SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

17. November 2015, 12:06 Uhr

Anschläge von Paris

Franzose als Sprecher einer IS-Audiobotschaft identifiziert

Von , und

Ermittler haben den Sprecher einer IS-Audiobotschaft zu den Pariser Anschlägen identifiziert: Nach Informationen des SPIEGEL handelt es sich um einen französischen Islamisten. Die Aufnahme erhärtet die These, dass der Terror aus Syrien gesteuert worden ist.

Die französischen Behörden sind auf eine weitere Spur gestoßen, die darauf hindeutet, dass die Anschläge in Paris aus Syrien gesteuert wurden. Nach Informationen des SPIEGEL identifizierten Ermittler den Sprecher einer IS-Audiobotschaft, die nach den Anschlägen verbreitet wurde. Der Franzose ist den Ermittlern seit Langem bekannt - und soll sich derzeit in der syrischen Stadt Rakka aufhalten, der Hochburg des "Islamischen Staates" (IS).

Nach Erkenntnissen der Ermittler handelt es sich bei dem französischen Sprecher um Fabien Clain, der seit mehr als einem Jahrzehnt in der islamistischen Szene aktiv ist und in Frankreich im Gefängnis saß, ehe er sich nach Syrien absetzte. Er gilt als Mitglied einer Zelle, die regelmäßig IS-Propaganda produziert und über das Internet verbreitet.

Die Identität des Sprechers ist ein weiterer Beleg für die These, dass die Attacken vom vergangenen Freitag von IS-Kadern in Syrien gesteuert worden sein könnten.

Die Ermittler gehen davon aus, dass die Audiobotschaft im Gebiet des IS produziert und dort in mehrere Sprachen übersetzt worden ist. Wann genau sie aufgenommen wurde, ist unklar. Obwohl in der Aufnahme kein Insiderwissen preisgegeben wird, haben die Ermittler mittlerweile nur noch wenig Zweifel, dass sie als authentisches Bekenntnis des IS anzusehen ist. In der Aufnahme ist auch der jüngere Bruder von Clain zu hören, der ein für den IS typisches Kampflied, einen sogenannten Nashid, singt. Jean-Michel Clain soll sich seit Februar 2014 in Syrien aufhalten.

Fünf Jahre Haft wegen der Gründung einer Terrorzelle

Fabien Clain, 35, galt den französischen Behörden als eine zentrale Figur der Islamistenszene von Toulouse. Bereits im April dieses Jahres soll er versucht haben, von Syrien aus einen Anschlag auf eine Kirche in dem Dorf Villejuif südlich von Paris zu steuern. Mittels verschlüsselter Nachrichten radikalisierte er damals zunächst einen jungen Islamisten algerischer Abstammung. Dieser sollte den Anschlag ausführen.

Die Kommunikation aus Syrien führte Clain äußerst professionell. Mit Codewörtern dirigierte er den Attentäter zu einem Renault Mégane, in dem ein anderer Komplize Waffen für den geplanten Angriff versteckt hatte. Der Plan scheiterte nur, weil der Attentäter sich mit dem Gewehr selbst ins Bein schoss und sich dabei so schwer verletzte, dass er die Attacke nicht ausführen konnte.

Clains Radikalisierung soll bereits Ende der Neunzigerjahre begonnen haben. Nach Erkenntnissen der Behörden gründete er in Toulouse nach den Anschlägen vom 11. September 2001 gemeinsam mit seinem Bruder eine Salafisten-Gruppe. 2009 wurde er wegen der versuchten Gründung einer Terrorzelle, die von Frankreich aus in den Irak ziehen wollte, zu fünf Jahren Haft verurteilt. Nach seiner Freilassung 2014 setzte er sich nach Syrien ab.

Die Personalie Clain zeigt, wie eng verwoben das Netz von Islamisten in Frankreich ist. In der Vergangenheit hatten französische Medien berichtet, dass Clain auch in Kontakt mit Mohamed Merah gestanden habe. Merah hatte 2012 in Südfrankreich bei drei Angriffen französische Soldaten und jüdische Einwohner erschossen und sich nach einer stundenlangen Belagerung seines Verstecks durch die Polizei selbst getötet.

Korrektur: In einer ersten Version dieses Textes hieß es irrtümlich, Clain sei Sprecher einer Videobotschaft. Es handelt sich jedoch um eine Audiobotschaft.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung