Messerattentäter von Paris Der innere Feind

Mickael H. schickte seiner Frau noch 33 SMS, binnen 29 Minuten. Dann stach er zu, tötete vier Menschen. Nun steht der Innenminister unter Druck. Wer war der Täter von Paris, der als Islamist bei der Polizei arbeitete?

Französische Sicherheitskräfte patrouillieren vor dem Eiffelturm in Paris: Die Angst vor Terroranschlägen ist seit 2015 nie verschwunden
Ludovic Marin/ AFP

Französische Sicherheitskräfte patrouillieren vor dem Eiffelturm in Paris: Die Angst vor Terroranschlägen ist seit 2015 nie verschwunden

Von Britta Sandberg, Paris


Die Frage dominiert alles, nach jeder Messerattacke, nach jedem Anschlag. War es ein Terrorist? Ein Anhänger der Miliz "Islamischer Staat", ein rückkehrender Kämpfer aus Syrien, einer der radikalisierten Islamisten aus den vielen traurigen Vorstädten rund um Paris?

So war es, als im April Notre-Dame brannte. Und so war es, als am vergangenen Donnerstag ein Angreifer, bewaffnet mit zwei Küchenmessern, die er am selben Tag gekauft hatte, seine Kollegen in der Polizeipräfektur von Paris niederstach.

Trotz der vier Toten, trotz der Grausamkeit der Tat - einem der Opfer schnitt der Angreifer die Kehle durch - war es erleichternd und entlastend, schon am frühen Donnerstagnachmittag zu hören, dass es diesmal keinen terroristischen Hintergrund für diesen Anschlag gebe. Selbst Innenminister Christophe Castaner erklärte schon kurz nach der Tat, es habe "nicht das geringste Alarmsignal gegeben", der Täter habe kein auffälliges Verhalten gezeigt.

Seit dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" ist die Angst in Frankreich immer da

Wie man heute weiß, waren das vorschnelle Erklärungen. Am Freitag hat die Antiterroreinheit der Pariser Staatsanwaltschaft die Ermittlungen übernommen, nachdem die Auswertung des Täterhandys sowie erste Vernehmungen eindeutige Bezüge des 45-Jährigen zum salafistischen Milieu ergaben.

Kein anderes Land in Europa wurde in den vergangenen Jahren so hart von islamistisch motiviertem Terror getroffen wie Frankreich:

  • Bei dem Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitung "Charlie Hebdo" im Januar 2015 starben 12 Menschen;
  • bei den Pariser Attentaten im November desselben Jahres waren es 130.
  • Am 14. Juli 2016 tötete ein Angreifer 86 Menschen auf der Uferpromenade in Nizza.
  • Und zwölf Tage später schlitzten zwei Islamisten einem katholischen Priester in der Nähe von Rouen in seiner Kirche die Kehle auf.

Seither ist die Angst immer da.

Mickael H., der Attentäter aus der Polizeipräfektur, den ein 24-jähriger Polizeianwärter am Donnerstag nach sieben grausamen Minuten erschossen hat, war seit über 15 Jahren in der Präfektur tätig. Er arbeitete dort in der Abteilung, die für den Antiterrorkampf zuständig ist. Zu seinen Aufgaben zählte es unter anderem, die französische Dschihadistenszene zu beobachten.

Haben die Behörden geschlampt?

Hätte man sehen können, dass er irgendwann in dieser Zeit selbst zu einer Gefahr wurde, zum Islam übertrat und sich radikalisierte? War sein Fall so eindeutig, wie die Oppositionsparteien, die nun parlamentarische Untersuchungskommissionen und den sofortigen Rücktritt von Innenminister Castaner fordern, es vorgeben?

Premierminister Édouard Philippe erklärte am Sonntag in einem Interview mit dem "Journal du Dimanche", seit Oktober 2017 seien 300.000 Sicherheitsüberprüfungen innerhalb des Polizeiapparats durchgeführt worden. Aber es habe in den vergangenen Jahren bei nur 20 Beamten Anlass gegeben, sie aufgrund ihres Verhaltens von ihren Funktionen zu entbinden.

Hätte Mickael H. dazu zählen müssen - der Mann, der im Laufe seiner Arbeit die Ideologie, die Religion und das Gedankengut des Gegners übernahm? Die französische Nationalpolizei hat knapp 150.000 Mitarbeiter, viele darunter sind Muslime. Allein das kann und darf sie nicht verdächtig machen. In den vergangenen Jahren haben Polizeibeamte immer wieder beklagt, dass die Zugehörigkeit zum Islam automatisch Sicherheitschecks nach sich zog.

