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Terror in Frankreich Hollande spricht von Krieg

"Wir werden gnadenlos reagieren": Frankreichs Präsident Hollande wählt drastische Worte im Kampf gegen den Terror. Der Papst spricht gar vom Dritten Weltkrieg.

"Es ist ein Akt der absoluten Barbarei", begangen durch "eine Armee von Terroristen", erklärte François Hollande nach dem Treffen des Nationalen Verteidigungsrats während einer kurzen TV-Ansprache. "Es ist ein Angriff des 'Islamischen Staates', wir werden gnadenlos reagieren - auf allen Ebenen, in Abstimmung mit unseren Partnern", so der Staatschef. Später sagte er direkt, was er meint: "Konfrontiert mit Krieg muss die Nation angemessene Maßnahmen ergreifen."

Hollande sieht sich im Krieg, Frankreichs Presse sieht die Nation im Krieg, der Papst spricht gar vom Dritten Weltkrieg. Auf die Frage des TV-Senders Tv2000, ob dieser durch Anschläge fortgesetzt werde, sagte Franziskus: "Das ist ein Teil davon."

Mit den brutalen Anschlägen, bei denen acht Terroristen mehr als 120 Menschen ermordeten und sich einige anschließend selbst in die Luft sprengten, hat der Kampf der Republik gegen den "Islamischen Staat" eine neue, fürchterliche Qualität erreicht. Mit Konsequenzen für das politische Selbstverständnis Frankreichs und seiner politischen Führung.

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Anschläge in Frankreich: Der Horror von Paris

Foto: MIGUEL MEDINA/ AFP

In den Planspielen von Frankreichs Sicherheitskräften war es das ultimative Albtraum-Szenario: Ein simultaner Terrorüberfall auf mehrere stark besuchte Knotenpunkte der französischen Hauptstadt - koordiniert, mörderisch, mit vielen Dutzend Toten und Verletzten.

Seit Freitagabend ist das oft durchgespielte Horrorszenario schreckliche Realität. Erst drei Explosionen rund um das Stade de France, ausgeführt von Selbstmordattentätern. Zudem mehrere Attacken mit Schusswaffen im belebtem Kneipenviertel des zehnten und elften Arrondissements zwischen dem Place de la République und dem Place Bastille. Und schließlich eine Geiselnahme im Konzertsaal Bataclan, wo die Kamikaze-Täter ein Blutbad anrichteten.

"Eine ähnliche Situation hat 2001 zum Bündnisfall geführt"

Inzwischen wird darüber debattiert, ob die Nato aktiv werden muss. Der frühere Nato-General Egon Ramms hält das nicht für ausgeschlossen: "Eine ähnliche Situation hat im Jahr 2001 zum Bündnisfall geführt. Der Nato-Rat müsste auf Antrag von Frankreich entscheiden, ob das nach den Anschlägen von Paris jetzt auch der Fall ist", sagt Ramms der "Bild"-Zeitung.

Hollande, gerade noch mit Steuerreformen, Regionalwahlen und dem Weltklimagipfel beschäftigt, ist jetzt in der Rolle des Staatsoberhaupts gefordert, wie sie in der Präsidialverfassung der V. Republik angelegt ist - zumal in Zeiten der Krise: Als Führer der Nation jenseits der Niederungen des Polit-Alltags, als verantwortungsvoller Beschützer seiner Mitbürger und vor allem als Oberkommandeur der Streitkräfte.

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Foto: David Ramos/ Getty Images

Der Staatschef reagierte mit hartem Durchgreifen und emotionaler Rhetorik. Zum ersten Mal seit dem Algerienkrieg wird landesweit der Ausnahmezustand verhängt, inklusive Grenzkontrollen: An den Flughäfen müssen sich einreisende EU-Bürger ausweisen, so wie in den Zeiten vor dem Schengenabkommen. Der Präsident mobilisierte die Armee, kasernierte die Bereitschaftspolizei und Gendarmerie, für die Krankenhäuser gilt der nationale Notfall. Per Dekret werden die Bürgerrechte eingeschränkt, die Bewegungsfreiheit etwa. Personalkontrollen sind ohne Anlass erlaubt, Durchsuchungen auch ohne Richterbeschluss.

"Frankreich ist stark. Nichts kann uns auslöschen."

Zugleich appelliert der Staatschef an die Einheit der Franzosen, die Parteien will er während einer außerordentlichen Sitzung beider Kammern der Nationalversammlung am Montag auf den Schulterschluss einschwören. "Frankreich ist stark. Doch selbst wenn das Land verletzt ist, steht es wieder auf. Nichts kann uns auslöschen."

Bewegende Worte, dennoch bleibt ein Gefühl von Unsicherheit, von "déja vu": Noch nicht mal ein Jahr nach den Mordanschlägen auf das Satireblatt "Charlie Hebdo" und den jüdischen Supermarkt ist Paris wieder vom Terror gepackt. Und trotz der Mobilisierung von Sicherheitskräften schlugen die Attentäter wieder zu, aber erbarmungsloser, schrecklicher. "Bei den Angriffen im Januar hatten wir es mit Amateuren zu tun, jetzt sind zu allem entschlossene Profis am Werk", resümiert ein Journalist im Nachrichtensender BFM TV.

Die gezielten Angriffe richteten sich auf Symbole der Nation. Weiche Ziele, sagen Experten, nicht die scharf bewachten Ministerien, Bahnhöfe oder Flughäfen: Stattdessen ein Sportstadion, ein Konzertsaal, Restaurants und Strassencafés. Es ist, so kommentieren die Medien am Tag danach, eine Attacke auf Frankreichs Zivilisation, seine Kultur, seine Lebensart.

Die Opposition gelobt staatsbürgerliche Geschlossenheit

Und auf Frankreichs Außenpolitik: Gemeint ist Frankreichs Engagement in Nahost, wo Kampfflugzeuge vom Typ Mirage und "Rafale" nicht mehr nur im Irak gegen die Truppen des "Islamischen Staates" (IS) vorgehen, sondern nun auch im Luftraum von Syrien ihre Angriffe auf IS-Ziele fliegen. Das militärische Engagement, gemessen an der Zahl der verfügbaren Flieger eher symbolisch, genügt, um Frankreich ins Fadenkreuz der IS-Terroristen zu rücken.

Die Politik reagiert mit reflexartiger Solidarität der etablierten Parteien, die Opposition gelobt staatsbürgerliche Geschlossenheit. Kritik wegen mangelnder Sicherheit kommt allein vom rechtsextremen Front National. Dennoch ist die Nation nach den Mordtaten im Mark getroffen. Nach den Attacken vom Januar hatte die massive Mobilisierung und die allgegenwärtige Präsenz von Polizei und Militär den Bürgern den Eindruck gefühlter Sicherheit vermittelt. Man hatte sich eingerichtet mit der Bedrohung. Jetzt sind die Franzosen einmal mehr gefordert: Über die dreitägige Staatstrauer hinaus, muss das Land in Zeiten einer existenziellen Bedrohung zusammenrücken, so hofft es Hollande.

Die Hauptstadt verbarrikadiert sich derweil, die traumatisierte Nation igelt sich ein. Eine Rückkehr zur Normalität? Vorläufig undenkbar.

Frankreich scheint tatsächlich im Krieg zu sein.

Video: SPIEGEL-Reporter berichtet vom Tatort am Club "Bataclan"

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Video: SPIEGEL-ONLINE-Reporter berichtet vom Anschlagsort am Stadion

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