Papst-Vorlesung Türkischer Politiker vergleicht Benedikt mit Hitler

Die Proteste in der muslimischen Welt gegen die Islam-Äußerungen des Papstes werden immer schärfer: Benedikt XVI. habe "schamlos" über den Islam geredet und ihn beleidigt, heißt es in Iran. Der stellvertretende Chef der türkischen Regierungspartei AKP vergleicht den Papst mit Hitler und Mussolini.


Teheran/Ankara - "Leider hat der Papst den Islam beleidigt", sagte der einflussreiche iranische Geistliche Ahmed Chatami heute vor Gläubigen in der Teheraner Universität in einer live vom staatlichen Rundfunk übertragenen Rede. "Die Muslime haben auf seine absurden Bemerkungen reagiert und werden auch weiterhin richtig darauf reagieren." Der Papst verstehe den Islam nicht richtig. "Es ist sehr bedauerlich, dass der religiöse Führer der Christen so wenig Kenntnis vom Islam hat und schamlos darüber redete."

Besonders scharf fiel die Kritik in der Türkei aus. Der stellvertretende Vorsitzende der türkischen Regierungspartei AKP, Salih Kapusuz, erklärte laut der halbamtlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu sogar, der Papst sei mit seinen Worten "in derselben Kategorie mit Führern wie Hitler und Mussolini in die Geschichte eingegangen."

Die Bemerkungen des Papstes basierten entweder auf einer bedauernswerten Ignoranz gegenüber dem Islam oder seien eine absichtliche Verdrehung von Tatsachen, was eine 1000-fache Multiplikation von Ignoranz wäre. "Er hat eine dunkle Mentalität, die aus der Dunkelheit des Mittelalters kommt", sagte Kapusuz über das Oberhaupt der Katholiken. Es sei bedauerlich, dass das Papsttum von einem mit solchen Vorurteilen belasteten Menschen vertreten werde. Beobachtern zufolge könnte die Kontroverse den für 28. November geplanten Papstbesuch in der Türkei nachhaltig belasten.

Zuvor hatte es bereits Proteste in Ägypten, Pakistan und Indien gegeben. Das pakistanische Parlament verurteilte heute in einer einstimmig verabschiedeten Resolution die Bemerkungen von Papst Benedikt XVI. zum Islam. Die Äußerungen seien abfällig dem Islam gegenüber, der Papst müsse sich für seine Äußerungen zum muslimischen Verständnis des heiligen Krieges entschuldigen. Die vom radikalen Abgeordneten Fazal Karim eingebrachte Resolution wurde sowohl von Oppositions- als auch von Regierungsabgeordneten unterstützt.

Die Organisation der Islamischen Konferenz (OIC), der 57 Staaten mit islamischer Bevölkerung angehören, warf dem Papst eine "Verleumdungskampagne" gegen den Propheten Mohammed vor. "Die OIC hofft, dass diese Kampagne nicht der Prolog für eine neue Politik des Vatikans gegenüber dem Islam ist, besonders nach den vielen Jahrzehnten des Dialoges, der die Kleriker des Vatikans und die führenden Denker und Religionsgelehrten der Muslime einander näher gebracht hat", hieß es bei einer Konferenz im saudi-arabischen Dschidda. Die OIC sprach von einer "Verleumdungskampagne" des Papstes gegen den Propheten Mohammed.

Auch in Ägypten kam es zu Protestaufrufen. Die islamische Arbeitspartei warf dem Papst vor, er habe in seiner umstrittenen Rede über den Islam den Propheten Mohammed beleidigt. "Wacht auf, Muslime, der Papst beleidigt den Propheten und bezeichnet den Islam in seiner Ahnungslosigkeit als möglichen Feind", hieß es heute in einer in Kairo verbreiteten Erklärung der Partei. Die Arbeitspartei rief zu Protestkundgebungen gegen den Papst auf.