Mickael H. betete in polizeibekannter Moschee

Dennoch, zwei Punkte im Dossier von Mickael H. hätten aus heutiger Sicht Anlass zu weiteren Sicherheitsüberprüfungen geben können, vielleicht geben müssen:

  • Nach dem Anschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" habe er, so berichtete es nun einer seiner Kollegen, Verständnis für die Attentäter geäußert. Der Mann gab diese Äußerung an seinen Vorgesetzten weiter. Es soll, nach jetzigem Ermittlungsstand, anschließend einen Verweis an H. gegeben haben. Mehr nicht.
  • Die zweite Besonderheit fiel Nachbarn des Polizeibeamten auf und nicht seinen Kollegen. Der Attentäter habe sich in den vergangenen Monaten verändert, erzählten sie jetzt den Ermittlern. Er sei auf einmal in traditionellen Gebetsgewändern zur Moschee nahe seinem Wohnort Gonesse im Norden von Paris gegangen.

Die Moschee La Fauconnière, die H. dort besuchte, ist den Behörden seit Jahren bekannt, weil ein radikaler junger Imam marokkanischen Ursprungs dort predigt, so berichtete es am Samstag die Tageszeitung "Le Monde". Aufgrund seiner aufrührerischen Aussagen sollte der Marokkaner vor einiger Zeit des Landes verwiesen werden.

Unklar bleibt, welche Motive H. veranlassten, die Seiten zu wechseln und zum Feind des eigenen Apparats zu werden. Wie seine 38-jährige Frau war der Täter in einem fortgeschrittenen Grad schwerhörig. Diese Behinderung soll ihm unter anderem einen weiteren Aufstieg in der Hierarchie innerhalb der Polizeipräfektur versagt haben. Aber wird man deshalb zum Attentäter? Wohl kaum.

"Allahu akbar. Folge unserem geliebten Propheten Mohammed"

Auch die Rolle der Ehefrau des 45-Jährigen bleibt vage. 33 SMS-Nachrichten sollen die beiden kurz vor dem Anschlag ausgetauscht haben, genauer gesagt zwischen 11:21 Uhr und 11:50 Uhr. Es sind Nachrichten mit eindeutig religiösem Inhalt, sie endeten mit den Worten: "Allahu akbar. Folge unserem geliebten Propheten Mohammed und studiere den Koran."

Angesichts dieser neuen Erkenntnisse, die der Antiterrorstaatsanwalt Jean-François Ricard am Freitag publik machte, ist schwer vorstellbar, dass die Ehefrau bis zu diesem Zeitpunkt nichts von den Plänen ihres Mannes wusste. Ihr Polizeigewahrsam wurde am Wochenende ein weiteres Mal um 48 Stunden verlängert. Auch das deutet darauf hin, dass die Ermittler sie nicht für unschuldig halten.

Am kommenden Dienstag wird für die vier Opfer, drei Männer und eine Frau, Mutter von zwei kleinen Kindern, eine Trauerfeier im Innenhof der Pariser Polizeipräfektur stattfinden, im Beisein von Präsident Emmanuel Macron. Die Rufe der Opposition nach einem Rücktritt des Innenministers werden bis dahin nicht verhallen.

Innenminister Castaner steht unter Druck, die Opposition fordert nach dem Anschlag seinen Rücktritt
IAN LANGSDON/EPA-EFE/REX

Innenminister Castaner steht unter Druck, die Opposition fordert nach dem Anschlag seinen Rücktritt

Marine Le Pen, Parteivorsitzende des rechtspopulistischen "Rassemblement National" gehörte zu den ersten, die eine sofortige Untersuchungskommission forderten.

Sicherheitslücken in einem laschen Polizeiapparat, der nicht entschieden genug gegen Einwanderer und Muslime in den eigenen Reihen vorgeht und Frankreich so seinen Feinden ausliefert, passen perfekt in die Erzählung der großen Überfremdung, die die Partei seit Jahren zu ihrem Thema gemacht hat.

Innenminister soll vor Geheimdienstausschuss befragt werden

Premierminister Philippe kündigte am Sonntag neue Maßnahmen an, mit denen Anzeichen von Radikalisierungen bei Polizeibeamten früher erkannt werden können. Es werden sicher weitere Maßnahmen folgen, vielleicht auch Rücktritte innerhalb der Präfektur.

In den kommenden Tagen soll der Innenminister in einer nicht öffentlichen Sitzung vom Geheimdienstausschuss des Parlaments befragt werden. Er wird dort erklären müssen, warum man nicht eher auf den Attentäter aufmerksam geworden ist.

Ein "Nullrisiko", ein Ausschalten aller Gefahren, könne es allerdings nicht geben, sagte Premier Philippe am Sonntag im Interview. Mit dieser Wahrheit wird Frankreich weiterhin leben müssen.


Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Textes hieß es, Mickael H. habe die Tat am vergangenen Mittwoch begangen. Er ermordete jedoch am Donnerstag mehrere seiner Kolleginnen und Kollegen. Wir haben die entsprechenden Stellen korrigiert.



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