Papst-Besuch in den USA Benedikt liest Bush die Leviten

Aus Washington berichtet Alexander Schwabe

2. Teil: Eine Ohrfeige für die Bush-Krieger


Es sind Sätze, die viel Spielraum für Interpretation lassen. Doch wer hören will, der höre: "Ich bin zuversichtlich, dass das amerikanische Volk in seinem religiösen Glauben eine wertvolle Quelle der Einsicht finden wird und Inspiration, einen vernünftigen, verantwortungs- und respektvollen Dialog anzustreben im Bemühen, eine humanere und freiere Gesellschaft zu erbauen." Offenbar meint der Papst hier einen Mangel festzustellen. "Die Kirche ist überzeugt,… , dass Demokratie nur blühen kann, wenn die politischen Führer sich von der Wahrheit leiten lassen und ihre Weisheit auf moralische Grundsätze aufbauen." Die verlogene Begründung des Irak-Kriegs - Vizepräsident Dick Cheney und Außenministerin Condoleezza Rice sitzen unter den Ehrengästen in der ersten Reihe - kann damit nicht gemeint sein.

Und noch eine Ohrfeige für die Bush-Krieger: Benedikt spricht sich für eine Stärkung der Uno aus, die den von den USA angeführten Irak-Krieg nie abgesegnet hat. Er hoffe, die Bemühungen zu unterstützen, dass die Vereinten Nationen zu einer immer wirkmächtigeren Stimme für die legitimen Bedürfnisse der ganzen Weltbevölkerung werden, sagt der Papst. Die Notwendigkeit weltweiter Solidarität habe keinesfalls abgenommen.

Spazierstock mit den Zehn Geboten

Auch Benedikt würdigt den humanitären Beitrag, den die USA in der Welt leisten - doch umgehend hebt er wieder zu einem Satz an, der als Mahnung an Amerika verstanden werden muss: "Ich bin zuversichtlich, dass dieses Bemühen um die umfassende menschliche Familie sich fortsetzen wird, um auch in der Unterstützung geduldiger Anstrengungen in der internationalen Diplomatie Ausdruck zu finden, damit Konflikte gelöst und Fortschritt erzielt werden können."

Der Papst beendet seine Begrüßungsrede mit "God bless America!" Kurzer Jubel brandet auf, Bush applaudiert. Ein weiteres Musikstück folgt: "Glory, glory, Hallelujah." Bush wiegt seinen Kopf im Takt. Der Papst spendet Applaus. Bush und der Papst verlassen die Plattform auf dem Rasen und gehen hinauf auf die Veranda des Weißen Hauses. Auf der Brüstung wird dem Jubilar ein "Happy birthday" gesungen. Der Papst ist sichtlich erfreut. Zwischen Laura und George W. Bush verschwindet er im Weißen Haus.

Dort werden Geschenke ausgetauscht. Benedikt hat ein gerahmtes Mosaik des Petersplatzes in Rom mitgebracht, gefertigt nach einem Stil aus dem 18. Jahrhundert. Was er als Geburtstagsgeschenk erhält, ist nicht durchgedrungen. Beim letzten Zusammentreffen im Vatikan schenkte Bush dem Papst einen in Texas geschnitzten Spazierstock, auf dem die Zehn Gebote eingraviert sind.

Es ist kaum anzunehmen, dass er ihm nun die Bergpredigt mit auf den Weg gibt.

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