Parlamentswahl Russische Israelis hoffen auf den starken Mann
Kaviar, Räucherfisch, Gewürzgurken, Kräuterquark: Manche Vorlieben ändern sich nie, vor allem wenn es ums Essen geht. Bis auf den Bürgersteig stehen die Kunden des georgischen Feinkostladens "Tiblisi" im israelischen Aschdod Schlange. Wenn sie an der Reihe sind, bestellen sie auf Russisch. Einmal Makrele, dazu importierten Käse, eine Handvoll vom "Bialtischka"-Konfekt: Produkte, die nach der alten Heimat schmecken.
Israel-Beitenu-Chef Lieberman im Wahlkampf: Drittstärkste Kraft im Land
Foto: APÜber eine Millionen Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion kamen nach dem Ende des Kalten Krieges nach Israel. Es waren zu viele, als dass sie hätten schnell absorbiert werden können, weshalb sich in den neunziger Jahren eine russischsprachige Parallelwelt herausbildete. Aschdod gilt als deren heimliche Hauptstadt. Knapp ein Drittel der 200.000-Einwohner-Stadt sind "Russen", wie die Einwanderer aus allen Republiken der früheren UdSSR pauschal genannt werden.
Die "russischer Broadway" genannte Einkaufsstraße in der 30 Kilometer südlich von Tel Aviv gelegenen Küstenstadt ist eine Pilgerstätte für Heimwehkranke: Hier werden die Karten für die häufigen Gastspiele russischer Künstler verkauft; hier führen die Bäcker das dunkle Vollkornbrot, die Supermärkte das Schweinefleisch, das man in Israel sonst vergeblich sucht.
Russischer Lebensstil am Mittelmeer
Im "Salon Eduard" verschönert der aus dem usbekischen Taschkent stammende Besitzer die Damen im "russischen Stil", wie er sagt. Seine aus Königsberg stammende Gehilfin führt vor, was das heißt: Dauerwelle in allen Schattierungen von braun bis blond, außerdem ein Make-up, gegen das Theaterschauspieler dezent geschminkt wirken.
Bei Eduard plärrt "Kanal Neun" gegen die Haartrockner an. Der in Israel produzierte russischsprachige Sender erfreut sich bei seinen Kundinnen ebenso großer Beliebtheit wie die russisch-israelischen Klatschmagazine. Und natürlich ist das Ladenschild und Eduards Preisliste zweisprachig, neben den kyrillischen Beschriftungen steht kleiner die hebräische Übersetzung. Selbst der Gemüsehändler aus Marokko nebenan hat inzwischen Russisch gelernt, der Kundschaft zu Liebe.
Die Masseneinwanderung der sowjetischen Juden nach dem Ende des Kalten Krieges und ihr fast autarkes Leben in Israel sind gesellschaftliche Phänomene, die Israels Soziologen schon lange beschäftigen. Dass das Thema derzeit auch in der Öffentlichkeit behandelt wird, liegt an den Parlamentswahlen, die am Dienstag anstehen. Denn die vor allem von russischsprachigen Israelis gewählte ultrarechte Partei "Israel Beitenu" (Unser Haus Israel) kann den Umfragen zufolge drittstärkste Kraft in der Knesset werden.
Ihrem aus der ehemaligen Sowjet-Republik Moldau eingewanderten Spitzenkandidat Avigdor Lieberman könnte damit die Rolle des Königsmachers zufallen, ohne den eine Koalitionsbildung nicht möglich ist. Was es bedeuten würde, wenn der betont antiarabisch auftretende Hardliner künftig mitregiert, ist unklar doch schon jetzt ist die Aufregung in den israelischen Medien groß.
Dass russischsprachige Israels in ihrer großen Mehrheit rechts wählen, erklären Forscher mit ihrer kommunistischen Vergangenheit. "Die Bürger der früheren Sowjet-Republiken sind gegen alles Linke, gegen alles, was nach Sozialismus riecht", sagt Larissa Remennick, Soziologieprofessorin an der Bar-Ilan-Universität in Ramat Gan. Hinzu komme die Unsicherheit, die die Neuankömmlinge in Israel erstmals empfunden hätten. "Bis zu ihrer Auswanderung waren sie Bürger einer Supermacht. In Israel fanden sie sich in einem von Feinden umzingelten kleinen Land wieder."
