Parteigründung in Frankreich Roter Postbote strebt zur Macht

In Frankreich sind die Trotzkisten noch eine politische Kraft - jetzt machen sie sich mit frischer Führung und neuem Namen zur Sammelbewegung der zerstrittenen Linken. Ihr Chef ist Briefträger, jung, charismatisch und gilt derzeit als überzeugendster Gegner Sarkozys.

Von , Paris


Der Geburtsort ist mit Bedacht gewählt: In einer schmucklosen Ausstellungshalle im Pariser Arbeitervorort Seine-Saint-Denis drängen sich Büchertische mit linker Literatur, Che-Guevara Postern und T-Shirts mit revolutionären Kampfparolen. Vor dem Eingang der "Europahalle" sind Transparente aufgespannt: "Wir wollen leben, nicht überleben", heißt es da, Plakate fordern "300 Euro netto mehr - monatlich" oder "Lasst uns nicht für andere zahlen".

Olivier Besancenot: 10.000 Mitgliedsanträge für die neue Partei
REUTERS

Olivier Besancenot: 10.000 Mitgliedsanträge für die neue Partei

In dem schlichten Bau sitzen vornehmlich junge Leute über Papieren, man ringt um Formulierungen, winkt Anträge per Handzeichen durch, während der korrigierte Text über eine Großleinwand flimmert: Zwischen Autobahnen, Hochhäusern und Bürotürmen geht es seit Freitag um nicht weniger als die Gründung einer neuen Partei. Tags zuvor hatte die Vorgänger-Formation, die "Kommunistische Revolutionäre Liga" (LCR) sang- und klanglos ihre Auflösung beschloss: Die "Neue Antikapitalistische Partei", ("Nouvel Parti anticapitaliste", NPA) unter Führung des trotzkistischen Nachwuchsstars Olivier Besancenot will den versprengten Haufen linker Parteien, Gruppen und Fraktionen zu einer machtvollen Bewegung bündeln.

In gerade mal sechs Jahren hat sich Besancenot vom unbekannten Radikalinski zum populären Führer gemausert: 2002 als LCR-Präsidentschaftskandidat erstmals im Rennen, konnte er mit 4,25 Prozent immerhin schon den KP-Kandidaten überflügeln; noch aber lag er hinter der Konkurrentin vom "Arbeiterkampf", Arlette Laguiller. Fünf Jahre später hatte er die legendäre Trotzkisten-Ikone abgehängt, KP-Chefin Marie-George Buffet deklassiert und auch Bauernführer José Bové besiegt.

Seither betreibt Besancenot gezielt den Umbau der LCR vom sektiererischen Club zur breiten, nach links offenen Sammelbewegung. Ein neuer Name, eine runderneuerte Rhetorik, gezielte Kommunikation und eine andere personelle Zusammensetzung sollen den Durchbruch zur Volkspartei schaffen, auch wenn das Ziel – Revolution und Umsturz des Kapitalismus – das gleiche bleibt.

Ein Parteiführer mit Biss und Charme, Witz und Wissen

Besancenots stärkster Trumpf bleibt er selber: Jung, 34, Briefträger. Kein Kader mit dogmatischen Scheuklappen, sondern ein Mann der Mittelschicht, der in einfachen Sätzen die Wirtschaftskrise und die Wehen des Systems erklärt. Der "rote Postler" kommt daher wie der perfekte Schwiegersohn, drahtig, Kurzhaarschnitt, Jeans und V-Pulli. Stets vor Ort, wenn Fabriken bestreikt werden, Unternehmen die Produktion ins Ausland verlagern oder Arbeitnehmer für Lohnforderungen auf die Straße gehen. Auf Demonstrationen reckt er die Faust, bei politischen Diskussionen schlägt er eloquent den Bogen von Rezession zu Revolution, in Talkshows überzeugt er mit Biss und Charme, Witz und Wissen. Längst ist er in die Riege der Polit-Promis aufgestiegen, hat in Umfragen die PS-Politiker an Beliebtheit übertroffen und gilt derzeit als überzeugendster Gegner Sarkozys.

An diesem Wochenende in Saint Denis will Besancenot seinen Traum verwirklichen. Die linke Konkurrenz freilich ist groß, fast unüberschaubar. Neben der zur Bedeutungslosigkeit geschrumpften Kommunistischen Partei und den durch internen Dauerzwist diskreditierten Sozialisten (PS), wurde im November bereits die "Linkspartei" ("Parti de gauche") aus der Taufe gehoben. Ihr Initiator, Jean-Luc Mélenchon, Senator, PS-Dissident und Freund von Oskar Lafontaine, versteht sie ebenfalls als Sammelbecken einer undogmatischen Einheitsfront und "Verbindungsglied zwischen den Kommunisten und der Extremen Linken".

Und am linken Rand des französischen Parteienspektrums tummeln sich Dutzende von kommunistischen Organisationen, anarchistischen Clubs und maoistischen Abspaltungen. Auch die Trotzkisten gehörten zu den Splittergruppen - uneins über ideologische Dogmen, taktische Bündnisse und langfristige Strategien des Umsturzes. Gleich drei verschiedene Formationen wetteiferten - unter ihnen erwarb sich die "Kommunistische Revolutionäre Liga" (LCR) einen sagenumwobenen Ruf: Geprägt von konspirativer Heimlichkeit, lange nur erreichbar über eine Postanschrift, kämpften die Genossen – durchweg nur unter Decknamen bekannt - fast vier Jahrzehnten für den Systemwechsel.

Aber auf verlorenem Posten. Die Zahl der Parteimitglieder dümpelte bei 3.000 und die Gruppe blieb, trotz des basisnahen Engagements für Arbeiter, benachteiligte Jugendliche oder ethnische Randgruppen, eher ein Intellektuellen-Zirkel. Die theoretischen Abgrenzungsdebatten zwischen LCR und den Genossen von "Arbeiterkampf" (LO) und "Partei der Arbeiter", war für Außenstehende kaum nachvollziehbar. Keine der trotzkistischen Parteien schaffte die Wende zum volksnahen Bündnis.



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