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Paris Gelbwesten randalieren - Macron wegen Skiurlaub in der Kritik

Die Gelbwesten schienen erledigt, Emmanuel Macron wirkte obenauf. Doch dieses Wochenende ändert alles. Die Krawalle trafen den französischen Präsidenten völlig unvorbereitet.

Beginnt jetzt alles wieder von vorne? Hat das Chaos in Paris denn nie ein Ende? Das fragen sich an diesem Märzsonntag viele Franzosen.

Denn so zugerichtet war das Pariser Zentrum rund um den Triumphbogen zuletzt am ersten Dezembersonntag des vergangenen Jahres. Damals plünderten Demonstranten das Museum im Triumphbogen, und die ganze Welt erschrak vor dem bis dahin unbekannten Protest der sogenannten Gelbwesten.

Seit dem Generalstreik im Mai 1968 hatte es in Paris bis dahin nicht mehr solche Gewaltausbrüche gegeben. Auch beschränkten sie sich damals auf den Mai 1968. Aber nun wiederholten sich die Gewaltszenen nur wenige Monate später.

Plünderer in gelben Westen

An diesem Wochenende griffen die Demonstranten, viele von ihnen in gelben Warnwesten, erneut ein Symbol des herrschaftlichen Frankreichs an: Das berühmte Gourmetrestaurant Le Fouquet's an den Champs-Élysées vor der Prachtallee unterhalb des Triumphbogens. Hier hatte einst der bis heute von den meisten Franzosen verehrte sozialistische Präsident François Mitterrand seinen festen Tisch. Hier feierte einer seiner konservativen Nachfolger, Nicolas Sarkozy, seinen Wahlsieg im Jahr 2007.

Nun aber plünderten die Gelbwesten das vornehme Restaurant. "Das nehme ich mir als Andenken mit", sagte eine Demonstrantin dem Fernsehsender TF1 und hielt eine mit dem Namen Le Fouquet's bestickte Serviette mit silbernem Ring wie eine Trophäe in der Hand.

Wie im Dezember lagen überall Pflastersteine auf der großen Allee. Wieder hatte es vielerorts gebrannt: Dieses Mal waren es die Zeitungskioske auf den Champs-Élysées und eine Bankfiliale, aus dessen zweiter Etage die Feuerwehr eine von den Flammen eingesperrte Mutter mit ihren Kindern in höchster Not retten musste. Wieder zählte man Dutzende Verletzte auf Seiten der Demonstranten und der Polizei, wieder landeten Hunderte Demonstranten in Polizeigewahrsam.

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Paris: Ausschreitungen bei Gelbwesten-Protesten

Foto: YOAN VALAT/EPA-EFE/REX

Dabei schien die Gelbwestenkrise längst bewältigt zu sein. Hatte nicht Präsident Emmanuel Macron im Dezember neue soziale Maßnahmen im Wert von mehr als zehn Milliarden verkündet, die auf die elementarsten Forderungen der Demonstranten eingingen: weniger Benzinsteuern, Entlastung von Geringverdienern und Niedrigrenten? Und hatte Macron nicht anschließend eine landesweite Debatte über die Gelbwesten-Themen ins Leben gerufen, an der in den letzten Monaten 1,5 Millionen Franzosen mit zumeist aufrichtigem Engagement teilnahmen - der Präsident ihnen allen vorweg?

Doch nun das: Am Samstagnachmittag brannte in Paris das Vordach des Le Fouquet's, die Champs-Élysées verschwanden im Rauch von Brandstellen und Tränengas, als zeitgleich auf den Bildschirmen der Nation Aufnahmen des Präsidenten im Skiurlaub in den Pyrenäen erschienen. "Er glaubte die Straße besiegt zu haben und lag falsch", kommentierte einen Tag später die Pariser Zeitung " Le Monde".

Macron brach noch am Samstag seine Skiferien vorzeitig ab und eilte nach Paris zurück. Doch der Fehler war nicht mehr gutzumachen.

Emmanuel Macron

Emmanuel Macron

Foto: CHRISTOPHE PETIT-TESSON/ AFP

Wochenlang hatte der Präsident versucht, sein Image des abgehobenen, arroganten Technokraten zu verwischen, indem er sich in Provinzdiskussionen als bürgernaher, den vielen sozialen Problemen aufgeschlossener Mann präsentierte. Doch kaum machten die Gelbwesten wieder Ernst, amüsierte er sich im Schnee. So wie sein Innenminister Christophe Castaner, der am Abend der letzten Gelbwestendemo in einer Pariser Schickeria-Disko ertappt wurde. Als würde auch er die Demonstranten nicht mehr ernst nehmen.

Und so schienen die von Macron gerade erst beruhigten Fronten an diesem Wochenende wieder aufzureißen.

"Sie glaubten sich so sicher, dass sie wieder Ski fahren und in die Disko gingen. Dabei existiert da draußen eine solche soziale Wut", warnte der etablierte CGT-Gewerkschaftsfunktionär Benjamin Amar im französischen BFM-Fernsehen. Die französischen Oppositionsparteien forderten den Rücktritt des Innenministers. Ein Vertrauter der rechtsextremistischen Parteiführerin Marine Le Pen, ihr Berater Jean Messiha, unterstellte der Regierung, die Gewalt zu instrumentalisieren - friedliche Demonstranten schüchtere sie mit harten Polizeimaßnahmen ein, Randalierer lasse sie gewähren. Macron reagierte, indem er bei seiner Rückkehr nach Paris "starke Entscheidungen" ankündigte. Doch was ist zu tun?

"Das war keine Demonstration mehr, das waren Leute, die die Republik zerstören wollen", sagte Macron nach dem Ende der Proteste. Dabei nutzt es wenig, die Gelbwesten generell zu kriminalisieren. Laut Umfragen unterstützen immer noch 49 Prozent der Franzosen ihre Bewegung. Kein Pflasterstein scheint daran etwas zu ändern.

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