US-Demokraten Obamas kunterbunte Patchwork-Partei

Schwarze, Schwule, Senioren, Studenten: Bei ihrer Wahlversammlung in Charlotte treten die Demokraten als multikulturelle, multiethnische Mehr-Generationen-Partei auf. Doch in der fragilen Zweckkoalition, die Barack Obama erneut zum Sieg tragen soll, knirscht es gewaltig.

REUTERS

Aus Charlotte, North Carolina berichtet


Wenn Barack Obama es ernst meint, dann schickt er Valerie Jarrett vor. Die Juristin, eine alte Familienfreundin, ist nach der First Lady die engste Vertraute des US-Präsidenten. Sie gilt als kühl-knallharte Botin des Weißen Hauses: Was sie sagt, kommt direkt von oben.

Auch am Dienstagmittag: Da hat Obama seine Top-Adjutantin in einen fensterlosen Saal im Kongresszentrum von Charlotte abbestellt. Hier sitzen gerade fast 600 Delegierte und Gäste des Wahlparteitags der US-Demokraten, der in ein paar Stunden beginnt. Die rosafarbenen Schilder und Regenbogen-Buttons zeigen: Dies ist der LGBT-Caucus - die Fraktion der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender. Sie sind so stark und selbstbewusst wie nie zuvor.

Aber Obama hat ein kompliziertes Verhältnis zu seinen LGBT-Anhängern. Als Wahlkämpfer versprach er viel, doch hielt das nur zögerlich. Sein Ja-Wort zur gleichgeschlechtlichen Ehe, die Öffnung des Militärs, sein Protest gegen das homophobe "Gesetz zur Verteidigung der Ehe": All das kam nur schrittweise, auf Druck.

Weshalb Jarrett, in Kostüm und Perlenkette, die letzten Zweifler nun auf Linie bringen soll. Sie erzählt von ihren Tränen der Rührung, als das Schwulenverbot fürs Militär fiel, sie berichtet von Treffen mit Aktivisten, sie erwähnt Lady Gaga. Und erinnert die Delegierten: "Wir haben viel erreicht."

Am Ende springen alle auf und rufen: "Four more years! Four more years!" Ziel erreicht.

Das Erste, das einem beim Wahlparteitag der US-Demokraten auffällt, ist die kunterbunte Vielfalt. Hier tummeln sich Schwarze, Weiße, Latinos, Asiaten, Indianer, Frauen, Männer, Studenten, Senioren, Schwule, Heteros, Linke, Moderate. Die Republikaner präsentierten vorige Woche in Tampa ein diametral entgegengesetztes Bild: weiß, alt, grau.

Die Demokraten haben die Diversität zum Programm erhoben. Sie inszenieren sich hier als multikulturelle, multiethnische, generations- und geschlechterübergreifende Patchwork-Partei: 27 Prozent der Delegierten sind Schwarze, 50 Prozent sind Frauen, und der LGBT-Anteil ist diesmal höher denn je.

"Unsere Vision lebt fort"

"Dies ist der vielfältigste, offenste, transparenteste Parteitag, den wir je abgehalten haben", prahlt Alice Germond, die Generalsekretärin der Partei. "Er ist Amerika."

Das ist vor allem aber auch das Image, das sie nach außen abgeben wollen. Obama hofft, jene Regenbogen-Koalition wiederzubeleben, die ihn 2008 zum Sieg trug und den Demokraten langfristige Macht zu sichern schien. Er ahnte den demografischen Wandel stets voraus: Die USA werden zu einer immer weniger weißen, weniger homogenen Nation.

Das weiß auch die Parteitagsregie. Jede Splittergruppe, jeder Parteiflügel findet sich auf der Agenda wieder - als Redner, mit Caucus-Sitzungen, im Wahlprogramm, das sich wie eine gedopte Version von 2008 liest. Inklusive gebrochener Wahlversprechen an die Linken wie die Schließung des Lagers Guantanamo.

"Diversität ist der Schlüssel zum Überleben unseres Landes", sagt Portia Spann, die ihren blinden Onkel Patrick Miller begleitet, einen Delegierten aus Louisiana. Die beiden erfüllen gleich mehrere Quoten: Sie touren durch die Sitzungen für Schwarze, Behinderte und LGBT. Ob sie weiter an den Geist von 2008 glaube? "Klar", sagt Spann. "Unsere Vision lebt fort."

Das Partei-Puzzle bindet die gemeinsame Angst vor Romney

Doch zufrieden sind sie damit längst nicht. "Wir haben noch viel zu tun", räumt der Schwarze Marcus Brandon ein, der erste offen schwule Senator in North Carolina. "Einen Schritt vorwärts, einen Schritt zurück", seufzt die lesbische Landessenatskandidatin Deb Butler.

Auch ist es nicht nur die gemeinsame Vision, die dieses Partei-Puzzle bindet - sondern die gemeinsame Angst vor den Republikanern und Mitt Romney, die alles, was diese Koalition erreicht hat, wieder abwickeln könnten.

"Wenn die ans Ruder kommen…", seufzt der Delegierte James Butz aus North Carolina und bricht schaudernd ab. Der 66-jährige Pensionär und Hobbyautor, der im Senioren-Caucus sitzt, fürchtet um die staatliche Krankenversicherung für Ältere (Medicare) und hat deshalb seinen alten Wahlkampfhut wieder hervorgekramt. "Wählt Obama", steht da drauf, samt dem damaligen Wahldatum (4. November 2008).