Vor allem "Russen-Städte" Ziel von Hamas-Raketen
Warum Israels "Russen" vor diesen Wahlen noch einmal weiter nach rechts gerückt sind? Beobachtern zu Folge liegt das vor allem am Gaza-Krieg zur Jahreswende. Fast alle Städte im Süden Israels, die vor und während des Konflikts immer wieder von palästinensischen Raketen getroffen wurden, haben wie Aschdod überdurchschnittlich viele Einwohner aus der ehemaligen UdSSR.
Weil kaum ein gebürtiger Israeli im heißen Süden leben wollte, war der Wohnraum billig, und wegen der Überzahl der Immigranten kam man auch ohne Hebräisch-Kenntnisse zurecht: So entstanden die "Russen-Städte", in denen mit der wachsende Bevölkerung auch die Probleme größer wurden. "Die Immigranten hatten einen enorm hohen Bildungsgrad, der Prozentsatz der Akademiker war doppelt so hoch wie der in Israel", sagt Remennick. In bis dato verschlafenen Städtchen wie Aschdod gab es für die Studierten kaum adäquate Arbeit, und so mussten viele Neuankömmlinge sich mit Hilfsarbeiten über Wasser halten.
Heute, 20 Jahre später, hat sich das Blatt gewendet. Aschdod ist jetzt eine Kulturmetropole, den Russen sei Dank, sagt Ilana Yellin Panov. Sie arbeitet für das "Panov Ballet Theater", das ihr Mann, der Ballettänzer und Choreograf Valery Panov, vor elf Jahren gegründet hat. Inzwischen ist es in einem Kultur-Zentrum beheimatet, das für einen Ort dieser Größe fast gigantisch erscheint. Zwei Orchester, ein Musik-Konservatorium, eine Balletschule, demnächst wird ein Theater mit tausend Sitzen eröffnet.
"Der ist ein bisschen faschistisch, vielleicht hilft das ja"
Aschdod ist längst keine typische Hafen- und Industriestadt mehr. "Mit den Russen ist die Hochkultur nach Israel gekommen", sagt Ilana Panov. Anfangs habe sie nach der Formel "von Russen für Russen" funktioniert: Theatertruppen hätten ausschließlich auf russisch gespielt, auch ihre Tänzer seien fast nur russischstämmige Israelis gewesen. Die kulturellen Barrieren seien heute aufgeweicht. "Die meisten Macher sind immer noch Russen, aber das Publikum ist ganz gemischt."
Einerseits hoch gebildet und kulturbeflissen, andererseits bereit, ultranationalistische Politiker zu wählen: Die Mentalität der Einwanderer aus den ehemaligen Sowjetrepubliken in Israel passt nicht in klassische Links-Rechts-Muster. "Wir können es uns nicht leisten, links zu sein", sagt die Chefin eines Stadtteil-Zentrums. Man könne den Palästinensern kein Land zurück geben. "Wir haben doch so wenig."
Auch Eduard, der Friseur, sehnt sich nach einem starken Mann: "Wir brauchen einen echten Führer, wie Stalin, wie Putin." Eduard will Lieberman wählen. "Einer wie er kann den Arabern zeigen, wo ihr Platz ist, und ihnen Angst machen." Beim Bäcker nebenan klingt das ähnlich: "Die anderen Parteien haben ihre Chance gehabt", sagt Juri, Elektroingenieur aus Sibirien. Deshalb verkauft er nicht nur Brot, sondern macht auch ein Wahlkampf. Auf dem Tresen hat er Handzettel für Liebermans Partei ausgelegt. "Der ist ein bisschen faschistisch, aber vielleicht hilft es ja."
Parteien in Israel
Die
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