstes über Twitter bekannt. "Es ist gut", schrieb sie da. "Bleiben Sie dran."

Korrektur: Die ursprüngliche Version dieses Textes enthielt bei einer zitierten Redewendung einen Übersetzungsfehler. So sagte Palins Sprecherin über die Politikerin: "Die Welt liegt ihr zu Füßen" (nicht: "Die Welt ist eine Auster.").

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