Paris nach den Terroranschlägen In der traurigsten Stadt Europas

Paris ist in diesen Stunden eine traumatisierte Stadt. Menschen haben Angst, überall patrouillieren Polizisten in schwerer Schutzuniform, Sirenen heulen. Szenen aus einer Metropole, die Terror erlebt.
Trauernde in Paris: Ihre Stadt ist nicht mehr dieselbe

Trauernde in Paris: Ihre Stadt ist nicht mehr dieselbe

Foto: CHRISTIAN HARTMANN/ REUTERS

Am frühen Abend waren sie ins Stadion geströmt, die Fans, Zehntausende. Sie freuten sich auf ein gutes Fußballspiel, der Weltmeister aus Deutschland war zu Gast. Doch als die Menschen Stunden später das Stade de France wieder verlassen können - nach Explosionen, die Terroranschläge waren, nach alarmierenden Twitter-Nachrichten über die Lage im Pariser Zentrum - da ist ihre Stadt nicht mehr dieselbe.

Auf den Straßen Polizisten, die aussehen, als sei während des Fußballspiels Krieg ausgebrochen: Maschinenpistolen, schwere Schutzuniformen, Helme.

Über die Nachrichtenticker kommt die Meldung, in der Stadt habe jemand mit einem Großkaliber in einem kambodschanischen Restaurant um sich geschossen, zudem sei eine Konzerthalle in der Gewalt von Geiselnehmern. Auf den Straßen vor dem Stadion fangen Menschen an zu weinen, sie setzten sich einfach auf den Boden, schockiert.

Die Polizei verriegelt die Metroeingänge, Taxis fahren nicht. Im Internet heißt es, die Stadt solle gemieden werden.

Das Stade de France ist knapp acht Kilometer vom 11. Arrondissement entfernt, wo sich die Konzerthalle Bataclan und das kambodschanische Restaurant befinden. Geht man den Weg zu Fuß, kommt man an zahlreichen Kneipen, Bars und Dönerläden vorbei. Normalerweise ist Paris an einem Freitagabend wie ein großer Jahrmarkt, auch im Winter wuseln die Leute durch die Straßen, essen, trinken, feiern.

Heute nicht.

Fotostrecke

Fotostrecke: Paris nach den Terroranschlägen

Foto: CHRISTIAN HARTMANN/ REUTERS

In Läden, in denen sich noch kleine Menschengrüppchen aufhalten, stehen sie alle gemeinsam vor dem Fernseher, starren auf die Nachrichtenbilder. Keiner spricht. Immer wieder fliegt Blaulicht vorbei, Feuerwehr und Krankenwagen fahren Richtung 11. Arrondissement, Polizisten in Autos und auf Motorrädern rasen hinterher.

Die Nachrichtenticker sagen zu diesem Zeitpunkt: Dutzende Personen seien noch in der Gewalt von Terroristen. In einer Konzerthalle, in der eine Heavy-Metal-Band spielte. Nicht weit entfernt von der "Charlie Hebdo"-Redaktion.

Man hört solche Nachrichten, aber man versteht sie nicht.

Etwa 700 Meter vor der Konzerthalle herrscht vollkommener Ausnahmezustand. Schwer bewaffnete Polizisten patrouillieren durch die kleinen, engen Gassen. Völlig unter Strom, brüllen sie mit gezogener Waffe Passanten an, die sich den Absperrungen nähern.

Wurden alle Attentäter lokalisiert? Wie will man eine ganze Stadt, die noch dazu so verwinkelt und verschachtelt ist, nur verteidigen? Wie soll man U-Bahn-Schächte, Seitengassen und Hinterhöfe kontrollieren?

Unmöglich.

Etwa 200 Meter vor der Bataclan-Konzerthalle wird deutlich, worauf sich die Pariser Einsatzkräfte tatsächlich vorbereiten. Duzende Krankenwagen stehen nebeneinander, hintereinander auf dem abgesperrten Boulevard Voltaire. Rettungskräfte tragen Beatmungsgerät, Medikamente.

Als die ersten Schüsse fallen, schreien einige der Sanitäter auf. Man kann die lauten, knallenden Geräusche klar hören, trotz der Entfernung. In den Nachrichtentickern heißt es nun, die Polizei habe die Halle gestürmt.

Minuten fühlen sich an wie eine Ewigkeit, irgendwann öffnen die Beamten eine Seitenstraße, die als Spalier für die Krankentransporte dient. Einige Sanitäter rennen zu Fuß los. Ein japanisches Restaurant wird kurzerhand zu einem Erstversorgungszentrum umfunktioniert.

Man kann die Verletzten, die nach und nach aus der Halle zur Hauptstraße gebracht werden, nach kürzester Zeit nicht mehr zählen. Blutkonserven werden angeschlossen. Tragen mit Menschen, deren Gesichter zugedeckt sind, werden in Krankenwagen gehoben.

Eine junge Frau, äußerlich unversehrt, aber mit milchigem Blick, stellt sich vor die wartenden Journalisten. Sie spricht von einem Massaker, erzählt, dass die Attentäter in die Menge geschossen hätten. Mehrfach. Durchgeladen, wieder geschossen. Sie wisse nicht, wie sie das überlebt habe.

Die Nachrichtenticker sprechen von mehr als hundert Toten.

Noch um kurz vor 3 Uhr morgens stehen Krankenwagen rund um die Konzerthalle Bataclan, die binnen weniger Stunden zum traurigsten Ort Europas geworden ist.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.