Franziskus in New York Marathon durch die Millionenstadt

Kaum 40 Stunden verbringt Papst Franziskus in New York. Die Metropole feiert ihn wie einen Popstar und bejubelt seine Botschaft. Die harsche Realität ist jedoch nie weit entfernt.

AP

Von , New York


An seinem zweiten Tag hier besucht der Papst New Yorks heiligsten Ort. Erschöpft, doch ergriffen sitzt Franziskus vor der enormen rohen Betonwand, die einst die Fundamente der Twin Towers umschloss und heute das Herz des 9/11-Museums bildet. Er ist das einzige Lichtobjekt in der düsteren Felskatakombe, 21 Meter unter der Erde.

Doch diese Symbolik reicht ihm nicht. Der Papst hat zudem Vertreter aller Religionen eingeladen, mit ihm zu beten am Ground Zero: Christen, Juden, Hindus, Griechisch-Orthodoxe, Buddhisten, Sikhs - und Moslems. Das dritte Gebet spricht ein Imam: Khalid Latif, 32, der erste muslimische Kaplan des New York Police Departments.

Es ist die bewegendste Etappe dieser Papstvisite. Am Schauplatz von "Gewalt, Gehässigkeit und Rache" beschwört Franziskus im gleichen Atemzug die überquellende Menschlichkeit jener Tage des Terrors: "Keiner dachte an Rasse, Nationalität, Herkunft, Religion oder Politik."

In der Tat offenbarte sich damals New Yorks wahre Seele - eine Seele, die längst wieder verschwunden ist unter der Kruste des Alltags. Franziskus, wie ein Popstar gefeiert, kitzelt sie hervor: Eine Welle der Freude umrauscht ihn bei seinem Marathon durch die Millionenstadt.

Vision trifft auf Realität

In der St. Patrick's Cathedral, deren Chor das Kirchenschiff zum Beben bringt. An der Uno, die sich willig die Leviten lesen lässt. An der 9/11-Gedenkstätte, die ihn zutiefst erschüttert. In der Our Lady Queen of Angels School, deren Kids ihm ihre Touch-Screen-Tafel als "Geschenk Gottes" erklären. Im Central Park, wo Zehntausende stundenlang seiner harren. Bei der Schlussmesse im Madison Square Garden, deren Hallelujas bis auf die Avenue schallen. Und stets entlang der Straßen, durch die sein Fiat rollt: Zahllose weinen, wedeln, winken ihm zu.

Zugleich aber zeigt er sich nirgends deutlicher als hier in New York - der krasse Widerspruch seiner Vision einer besseren Welt zur Realität.

Denn die Stadt, die seinen Einsatz für die Armen beklatscht, ist auch die Stadt, in der die Kluft zwischen Haben und Nichthaben immer tiefer wird. Die Stadt, die er für ihre globale Offenheit lobt, ist auch die Stadt, die ihn im Korsett beispielloser Sicherheitsmaßnahmen erstickt.

Die VIP-Gäste, die an der Luxusmeile Fifth Avenue seinen Appell zur Aufopferung beweinen, sind auch die, die sich mit ihren Millionen die Politiker erkaufen. Und die Uno-Staatschefs, die für ihn von den Sitzen springen, sind auch die, die mehr als drei Jahre brauchten, um sich auf einen Katalog aus Planzielen zur Rettung des Planeten zu einigen.

Diese Diskrepanzen prägen bereits seine Ankunft aus Washington, wo er eine historisch-einende Rede vor dem US-Kongress gehalten hatte. Tags darauf versinkt dieser Kongress schon wieder im Zoff um die Nachfolge John Boehners, des Repräsentantenhaussprechers, der nach seiner Mini-Audienz mit dem Papst der Politik den Rücken kehrte.

Nicht mal 40 Stunden verbringt der Pontifex in New York. In dieser Zeit legt er 90 Kilometer zurück, zu Fuß, im Golfwagen, im Papamobil-Jeep. Vor allem aber in seinem spritsparenden Fiat 500L, der seine Botschaft kaum besser verkörpern könnte - erst recht angesichts der stinkenden SUVs der US-Autokolonnen, die ihn gnadenlos flankieren.

