Pannen-Wahlkampf McCain - vom Star zur Sternschnuppe

Von , New York

2. Teil: Stottern beim Thema Kondome - McCain wirkt wie ein Politiker aus einer entrückten Generation


In allen Umfragen liegt McCain heute hinter dem Spitzenmann der Partei, dem New Yorker Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani. Im noch wichtigeren Rennen um Wahlspenden (ein Barometer dafür, wie er bei den reichsten Parteifreunden ankommt) landete er sogar weit abgeschlagen auf Platz 6 - mit 12,5 Millionen Dollar im ersten Quartal.

"Wir hatten gehofft, mehr zu erreichen", sagt selbst McCains Wahlkampfchef Terry Nelson. Nicht nur die Demokraten Hillary Clinton und Barack Obama haben je doppelt so viel auf dem Spendenkonto, sondern auch Mitt Romney, der republikanische Außenseiter. "Seine Aura der Unvermeidlichkeit ist erheblich angekratzt", sagt der Politologe John Pitney. McCain, schreibt die politische Newssite "Capitol Hill Blue", sei heute kein Star mehr, sondern nur noch ein "falling star" - eine verglühende Sternschnuppe.

Keine gute Investition mehr

Was ist passiert? Der Irak ist passiert. Rund 60 Prozent der Amerikaner halten den Krieg für einen Fehler und wollen ein Ende des US-Engagements; fast jeder Dritte missbilligt Bushs Kriegspolitik. Trotzdem bleibt McCain darin Bushs engster (und nunmehr fast einziger) Verbündeter. Auch wenn er dessen militärisches Mikromanagement kritisiert, widersetzt er sich allen Rufen nach einem Abzug beharrlich und steht damit selbst in der eigenen Partei als einsamer Kämpfer da.

Ihn kratzt das wenig. "Ich kann mich nicht an die Auswirkungen des Krieges auf meine politischen Ambitionen stören", sagt er. "Lieber verliere ich den Wahlkampf als den Krieg."

Eine selbstzerstörerische Strategie: Als Bush populär war, attackierte McCain ihn, und nun, da er so verhasst ist wie kein Präsident seit Richard Nixon, stellt er sich an seine Seite.

Das kann bei der Wahl nicht gutgehen, fürchten auch immer mehr Republikaner und entziehen ihm ihr ohnehin immer wackligeres Vertrauen - und die Gelder. McCain ist für viele Republikaner keine gute Investition mehr.

Vom Vertrauensvorschuss ist fast nichts mehr übrig

Auch sein lockeres Mundwerk hilft ihm wenig. So nannte er die im Irak gefallenen Soldaten im Februar "verschwendete Leben" und musste sich dafür prompt entschuldigen - mit der wortgleichen Standardformel wie beim Bagdad-Besuch: Er habe sich "versprochen". Der Demokrat Obama dagegen war mit exakt demselben "Versprecher" kurz zuvor noch davongekommen. Was zeigt, wie wenig von McCains altem Vertrauensvorschuss übrig ist.

Sein früheres, in den Medien hoch geschätztes Image als Außenseiter und Rebell ging ja schon im Wahlkampf 2000 nach hinten los - die Basis ließ ihn damals im Vorwahlkampf fallen. Also stylte er sich diesmal zum "Bushie" um, heuerte dessen Wahlkampf-Gurus an und begann, den rechten Flügel zu umgarnen, der bestimmt, wer Kandidat wird. Außerdem war er überzeugt, dass er jetzt "einfach dran" sei.

Doch das Manöver war zu durchsichtig - und radierte seinen einzigen wahren Bonuspunkt aus, nämlich seine Integrität. Da half es auch wenig, dass er seinen Wahlkampfbus wie früher "Straight Talk Express" getauft hat.

Vor allem die Wechselwähler der Mitte nahmen ihm die Wende übel. Deren neuer Held: Obama.

Rückendeckung von Waffennarren

Hinzu kommt McCains Alter: Er wäre mit dann 72 Jahren der älteste Erstlingspräsident in der Geschichte der USA. Schon jetzt wirkt er wie aus einer anderen, entrückten Generation. Zum Beispiel neulich, als er gefragt wurde, ob er glaube, dass Kondome die Verbreitung von HIV eindämmen. Er stotterte: "Da haben Sie mich auf dem falschen Fuß erwischt."

Doch er gibt nicht auf. Diese Woche startet McCain eine neue Großoffensive, die Ende April in die offizielle Erklärung seiner Kandidatur münden soll. Die "Announcement Tour" führt durch die Vorwahlstaaten New Hampshire und Iowa sowie seine Heimat Arizona. Auftakt ist morgen eine Rede am Virginia Military Institute, mit der er dem Volk erneut verklickern will, dass "der Krieg im Irak zu gewinnen" sei. Dem sollen zwei weitere Provinzauftritte zu den Themen Wirtschaft, Steuern, Innenpolitik und Umwelt folgen.

Eine Interessengruppe gibt ihm weiter Rückendeckung: die "Schützen- und Sportlerkoalition von New Hampshire", gegründet von ein paar pensionierten Sheriffs und Waffennarren. "Dieses Land braucht einen Anführer, der für die Rechte von Sportlern kämpft", sagt Luc Cote, der Besitzer des Waffen- und Jagdgeschäfts Cote Sports Center ("Heimat des weißen Elches") in New Hampshire. "McCain ist genau dieser Mann."



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