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22. September 2015, 11:29 Uhr

USA im "Francis"-Fieber

Obamas Papst

Von , Washington

Der Papstbesuch elektrisiert die USA. Die Stimmung im Land ist durch den Vorwahlkampf aufgeheizt, jede Geste hat symbolischen Wert. Die Republikaner ahnen, dass Franziskus sie bei einigen Themen in Erklärungsnot bringen dürfte.

Wenn Papst Franziskus am Dienstag auf der Andrew Air Force Base landet, wartet gleich die erste außergewöhnliche Ehrerbietung: Präsident Barack Obama persönlich wird ihn auf dem Regierungsflughafen in Empfang nehmen. Ein Handschlag, ein paar Fotos - erst dann wird das Oberhaupt der katholischen Kirche sich in die Botschaft des Vatikan aufmachen.

Schon die Begrüßung auf der Landebahn soll den Stellenwert symbolisieren, den der Papstbesuch aus Sicht der US-Regierung hat. Nicht mal eng befreundete Amtskollegen heißt der Präsident normalerweise auf der Air Force Base willkommen. Sechs Tage wird der Papst im Land sein, und Obama, der den obersten Katholiken in manchen Fragen regelrecht als Verbündeten sieht, hat nichts dagegen, wenn der Besuch möglichst politisch wahrgenommen wird. Wohl auch deshalb der Handschlag auf dem Rollfeld.

Washington DC, Philadelphia, New York - das sind die Stationen der Visite. Das Land, so scheint es, fiebert der Ankunft von "Francis" entgegen, und wer je erlebt hat, in welches Chaos Teile der USA schon bei leichtem Schnee verfallen, dürfte ahnen, was beim Franziskus-Besuch droht.

Ganze Stadtteile werden aus Sicherheitsgründen abgeriegelt, die öffentlichen Verkehrssysteme richten sich auf das Schlimmste ein, die Verwaltung in der Hauptstadt rät zur Heimarbeit, aus gefühlt jedem zweiten Schaufenster winkt eine Franziskus-Figur. Schon die vorpäpstliche Stimmung scheint manchem zu Kopf zu steigen. "Ich denke", orakelt die Schauspielerin Susan Sarandon, "sie werden ein Attentat auf ihn verüben."

"Obamas Papst"

Für den Präsidenten kommt die päpstliche Visite schon allein deswegen zum rechten Zeitpunkt, weil - dank Donald Trump - gerade mal wieder der reichlich bizarre Streit um seinen Glauben auflebt. Ein paar Bilder mit Franziskus könnten ihm bei den doch beachtlich vielen Amerikanern helfen, die nicht ausschließen wollen, dass Obama eigentlich Muslim ist. Politisch könnte der Besuch für den Präsidenten ebenfalls ertragreich sein.

Seit Franziskus sich in die Aussöhnung zwischen den USA und Kuba eingeschaltet hat, besteht zwischen beiden ein gewisses Band. Zur öffentlichen Empfangszeremonie am Mittwoch hat der Präsident Tausende in den Garten des Weißen Hauses eingeladen. Am Donnerstag hält Franziskus, der aus Kuba anreist, als erster Papst überhaupt eine Rede vor dem Kongress. Obama gefällt, dass Franziskus seine Rolle politischer als sein Vorgänger interpretiert und bemüht ist, die katholische Kirche von einigen überkommenen Leitlinien zu befreien.

Ob der Kampf gegen soziale Ungleichheit, Kritik an den Unwuchten des Kapitalismus oder Fragen der Einwanderung - inhaltlich gibt es zwischen beiden durchaus Überschneidungen. Selbst in tagespolitische Fragen mischt sich Franziskus regelmäßig ein. Zuletzt hatte er sich so wohlwollend über das Iran-Abkommen geäußert, dass manche in Washington schon über "Obamas Papst" spotten.

Tatsächlich muss Obama aufpassen, den Besuch nicht so wirken zu lassen, als spanne er den Papst für seine Zwecke ein. In einer auch durch den Vorwahlkampf politisch aufgeladenen Zeit dürfte jeder Satz des Katholiken Beachtung finden.

Problem für die Republikaner

Und es wirkt auch nicht, als wolle Franziskus das vermeiden. Als Kämpfer für die Schwachen will Franziskus in den USA wahrgenommen werden. Der Papst wird mit Gefängnisinsassen zusammenkommen, mit Arbeits- und Obdachlosen. Und vor der Uno will er sich offenbar zu jenem Thema äußern, das Obama zum Ende seiner Amtszeit doch noch zu entdecken scheint: dem Klimawandel.

Ausgerechnet für die Republikaner, die so gerne ihren Glauben betonen, könnte das päpstliche Programm zur Zumutung werden. Mit dem Klimawandel und der Einwanderung dürfte Franziskus mindestens zwei Themen ansprechen, bei denen sich die Republikaner auf einen sonderlichen Kurs der Rückständigkeit begeben haben. Selbst vergleichsweise moderate Präsidentschaftskandidaten wie Jeb Bush oder Marco Rubio liegen in diesen Fragen mit Franziskus über Kreuz. Ihre Hoffnung ruht darauf, dass der Papst wenigstens sozialpolitisch noch ihre Sprache spricht, das traditionelle Familienbild hoch hält und sich gegen die Abtreibung ausspricht.

Manch einer, wie zum Beispiel Rubio, scheint aber schon zu ahnen, dass der Mann aus dem Vatikan die Partei in Erklärungsnot bringen könnte. Im Fernsehen auf Franziskus angesprochen, unterschied der Republikaner vorsichtshalber zwischen religiöser und politischer Autorität des Papstes. Erstere erkenne er natürlich zu 100 Prozent an.

"Aber der Papst hat als Individuum auch politische Meinungen", sagte Rubio. "Und auf diesem Feld können wir natürlich anderer Meinung sein als er."

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