Eine weiße Rose am 9/11-Mahnmal

Die "umfassendsten Sicherheitsmaßnahmen der US-Geschichte", wie Polizeichef Bill Bratton prahlt, liegen zwar nicht nur am Papst. Sondern auch daran, dass sich zeitgleich an der Uno mehr als 170 Staatschefs treffen. Endlose Absperrungen, mannshohe Gitter, Metalldetektoren und bis zu 5000 Cops trennen den "People's Pope" oft vom Volk - und illustrieren, dass hier hinter dem Beifall auch das Böse lauern kann.

Sein Tag beginnt an den Vereinten Nationen. Dort bereiten sie ihm begeisterte Ovationen - darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, am Vorabend eingeflogen für den Uno-Nachhaltigkeitsgipfel. Die Debatten um Syrien, Migration und Terrorismus in der kommenden Woche dagegen überlässt sie Außenminister Frank-Walter Steinmeier.

Der Papst nimmt kein Blatt vor den Mund. Vor der Uno erhebt er das "Recht der Umwelt" zur internationalen Pflicht. Hernach wird er schnell hinauseskortiert, damit sie zur Tagesordnung übergehen können - die Verabschiedung hochtrabender Entwicklungsziele bis 2030, deren Brisanz sich verliert in 17 Einzelzielen, 169 Unterzielen und der papiernen Uno-Bürokratie, die Regenwälder roden könnte.

Da steht Franziskus bereits vor den Wasserfällen des 9/11-Mahnmals. Sieben Minuten teilt ihm das Protokoll dort zu, er legt eine weiße Rose nieder, umarmt Hinterbliebene, segnet einen Gelähmten und steigt hinab in die Tiefe des Museums. Die Erschöpfung ist dem 78-Jährigen anzumerken, sein Hinken, der Ischias, wird ausgeprägter.

Unten beugt er sich lange über ein 9/11-Exponat: eine Bibel, die den Terror überstand. Das Inferno verschmolz die Seiten zum ewigen Lesezeichen. Matthäus 5.39: "Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel; sondern, so dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar."

Zum Autor
Lane Hartwell
Marc Pitzke ist US-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in New York.

E-Mail: Marc_Pitzke@spiegel.de

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insgesamt 14 Beiträge
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BettyB. 26.09.2015
1. Der eine kam, der andere musste gehen
So ist es nun einmal, der Papst kam und sprach und Boehner musste gehen, weil er den eingefleischten Republikanern "zu weich" war. Die Folge wird ein antisozialer Rechtsruck in den USA sein.
Erwan 26.09.2015
2. Der Papst hätte den Politikern viel deutlicher die Meinung
sagen müssen, was die Kriegstreiberei beispielsweise der USA, aber auch anderer Nationen angeht. Nirgendwo habe ich aber davon gelesen. Die Waffen allein machen ja keinen Krieg, sondern sind nur Hilfsmittel zum Krieg. Krieg wird zumeist von den Politikern beschlossen. Da hätte der Papst ein deutliches Wort sagen müssen. Wer hat den ganzen Schlammassel im Nahen Osten denn angerichtet, sodaß wir nun die großen Flüchtlingsströme hier haben?
kyon 26.09.2015
3. Wenig empfehlenswert
"Matthäus 5.39: "Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel; sondern, so dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar."(SPON) Ich würde eher davon abraten, so zu verfahren: Das Ende, das derjenige, der das von sich gab, genommen hat, ist nicht gerade überzeugend - und nicht jeder hat einen Vater, der einen nach dem Scheitern wieder reanimiert.
dherr 26.09.2015
4. Dieser Artikel
von Herrn Pitzke ist einer der besten, die ich je hier bei SPON gelesen habe!!! Großartig.
limubei 26.09.2015
5. Rechtsruck kann von Vorteil sein!
Zitat von BettyB.So ist es nun einmal, der Papst kam und sprach und Boehner musste gehen, weil er den eingefleischten Republikanern "zu weich" war. Die Folge wird ein antisozialer Rechtsruck in den USA sein.
Oeffnet er den Waehlern die Augen. Denn zu viel Rechtsruck sorgt für weniger Zustimmung. Boehner war immer auch ein harter Vermittler, wenn der fehlt, werden die "Palins" der Konservativen ihr Blabla in die Öffentlichkeit giessen. Die US Wahlen des 2 Parteiensystems können sehr knapp ausgehen. Ein fehlender Bohner kann somit sehr zum Nachteil werden. Wir werden es erleben (müssen).
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