Paris Antisemitischer Überfall war frei erfunden
Die Empörung war einhellig. Als einer der ersten meldete sich der Präsident der Republik schon am Samstagabend zu Wort: Jacques Chirac äußerte sein "Entsetzen" über die "schändliche Tat". Innenminister Dominique de Villepin verurteilte den "niederträchtigen Überfall" und versprach strengste Bestrafung der Täter "in kürzester Zeit".
Sprecher aller Parteien, Glaubensgemeinschaften, Gewerkschaften und Vereinigungen fielen nacheinander ein in den Chor der Anständigen. Zu früh, wie sich jetzt herausstellt.
Ganz Frankreich wurde Opfer einer kollektiven Hysterie. Durch ihre vorschnellen Stellungnahmen hatten der Staatschef und sein Innenminister eine vermeintlich antisemitische Aggression zur Staatsaffäre erhoben, noch bevor die Polizei sie überhaupt aufklären konnte.
Der Vorgang ist das Symptom eines tief sitzenden Unbehagens und einer wachsenden Angst: Frankreich mit seinen seit zwei Jahrhunderten hochgehaltenen republikanischen Idealen "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" fürchtet das Auseinanderbrechen seiner Gesellschaft von Citoyens in soziale, ethnische und religiöse Gruppen, die sich gegeneinander abschotten und im schlimmsten Fall einander bekämpfen.
Stimmte alles, wäre es in der Tat einer der empörendsten und beunruhigendsten Zwischenfälle der letzten Jahre gewesen: Sechs Jugendliche, drei Maghrebiner und drei Schwarze, teilweise mit Messern bewaffnet, sollen am Freitagvormittag in der Pariser S-Bahn eine 23 Jahre alte Frau mit einem Baby überfallen haben. Am Anfang wollten sie nur stehlen. Dann fanden sie im Rucksack der jungen Frau Papiere mit einer früheren Adresse im 16. Arrondissement - einem der bürgerlichsten und reichsten von ganz Paris.
"Dort leben ja nur Juden", rief einer der Angreifer. Die Bande beschimpfte die Frau, zerkratzte ihr das Gesicht, schmierte ihr mit schwarzem Filzstift drei Hakenkreuze auf den Bauch und schnitt ihr "als Souvenir" eine Haarsträhne ab. Als sie drei Haltestellen weiter aus dem Zug sprangen, schmissen sie den Kinderwagen mit dem Baby um. Fast eine Viertelstunde soll das Opfer gequält worden sein, unter den Augen von rund zwanzig Fahrgästen, die völlig untätig blieben. Niemand ging dazwischen, niemand zog die Notbremse, niemand schlug über Handy Alarm.
Nie haben die Ermittlungen etwas ergeben
So jedenfalls erzählte es die junge Frau am Freitag der Polizei. Jetzt die überraschende Wendung: Am Dienstagabend gestand die Frau, die Geschichte erlogen und sich die Hakenkreuze selbst auf den Leib gezeichnet zu haben, teilte die Staatsanwaltschaft in Pontoise bei Paris mit. Sie habe sich auch selbst die Verletzungen zugefügt. Wegen ihrer widersprüchlichen Aussagen war die Frau vorläufig festgenommen worden.
Zuvor hatte es schon Zweifel an ihrer Darstellung gegeben. Niemals hatten die Ermittlungen irgend etwas ergeben. Auf dem Bahnhof, wo sie den Zug bestieg, hatte jemand beobachtet, dass ihre Kleider bereits zerrissen waren. Eine Bekannte teilte der Polizei mit, bei der jungen Frau handle es sich um eine notorische Mythomanin mit psychischen Störungen, die oft Geschichten erfinde.
Dass die Story vom "Zug des Hasses" ("Le Figaro"), die von Anfang an einige Unstimmigkeiten aufwies, trotzdem bis hinauf in die höchsten Staatsstellen sofort für glaubwürdig gehalten wurde, lässt sich allerdings leicht erklären: Gewalt im öffentlichen Raum, insbesondere in den Transportmitteln, ist banal geworden. Und auch der Antisemitismus nimmt in Frankreich unverkennbar zu. 135 antisemitisch motivierte Übergriffe und 375 verbale Bedrohungen registrierten die Behörden im ersten Halbjahr 2004. Das ist deutlich mehr als im gleichen Zeitraum 2003.
Aber auch Aggressionen gegen Araber und Muslime mehren sich, mit einer Spitze im März kurz nach den Zugattentaten von Madrid. Die Zahl aller rassistischen Gewalttaten hat sich von Januar bis Mai im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdoppelt.
Juden haben Grund, um ihre Sicherheit zu fürchten
Dagegen hilft es wenig, dass die Regierung immer wieder ihre "unerschütterliche Entschlossenheit" im Kampf gegen die Barbarei verkündet, so Premier Jean-Pierre Raffarin. Nur einen Tag vor dem angeblichen Überfall in der S-Bahn hatte Chirac die Franzosen zu einem "nationalen Ruck" aufgerufen, um sich gegen Rassismus, Hass und Antisemitismus in allen Erscheinungsformen zu stellen. Die Geschichte der jungen Frau wirkte da fast wie eine höhnische Reaktion auf das Pathos des Präsidenten.
"Nazi-Methoden" hätten die jugendlichen Angreifer angewendet, entrüstete sich Ariel Goldman vom Rat der jüdischen Institutionen in Frankreich: "Die Geißel des Antisemitismus in Frankreich betrifft nicht mehr nur die Juden, sondern die gesamte französische Gesellschaft." Antisemitismus sei so alltäglich geworden, bestätigte der Ratsvorsitzende Roger Cukierman, dass er von der Öffentlichkeit nur noch als Meinung, nicht mehr als Delikt betrachtet werde.
Dieser neue Antisemitismus ist nur noch selten rechtsextremistisch, obwohl erst kürzlich Nazi-Schmierereien einen jüdischen Friedhof im Elsass verunstalteten. Vielmehr wurzelt er heute im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, den junge Muslime in Frankreich verinnerlichen und so auf ihre Wahlheimat übertragen. Frankreich hat zugleich die größte jüdische und die größte muslimische Gemeinde in Europa - Potenzial für einen Konflikt, den manche Politiker sogar für bürgerkriegsträchtig halten.
Verschärft wird die Eskalation der Gewalt durch die desolate soziale Lage in den Vorstädten rund um die großen Metropolen. Dort sind Hunderte von Ghettos entstanden, in denen fast nur noch Maghrebiner und Afrikaner leben, die sich vom Rest der Gesellschaft und deren Wohlstand ausgeschlossen fühlen. Die Juden in Frankreich haben zweifellos Grund, um ihre Sicherheit zu fürchten.
Aber die jungen Araber, die fast alle im Land geboren sind und die französische Staatsangehörigkeit besitzen, haben das Gefühl, dass mit zweierlei Maß gemessen wird. Sie spüren sich selbst als Opfer eines Rassismus, über den kaum einer sich aufregt. Wenn sich der Rassismus dagegen in seiner antisemitischen Form regt, schlagen sofort - zu Recht - die Wellen hoch. Der Politologe Pascal Boniface sieht schwarz für die Zukunft: "Diese jungen Muslime betrachten sich als Opfer einer Ungerechtigkeit, die zugleich real und eingebildet ist."