Pannen-Wahlkampf McCain - vom Star zur Sternschnuppe

Einst war er Favorit für das US-Präsidentenamt. Aus und vorbei - jetzt ist der republikanische Senator John McCain weit abgeschlagen. Sein Flankenschutz für Bushs Kriegspolitik kostet ihn Stimmen und Spenden. Tiefpunkt: ein Besuch in Bagdad, der zum peinlichen PR-Flop wurde.

Von , New York


New York - Dies sind die unvergesslichen Momente in Wahlkämpfen. Ein Kandidat öffnet unbedacht seinen Mund, und heraus kommt etwas, das ihn für den Rest seiner Tage verfolgt. Howard Dean erlebte das 2004 mit seinem berühmt-berüchtigten Scream: jenem gutturalen Schlachtruf, der seine Chancen aufs Weiße Haus ein für allemal zunichte machte.

McCain (bei umstrittenen Besuch in Bagdad): "Frei herumlaufen wie in Indiana"
REUTERS

McCain (bei umstrittenen Besuch in Bagdad): "Frei herumlaufen wie in Indiana"

Für John McCain kam dieser Moment am 1. April und war kaum ein Aprilscherz. An jenem Tag besuchte der republikanische Senator den Shorja-Markt in Bagdad, den größten Basar der irakischen Hauptstadt. McCain rückte in einem gepanzerten Humvee an, mit kugelsicherer Weste und flankiert von 100 US-Soldaten, drei Black-Hawk-Helikoptern und Scharfschützen ringsum. Der Markt wurde komplett gesperrt.

Anschließend mokierte sich McCain, 70, über die negativen Schlagzeilen aus dem Irak. Die Amerikaner würden nicht "das ganze Bild" zu sehen bekommen, tönte er: Er habe auf dem Shorja-Markt so "frei herumlaufen" können wie auf "einem ganz normalen Markt im Sommer in Indiana".

Zum Beweis prahlte sein Parteifreund Lindsey Graham, der ihn begleitet hatte: "Ich habe fünf Teppiche für fünf Dollar gekauft!"

Auf YouTube verhöhnt

Ob Billigteppiche der beste Maßstab für die Befriedung des Iraks sind, sei dahingestellt. Das Echo jedenfalls war verheerend. "Wovon reden die?", schimpfte ein Markthändler. "Die Sicherheitsmaßnahmen waren doch anormal!"

Andere erinnerten daran, dass genau hier neulich drei Bomben 61 Menschen in den Tod rissen - und allein während McCains Besuch in Bagdad sechs US-Soldaten starben. Tags darauf wurden 21 Shorja-Händler ermordet.

Auch die Kommentatoren und Blogger machten sich über McCain her. Jonathan Alter sprach in "Newsweek" von "McCains Meltdown". Selbst das konservative "Wall Street Journal" sieht seine Kandidatur schon auf dem politischen "Totenbett".

McCain ruderte schnell zurück: Er habe sich versprochen. Das passiere nun mal. Wenn das so einfach wäre.

Die YouTube-Generation duldet Versprecher kaum noch, sondern walzt sie zum Genuss aller so breit, bis der Kandidat daran erstickt. McCains Marktgang wird auf YouTube längst in etlichen Versionen verhöhnt, davon eine als Comic-Strip. "McCain hat seine Magie verloren", schreibt Steven Thomma vom McClatchy News Service.

Angekratzte Aura

Dabei war John McCain mal Favorit fürs Präsidentenamt. Er stilisierte sich als Mann der "klaren Rede", als aufrechter Ritter in einem Puppentheater voller PR-Marionetten. Sein Heldentum, seine Jahre in Folterhaft im Vietnamkrieg, seine parteiunabhängige Natur, seine beherzte Kritik an US-Präsident George W. Bush: Der Mann hatte richtig Potential.

Vorbei. Das Malheur von Bagdad war nur einer von vielen Stolpersteinen, die McCain den Weg ins Weiße Haus versperren.



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