Muslimische Gelehrte in Indien kritisierten die Äußerungen des Papstes zu Islam und Gewalt als "unverantwortlich" und "blasphemisch". Im mehrheitlich muslimischen indischen Bundesstaat Jammu und Kaschmir beschlagnahmten Polizisten vorsorglich Tageszeitungen, in denen über diese Äußerungen berichtet wurde, um Unruhen zu verhindern. Führende Muslime werteten die Worte des Papstes als Provokation und verwiesen auf die angespannten interreligiösen Beziehungen.

"Merkwürdig, einseitig, geschichtsblind"

Die Äußerungen von Papst Benedikt XVI. über das Verhältnis von Islam und Gewalt hat auch in Deutschland ein unterschiedliches Echo ausgelöst. Während CSU-Politiker das Oberhaupt der Katholischen Kirche am Freitag gegen die teils harsche Kritik aus islamischen Ländern in Schutz nahmen, bezeichnete Grünen-Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck die Papst-Äußerungen als "merkwürdig einseitig und geschichtsblind".

Der Papst hatte sich in Regensburg gegen den Heiligen Krieg ausgesprochen und dabei indirekt auch den Propheten Mohammed kritisiert. Er berief sich dabei auf ein über 600 Jahre altes Zitat eines byzantinischen Kaisers, in dem es heißt, Mohammed habe nur Schlechtes und Inhumanes gebracht wie zum Beispiel die Vorschrift, den Glauben mit dem Schwert zu verbreiten.

Der Parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Hartmut Koschyk, betonte, der Papst habe in Regensburg ausschließlich den theologisch-intellektuellen Austausch thematisiert. "Hier feindselige Motive zu vermuten, ist nicht hinnehmbar." Zum Dialog zwischen Kulturen und Religionen gehöre aber auch, dass der Islam sich einem kritisch-konstruktiven Dialog nicht verschließe.

Stoiber sieht keinen Grund für Kritik

"Die Reaktion der Muslime ist unangemessen, wenn man den Gesamtkontext der Äußerungen betrachtet", sagte die kirchenpolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Ingrid Fischbach (CDU), der "Netzeitung". Auch Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber sieht keinen Grund für Kritik. "Seine Botschaft, dass Glaube und Religion niemals mit Gewalt verbunden sein dürfen, ist wegweisend, und es gibt überhaupt keinen Grund für Kritik gegenüber dem Papst", sagte der CSU-Politiker dem "Münchner Merkur". Benedikt XVI. stehe wie kein anderer in der Welt für den Dialog der Kulturen, betonte Stoiber und fügte hinzu: "Die klare Absage des Papstes an jede religiös motivierte Gewalt ist gerade angesichts der Auseinandersetzungen in der heutigen Zeit hochaktuell und sollte überall auf der Welt sehr ernst genommen werden."

Regierungssprecher Ulrich Wilhelm verwies auf die Erklärung des Vatikans, die eine "ganz deutliche Antwort" auf die laut gewordenen Stimmen in der islamischen Welt sei. Darin habe der Vatikan-Sprecher betont, dass der Papst den Islam respektiere und den Dialog mit anderen Religionen und Kulturen vorantreiben wolle - auch mit dem Islam. Die Bundesregierung setze alles daran, im Rahmen ihrer Zuständigkeit ein gutes Miteinander der unterschiedlichen Religionen zu gewähren. Der notwendige Dialog zwischen den Religionen müsse ohne Gewalt und Aufrufe zur Gewalt erfolgen.

Der Vatikan hatte unterdessen versucht, die Äußerungen des Papstes klarzustellen. Er habe in keiner Weise "die Absicht gehabt, die Gefühle der muslimischen Gläubigen zu verletzen", sagte Vatikansprecher Federico Lombardi nach der Rückkehr des Papstes gestern in Rom. Der Papst habe mit seinen Äußerungen in Regensburg zugleich die Notwendigkeit eines Dialogs zwischen den Religionen betont.

Papst Benedikt XVI. war am Dienstag während einer Rede an der Universität Regensburg auf das muslimische Verständnis des Heiligen Krieges eingegangen und hatte bei dieser Gelegenheit einen christlich-byzantinischen Kaiser aus dem 14. Jahrhundert mit den Worten zitiert: "Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten."

hen/dpa/AP/AFP



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