Parteitag der US-Demokraten Clinton ruft Demokraten zu Versöhnung auf

Erbitterte Feindschaft im Vorwahlkampf, jetzt demonstrative Harmonie: Hillary Clinton hat auf dem Nominierungsparteitag der Demokraten ihre Anhänger aufgefordert, sich hinter Barack Obama zu stellen. "Er ist mein Kandidat, und er muss unser Präsident sein", rief sie - und wurde gefeiert.


Denver - Der erste kleine Auftritt gehörte Tochter Chelsea Clinton. Sie stellte ihre Mutter kurz vor - was zu einem minutenlangen Beifallssturm der mehr als 4000 Delegierten des Parteitags führte. Das Plenum war in ein Meer von weißen Schildern mit dem Schriftzug "Hillary" getaucht.

Frenetischer Jubel unterbrach immer wieder Clintons Rede. Egal, ob sie in den Vorwahlen für sie selbst oder für Obama gestimmt hätten, "jetzt ist die Zeit gekommen, sich als eine Partei mit einem Ziel zu versammeln", sagte sie am Dienstagabend auf dem Nominierungsparteitag der Demokraten in Denver an die Delegierten gerichtet. "Barack Obama ist mein Kandidat, und er muss unser Präsident sein."

Sie habe nicht "35 Jahre lang in den Schützengräben" der Politik verbracht und die letzten acht Jahre unter dem republikanischen Präsidenten George W. Bush über sich ergehen lassen, um nun noch mehr "ungenügende Führung" durch die Republikaner zu erleiden, betonte Clinton: "Niemals, auf keinen Fall, kein McCain", rief sie mit Blick auf den republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain. Die Demokraten hätten keine Zeit zu verlieren und keine Stimme zu verschwenden: "Nicht weniger als das Schicksal der USA und die Zukunft unserer Kinder liegen in der Waagschale."

Hillary Clintons Parteitagsrede war mit Spannung erwartet worden, weil Obama bei seiner Bewerbung um die US-Präsidentschaft auf die Anhänger seiner bisherigen Konkurrentin angewiesen ist. Während der Vorwahlen hatten sich Clinton und Obama eine harte und lange Auseinandersetzung um die Kandidatur ihrer Partei geliefert, die Clinton schließlich verlor. Erst im Juni gestand sie ihre Niederlage ein.

Umfragen zufolge wollen zwischen 20 und 30 Prozent von Clintons Anhängern nicht für Obama stimmen. Ungeachtet aller Rufe zur Einheit demonstrierten am Rande des Parteitags Hunderte enttäuschte Clinton-Anhänger gegen Obamas Kandidatur.

Die Demokraten verschärften am zweiten Tag ihrer Versammlung die Kritik an McCain. Neben Clinton warfen mehrere Redner dem Senator vor, lediglich die Politik von Präsident George W. Bush zu verlängern.

"John McCain verspricht mehr von demselben", sagte der frühere Gouverneur von Virginia, Mark Warner, als einer der Hauptredner am gestrigen Dienstag. Die Politik der Republikaner bedeute jeden Monat Ausgaben von zehn Milliarden Dollar im Irak, sagte Warner, der sich um einen Sitz im Senat bewirbt. "Das ist nicht richtig, das sind vier weitere Jahre, die wir uns nicht leisten können." Der demokratische Kandidat Obama aber stehe für eine andere Vision und einen anderen Plan. "Das Rennen ist eröffnet", sagte Warner. "Amerika hat nie Angst vor der Zukunft gehabt, und wir sollten jetzt nicht damit anfangen."

Tags zuvor hatte Michelle Obama auf dem Parteitag ihren Mann als patriotischen Familienvater präsentiert. Die offizielle Wahl zum Präsidentschaftskandidaten war für den heutigen Mittwoch geplant. Morgen will Obama dann vor 75.000 Menschen die Kandidatur annehmen und seine Anhänger auf die Präsidentschaftswahl am 4. November einschwören.

Die Republikaner dagegen haben Obama die Eignung für das Amt des US-Präsidenten abgesprochen. Der ehemalige Präsidentschaftsbewerber Mitt Romney sagte in Denver: "Barack Obama ist eine charmante und anständige Persönlichkeit mit einer liebenswerten Familie, aber er ist nicht bereit für die Präsidentschaft." Unter Obama würden die USA weniger Wohlstand und weniger Sicherheit erleben, sagte Romney.

Der ehemalige Gouverneur von Massachusetts leitet im Auftrag der Wahlkampfführung für McCain eine Parteidelegation am Tagungsort der Demokraten. Dies nährte die Spekulationen, dass McCain Romney als seinen Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten benennen könnte. Es wird erwartet, dass McCain seine Entscheidung in den nächsten Tagen bekanntgibt.

Die Republikaner wollten auch Clintons Demonstration der Einheit mit Obama nicht gelten lassen. Clinton habe in ihrer Ansprache nicht gesagt, dass Obama reif dafür sei, Oberkommandierender der Streitkräfte zu werden, hieß es in McCains Wahlkampfteam. Während ihres Vorwahlkampfes habe sie immer wieder betont, dass der relativ junge Obama noch nicht für das Präsidentenamt bereit sei, "und diese Feststellung hat sie nicht zurückgenommen", sagte McCains Sprecher Tucker Bounds.

McCain wird in der nächsten Woche in Minneapolis offiziell gekürt. Einer Gallup-Umfrage zufolge ist Obama inzwischen zwei Prozentpunkte hinter McCain zurückgefallen.

Nach der Festnahme von drei Männern wegen angeblicher Attentatspläne auf Barack Obama gaben die Justizbehörden unterdessen Entwarnung. Es gebe "keine ausreichenden Beweise" dafür, dass die drei Verdächtigen den demokratischen Präsidentschaftskandidaten auf dem Parteitag ermorden wollten, sagte Staatsanwalt Troy Eid. Bei den Verdächtigen handele es sich um notorische Drogenkonsumenten, die Obama in Polizeiverhören rassistisch beschimpft hätten. Pläne für ein Attentat seien aber nicht gefunden worden.

asc/AFP/AP/dpa/Reuters

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