Wahl in Großbritannien Stunde der Rebellen

Premier Boris Johnson hat sie aus der Partei verbannt. Nun treten mehrere ehemalige Tory-Spitzenpolitiker als unabhängige Kandidaten bei der Parlamentswahl an. Haben sie eine Chance?

Ex-Vizepremier Michael Heseltine bei einer Wahlkampfveranstaltung im November in London
Toby Melville/ REUTERS

Ex-Vizepremier Michael Heseltine bei einer Wahlkampfveranstaltung im November in London

Von Sebastien Ash


An einem Novemberabend stehen vier ehemalige konservative Minister auf einer Bühne. Die Veranstaltung findet in Gerrards Cross, einer Tory-Hochburg westlich von London statt. Trotzdem wird hier nicht Wahlkampf für die Tories gemacht.

Michael Heseltine, einst Vizepremier unter Margaret Thatcher, greift zum Mikrofon. Heseltine hat das Unterhaus längst verlassen, aber er hat eine Bitte an das Publikum: Es möge bei der Parlamentswahl am 12. Dezember für Kandidaten stimmen, die das Land an die erste Stelle setzen. Für Heseltine bedeutet das - nicht für Tory-Politiker, sondern für unabhängige Kandidaten oder die Liberaldemokraten.

Die Britische Politik sortiert sich gerade. Es entstehen merkwürdige Allianzen und neue Rivalitäten.

Die Kandidaten, die an diesem Novemberabend neben Heseltine auf der Bühne stehen, sind Dominic Grieve, David Gauke und Anne Milton, ehemalige Minister und bis vor Kurzem noch Tory-Mitglieder. Zusammen mit 18 Kollegen wurden sie wegen ihres Widerstands gegen einen No-Deal-Brexit von Premier Boris Johnson verbannt. Nun kandidieren sie in ihren Wahlkreisen gegen die Tories.

Dominic Grieve fällt das noch immer schwer. "Ich war 48 Jahre lang Mitglied der konservativen Partei, sie zu verlassen war ein beträchtlicher Stich ins Herz," sagt er.

Grieve will aber nicht zurück in die Partei. "Es ging sicherlich um den Brexit", sagt er. "Aber es geht auch um Boris Johnson selbst." Die Zweifel an Johnsons Eignung als Premier gingen über den Brexit hinaus. "Ich empfinde ihn nicht als vertrauenswürdig", sagt Grieve. "Das enttäuscht mich."

Fünf Ex-Tories liefen zu den Liberaldemokraten über. Grieve nicht. "Ich habe Respekt für meine Kollegen, die den Lib Dems beigetreten sind. Aber mir schien es besser, als unabhängiger Kandidat anzutreten."

Grieve, ein Held der "People's Vote"-Kampagne für ein zweites Referendum, bekommt trotzdem Hilfe von den proeuropäischen Liberaldemokraten. "Wir haben Stimmen, die wir ihm leihen können, und eine kleine Armee von Freiwilligen, die ihn unterstützen", sagt Rob Castell, ein Schauspieler und Liberaldemokrat, der zugunsten Grieves auf eine eigene Kandidatur verzichtet.

Die Ex-Tories werben mit ihrer Unabhängigkeit und mit ihrer Persönlichkeit. "Ich habe 14 Jahre Erfahrung", sagt etwa Anne Milton ihren Wählern. Deshalb könne sie sich auch gegen die beiden großen Parteien, Tory und Labour, behaupten.

Was die Politiker mit der Unabhängigkeit anfangen würden, ist aber unklar. Grieve zum Beispiel befürwortet ein zweites Referendum über den Brexit, will aber unter keinen Umständen Jeremy Corbyn zum Premier machen. Milton genauso. "Ich würde weder eine von Corbyn geführte Regierung unterstützen, noch eine konservative Minderheitsregierung; es sei denn, sie schließt einen No-Deal-Brexit aus."

Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass es Grieve und die anderen Ex-Tories tatsächlich ins Unterhaus schaffen. Unabhängige Kandidaten gewinnen selten in Großbritannien, weil die Wähler am Ende dazu neigen, eine der beiden Volksparteien zu wählen. "Ich bin nicht verärgert oder verbittert", sagt Milton. "Was auch immer bei der Wahl geschieht, ich weiß, ich habe das Richtige getan."



insgesamt 2 Beiträge
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RalfHenrichs 04.12.2019
1. Alles erscheint möglich
Eine sehr breite Tory-Mehrheit, aber auch ein PM Corbyn. Schließlich gegen viele Liberal- und Labour-Wähler an taktisch wählen zu wollen (also Labour oder Liberal, je nachdem wer in ihrem Wahlkreis aussichtsreicher ist) und Corbyn legt aktuell in Umfragen zu. Und selbst wenn die ex-Tories nicht gewählt werden, könnten sie den Tory-Kandidaten die entscheidenden Stimmen wegnehmen. In einem Mehrheitswahlrecht mit sehr vielen Parteien ist jede Vorhersage ein Glückspiel.
bran_winterfell 04.12.2019
2. #1 : das stimmt...
wobei ich persönlich stark damit rechne, dass es zu einer breiten Tory-Mehrheit kommt, einzig und allein aus dem Grund, weil viele das Wort "Brexit" einfach nicht mehr hören können und wollen. Aber ich kann damit auch total falsch liegen, wäre nicht das erste Mal ;-).
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