Panne bei Obamas Amtseinführung Gefangen im Tunnel des Verderbens

Zwei Millionen Schaulustige, festliche Stimmung, eine historische Zeremonie: Die Amtseinführung von Barack Obama war die perfekte Party - für die meisten Besucher jedenfalls. Einige Tausend Zuschauer hatten zwar die begehrten Tickets ergattert, saßen aber stundenlang in einem Tunnel fest.


Hamburg - Am 20. Januar flossen viele Tränen in Washington. Hunderttausende Menschen sahen zu, wie der erste afroamerikanische Präsident in der Geschichte der USA vor dem Kapitol seinen Amtseid ablegte. Auch Natalie Baack weinte - allerdings nicht aus Rührung oder Freude, sondern aus Enttäuschung und Wut. Die 27-Jährige gehörte einem Bericht der "Los Angeles Times" zufolge zu einer Gruppe von mehreren Tausend Menschen, die während der Amtseinführungszeremonie in einem Tunnel unterhalb der Prachtmeile National Mall festsaßen. Ohne Radio, ohne Fernseher. Vom Spektakel über ihren Köpfen bekamen sie nichts mit.

Wartende im Tunnel unter der Mall: "Wir waren so schrecklich enttäuscht."
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Wartende im Tunnel unter der Mall: "Wir waren so schrecklich enttäuscht."

Dabei hatte alles so vielversprechend angefangen: Die Betroffenen hatten laut dem Bericht Tickets für den vorderen Zuschauerbereich erhalten, der nach Farben sortiert war. Die Eintrittskarten für den lilafarbenen Bereich waren an Wahlkampfhelfer, großzügige Spender und andere Interessenten gegangen, die rechtzeitig bei den Vergabestellen angefragt hatten. Wer eine der insgesamt 240.000 Karten bekommen hatte, konnte sich glücklich schätzen - die Anzahl der Zuschauer auf der Mall lag fast beim Zehnfachen.

Natalie Baack hatte ein Ticket ergattert und war laut "Los Angeles Times" mit einer Freundin und deren Mutter aufgebrochen, um den historischen Akt mitzuerleben. Der Zeitung zufolge waren viele Menschen mit lila Tickets schon bis zu sechs Stunden vor der Amtsübergabe um 12 Uhr vor Ort und stellten sich an den Absperrungen an, die angeblich um 8 Uhr geöffnet werden sollten.

Ordnungskräfte lotsten die Schaulustigen in Richtung Tunnel unterhalb der Mall. Die Schlange der Wartenden soll nach Angaben von Augenzeugen fast zwei Kilometer lang gewesen sein. Kürzer wurde sie bis zum entscheidenden Moment nicht, in dem Barack Obama die Eidesformel sprach. Bis zu 4000 Menschen warteten im Tunnel vergebens auf Einlass.

Wie es zu der Panne kommen konnte, ist noch nicht endgültig geklärt. Polizisten hätten sich geweigert, das Tor zum lilafarbenen Bereich zu öffnen, berichtete Beth Zollars, eine Obama-Unterstützerin aus dem US-Bundesstaat Kansas, später. "Die Leute haben mit ihren lila Tickets gewedelt und gerufen 'Bitte lasst uns rein, bitte lasst uns rein'", sagte sie. "Wir waren so schrecklich enttäuscht, weil wir eine Menge Zeit, Geld und Mühe darein gesteckt hatten, dorthin zu kommen - und dann das Gefühl hatten, den historischen Teil dessen zu verpassen, weswegen wir hergekommen waren." Eine Erklärung hätten die Wartenden nicht bekommen.

"Befreit die Tunnel-Menschen!"

Ähnlich äußerte sich auch Pat Silberfeld, eine Demokratin aus Beverly Hills, gegenüber der "Los Angeles Times". Sie vermutet, die Sicherheitsleute seien komplett ausgefallen. Es gab keine Toiletten, so dass sich Menschen an den Tunnelwänden erleichterten. Eltern mit Kleinkindern mussten ihren Nachwuchs stundenlang auf dem Arm halten, weil im Bereich der Mall aus Sicherheitsgründen keine Kinderwagen erlaubt waren.

Viele Wartende reagierten der Zeitung zufolge offenbar mit Galgenhumor. Die Menschen hätten zur Melodie von "We Shall Overcome" gesungen: "We Shall Get Inside" - wir werden hereinkommen. Jemand habe in den Schmutz an der Wand geschrieben: "Befreit die Tunnel-Menschen". Inzwischen hat sich bei Facebook eine Gruppe namens "Survivors of the Purple Tunnel of Doom" (zu Deutsch: "Überlebende des lila Tunnels des Verderbens") gegründet, die dem Blatt zufolge schon mehrere Tausend Mitglieder hat.

Senatorin Dianne Feinstein, Chefin des Organisationskomitees, will laut "Los Angeles Times" nun die zuständigen Sicherheitsbehörden befragen, warum die anstehenden Menschen nicht eingelassen wurden. Für die Sicherheitsvorkehrungen waren der Secret Service und die Polizei des US-Kapitols verantwortlich. Erste Erklärungsversuche: Zuschauer mit silberfarbenen Tickets waren versehentlich über eine falsche Route gelotst worden und mussten umständlich zurückdirigiert werden, zudem habe die Wagenkolonne von George W. Bush den lila Eingang zwischenzeitlich versperrt. Öffentlich entschuldigt hat sich Feinstein bei den Betroffenen bereits. Eine Entschädigung in Form von Souvenirpäckchen ist noch im Gespräch.

Für Natalie Baack spielt das aber kaum noch eine Rolle, den historischen Augenblick hat sie verpasst. Sie hatte sich nach dem verpatzten Vormittag, in Tränen aufgelöst, schließlich aus dem Tunnel gequetscht, war über einen Zaun geklettert und hatte sich vor der kanadischen Botschaft wiedergefunden. Bei der verzweifelten Suche nach einem Fernseher habe eine fremde Frau sie fotografiert, berichtete sie der "Los Angeles Times". "Zu diesem Zeitpunkt habe ich nur noch geweint."

Sie habe dann die Frau gebeten, das Bild zu löschen. Diese habe erwidert, sie wolle eine Momentaufnahme festhalten - vermutlich weil sie glaubte, Baack sei tief berührt von der Zeremonie. "Da habe ich ihr gesagt, warum ich weine", sagte Baack. Die Fremde habe mitgelitten. "Sie hat sich schrecklich gefühlt."

ffr

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