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21. September 2017, 14:36 Uhr

Sicherheit am Eiffelturm in Paris

Gegen die Glaswand

Von Petra Truckendanner, Paris

Der Eiffelturm soll ab Juli 2018 durch eine kugelsichere Glaswand vor Terrorangriffen geschützt werden. Der Wall wird zum Symbol für die schwierige Gratwanderung bei der Wahl zwischen Freiheit und Sicherheit.

Fast unsichtbar soll sie sich ins Stadtbild einfügen und doch wird man nicht um sie herumkommen: Der Eiffelturm wird bald von einer drei Meter hohen, schusssicheren Glaswand und einem Gitterzaun vor terroristischen Anschlägen geschützt. Aber ist der Schutzwall um das berühmte Monument die richtige Antwort auf die Bedrohung? Eine Pariser Bürgerinitiative sieht das anders. Sie reichte im Juli Klage gegen das Projekt ein. Der Baubeginn in dieser Woche hat den Rechtsstreit neu entfacht.

Dabei herrscht längst Handlungsbedarf: Der Eiffelturm ist seit jeher Ziel anonymer Bombendrohungen. Nach den Attentaten im November 2015 musste die Pariser Stadtverwaltung ganz besonders dringend eine Lösung finden, um die Millionen Besucher besser vor möglichen Attentaten zu schützen. Denn die Kontrollen an den Eingängen reichten laut Polizeipräfektur nicht aus. Die provisorischen und dazu noch hässlichen Metallbarrieren, die das Bauwerk seit der Fußball-EM 2016 umzäunen, sollten durch ein umfassendes Sicherheitskonzept abgelöst werden.

Das setzt der österreichische Architekt Dietmar Feichtinger jetzt mit der Konstruktion des gläsernen Schutzwalls um. Feichtinger, der für Brücken-Konstruktionen wie die Passerelle Simone-de-Beauvoir in Paris oder die Dreiländerbrücke über den Rhein bekannt ist, hat in sein Projekt die anliegenden Gärten miteinbezogen. Immerhin will er nicht einfach nur eine Glaswand bauen. "Ich nutze den Auftrag nach mehr Sicherheit, um gleichzeitig den Zugang für die Besucher angenehmer und besser zu gestalten."

Und noch etwas will er klar hervorheben: "Die Schlangen werden durch den Schutzwall auf keinen Fall länger." Der 324 Meter hohe Eiffelturm zieht jedes Jahr rund sieben Millionen Besucher an und ist damit das meistbesuchte kostenpflichtige Monument der Welt.

Die beiden Glaswände sollen entlang des Quai Branly und auf der anderen Seite entlang der Avenue Gustave Eiffel führen. Dazwischen kommt ein Gitterzaun, mit den Eingängen. Natürlich habe er sich die philosophische Frage gestellt, ob das Projekt mit den Prinzipien von "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" vereinbar sei, so Feichtinger. Als Architekt müsse er sich aber ständig den Realitäten anpassen. Er habe sich bei der Planung eng an die Sicherheitsvorgaben der Polizei gehalten. So seien etwa die Abstände zwischen den Zaungittern so ausgerichtet, dass man keine großen Waffen durchstecken könne.

Wiederstand und Klage gegen die Stadt Paris

Die Glaswand werde aus der Ferne kaum wahrnehmbar sein, sagt Feichtinger. Es ist wohl selten, dass ein Architekt so sehr betonen muss, wie wenig sichtbar sein Bauwerk für den Betrachter sein wird. Denn kaum war das Projekt angekündigt, formierte sich schon der Widerstand.

Der Anrainer- und Nutzerverband "Les Amis du Champ-de-Mars" mobilisiert in der Presse und in sozialen Netzwerken gegen die "Instrumentalisierung der terroristischen Gefahr für kommerzielle und politische Zwecke". Der Vorsitzende Jean-Sebastien Baschet hat Klage gegen die Stadt Paris eingereicht.

Laut Baschet habe die Stadtverwaltung das Projekt zu eilig beschlossen. "Sie haben den Ausnahmezustand nach den Attentaten 2015 genutzt, ihr Projekt sofort umzusetzen." Normalerweise müsse ein so großes Bauvorhaben, das immerhin 20 Millionen Euro kosten und mit öffentlichen Mitteln bezahlt wird, mit den Anrainern abgestimmt werden. All das sei hier einfach versäumt worden.

Zudem werde die Konstruktion den bislang freien Zugang zu dem dahinter liegenden Marsfeld - einem der größten Gärten von Paris - für Spaziergänger blockieren. "Wir können uns doch nicht jedes Mal anstellen, wenn wir mit unseren Kindern in den Park gehen wollen."

"Wir sind selbstverständlich auch für eine bessere Absicherung des Monuments", sagt Baschet. Er könne aber keineswegs nachvollziehen, dass ausgerechnet eine drei Meter hohe Glaswand mehr Sicherheit bringen soll. Im Gegenteil: Im Fall eines Anschlags könnten die Menschen nicht so leicht flüchten, gleichzeitig wäre der Zugang für die Sicherheitskräfte durch die Mauer noch erschwert. Die Wand könne andererseits einen entschlossenen Täter kaum daran hindern, seine Waffe über die Mauer zu werfen.

Letztendlich sei das Konzept reine Makulatur: Die Stadtverwaltung wolle der Öffentlichkeit zeigen, dass sie gegen mögliche Anschläge vorbeuge. Ob die Touristen damit wirklich besser geschützt seien, sei fraglich.

Feichtinger hat trotz der Widerstände mit dem Bau begonnen. Bis zum nächsten Nationalfeiertag am 14. Juli 2018 soll das Projekt fertig sein. Im Gegensatz zu seinen eleganten Brückenkonstruktionen an der Seine oder über den Rhein, hat die Glaswand am Eiffelturm keinen Anspruch auf Beständigkeit: "Die Struktur ist jederzeit rückbaubar" - sobald die Terrorgefahr vorbei ist.

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