Rede vor Europaparlament Papst geht mit Europas Flüchtlingspolitik hart ins Gericht

"Es nicht hinnehmbar, dass das Mittelmeer zum Massenfriedhof wird": Papst Franziskus hat vor dem Europaparlament die europäische Flüchtlingspolitik scharf kritisiert und zur Rückbesinnung auf Menschenwürde und Solidarität aufgerufen.
Rede vor Europaparlament: Papst geht mit Europas Flüchtlingspolitik hart ins Gericht

Rede vor Europaparlament: Papst geht mit Europas Flüchtlingspolitik hart ins Gericht

Foto: Bernd Weissbrod/ dpa

Straßburg - Papst Franziskus hat den Umgang Europas mit der Flüchtlingskrise kritisiert. "Es nicht hinnehmbar, dass das Mittelmeer zu einem Massenfriedhof wird", sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche bei seiner Rede vor dem Europaparlament in Straßburg: "Es ist notwendig, auf die Ursachen einzuwirken und nicht nur auf die Folgen."

"Auf den Kähnen, die täglich an den europäischen Küsten landen, sind Männer und Frauen, die Hilfe brauchen", sagte Franziskus. In der Europäischen Union fehle es aber an gegenseitiger Unterstützung. Dabei könnten die mit der Einwanderung verbundenen Probleme nur mit Gesetzen bewältigt werden, welche die Rechte der europäischen Bürger schützten und zugleich eine Aufnahme der Migranten garantierten. Dazu seien "korrekte, mutige und konkrete politische Maßnahmen" notwendig, sagte der Papst.

Franziskus rief zudem zu einer Rückbesinnung auf europäische Werte auf, etwa die Achtung der Menschenwürde sowie der Solidarität mit den Armen. Die großen Ideale Europas seien etwas verloren gegangen. Viele Menschen seien heutzutage einsam: Etwa Alte, Arme, Jugendliche ohne Zukunftschancen oder auch Einwanderer. Diese Einsamkeit sei durch die Wirtschaftskrise noch verschärft worden.

Papst prangert Hunger in der Welt an

Der Mensch müsse wieder in den Mittelpunkt der politischen Debatte gerückt werden, bei der heute technische und wirtschaftliche Fragen vorherrschten, sagte der 77-Jährige. Ansonsten sei der Mensch in Gefahr, zu einem Objekt herabgewürdigt zu werden. Dadurch werde er wie ein Konsumgut behandelt, das "ohne viel Bedenken" ausgesondert werde, wenn es diesem Mechanismus nicht mehr zweckdienlich sei.

Der Papst sprach zudem den Hunger in der Welt ("Es ist nicht hinnehmbar, dass jeden Tag Menschen sterben, während Tonnen von Lebensmitteln auf den Müll geworfen werden") sowie Gewalt gegen Christen an und warb für einen verstärkten Dialog zwischen europäischen und kirchlichen Institutionen.

Zu Beginn des Besuchs war Franziskus von EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) vor dem Haupteingang empfangen worden, die Fahnen des Vatikans und Europas wurden gehisst, Musiker des Eurocorps spielten die Hymnen des Vatikans und Europas. Anschließend trug sich Franziskus in das Goldene Buch der Volksvertretung ein.

Franziskus ist erst der zweite Papst, der eine Rede vor den Europavertretern gehalten hat. Zuletzt hatte mit Johannes Paul II. vor 26 Jahren ein Oberhaupt der katholischen Kirche Straßburg besucht, ein Jahr vor dem Fall der Berliner Mauer. Schulz nannte diese historische Rede am Dienstag einen "Meilenstein".

Am Mittag wird Franziskus im Europarat erwartet, der mit 47 Mitgliedsländern größten europäischen Staatenorganisation, in der auch Russland und die Ukraine sitzen. Dort will er mit Generalsekretär Thorbjörn Jagland zusammenkommen und anschließend vor hohen Vertretern der paneuropäischen Organisation sowie den Richtern des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte eine Ansprache halten.

bka/dpa/AFP
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.