Die Betonung der gemeinsamen Sorge überspielt, dass dieses Zweckbündnis der vielen stellenweise brüchig geworden ist. "Sie sind nicht ganz so beschwingt wie beim letzten Mal", sagte Caroline Kennedy der "New York Times". Die Tochter John F. Kennedys, die Obama 2008 zum politischen Erben ihres Vaters geadelt hatte, spürt in Charlotte "eine ernstere, nüchterne Stimmung" als damals.

Viele Gewerkschaften sitzen den Parteitag aus

Es ist die alte Krux: Selten schaffen es die Demokraten auf Dauer, alle Flügel ohne großen Zank unter einen Hut zu bekommen. Einige Gruppen sind sogar erst gar nicht angereist.

Etwa die Gewerkschaften, traditionell das Rückgrat der Partei und Bindeglied zwischen den Flügeln: Viele sitzen den Parteitag aus, aus Protest gegen den arbeitnehmerfeindlichen Schauplatz North Carolina. Richard Trumka, der Chef der Dachgewerkschaft AFL-CIO, wird an diesem Mittwoch zwar eine Rede im Plenum halten. Doch riet er seinen Leuten, "effektivere und basisnähere Wege" des politischen Engagements zu finden als solche PR-Shows.

Andere dagegen sehen das Glas lieber halb voll statt halb leer. Sicher, sie hätten Obama erst "beibringen" müssen, worum es ihnen gehe, sagt LGBT-Aktivistin Melissa Sklarz, die 2008 lange Obamas Rivalin Hillary Clinton unterstützt hatte. "Aber er lernte sehr schnell."

So jubelt Sklarz abends Dutzenden Rednern aller Couleur zu. Darunter Deval Patrick, der schwarze Gouverneur von Massachusetts, Julián Castro, der Latino-Bürgermeister von San Antonio, eine ganze Parade von Frauen - und Jared Polis, ein Kongress-Hinterbänkler aus Colorado. "Ich bin Jude. Ich bin schwul. Ich bin Vater", ruft der unter tosendem Beifall. "Aber zuallererst bin ich Amerikaner."

insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
jan07 05.09.2012
1. Nicht die 'Diversität'...
sichert die Zukunft eines Landes, sondern seine Kinder. Und da liefern Schwule naturgemäß nur einen mehr als bescheidenen Beitrag. Insofern könnten man der Schwulenlobby ein klein wenig mehr Bescheidenheit wünschen. Aber das ist leider eine Eigenschaft, die diesen Leuten völlig abgeht.
frubi 05.09.2012
2. .
Zitat von sysopREUTERSSchwarze, Schwule, Senioren, Studenten: Bei ihrer Wahlversammlung in Charlotte treten die Demokraten als multikulturelle, multiethnische Mehr-Generationen-Partei auf. Doch in der fragilen Zweckkoalition, die Barack Obama erneut zum Sieg tragen soll, knirscht es gewaltig. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,853981,00.html
Obama wird Probleme bekommen, da er 2008 sicherlich auch viele Nichtwähler an die Urnen zurück geholt hat. Diese sind nun sicherlich enttäuscht und werden wieder zu Nichtwählern werden. Man kann sich also zwischen der Apokalypse (Romney) und der erneuten Enttäuschung (Obama) entscheiden. Für eine Demokratie ist das ein Armutszeugniss.
ralphofffm1 05.09.2012
3. alter Fehler
Zitat von jan07sichert die Zukunft eines Landes, sondern seine Kinder. Und da liefern Schwule naturgemäß nur einen mehr als bescheidenen Beitrag. Insofern könnten man der Schwulenlobby ein klein wenig mehr Bescheidenheit wünschen. Aber das ist leider eine Eigenschaft, die diesen Leuten völlig abgeht.
Diversität ist vorallem ein Charakteristikum der Demokratie. Und nichtHomosexuelle oder Hetereosexuelle kriegen Kinder, sondern Menschen. Und wenn es ihnen so sehr um Fortpflanzung geht, dann müsste ihnen ein Schwulen oder Lesbenpaar it Kindern mehr wert sein als z.B. unserer geschiedene, kinderlose Kanzlerin. EInfach mal die Lebensentwürfe der anderen Menschen respektieren.
review 05.09.2012
4.
Zitat von jan07sichert die Zukunft eines Landes, sondern seine Kinder. Und da liefern Schwule naturgemäß nur einen mehr als bescheidenen Beitrag. Insofern könnten man der Schwulenlobby ein klein wenig mehr Bescheidenheit wünschen. Aber das ist leider eine Eigenschaft, die diesen Leuten völlig abgeht.
Nach Ihrer Logik hätten dann die Staaten mit der höchsten Geburtenrate die besten Zukunftsaussichten? Die Wirklichkeit zeigt etwas anderes. Im Übrigen wer Schwule per se als unbescheiden diffamiert, hat wohl ein Problem mit ihnen. Vielleicht doch latente Ängste?
Niederbayer 05.09.2012
5.
Zitat von frubiObama wird Probleme bekommen, da er 2008 sicherlich auch viele Nichtwähler an die Urnen zurück geholt hat. Diese sind nun sicherlich enttäuscht und werden wieder zu Nichtwählern werden. Man kann sich also zwischen der Apokalypse (Romney) und der erneuten Enttäuschung (Obama) entscheiden. Für eine Demokratie ist das ein Armutszeugniss.
Armutszeugniss hin oder her, das sind die USA. Jede Demokratie hat die Regierung die sie verdient. Hinterher hat sie natürlich wieder keiner gewählt und jeder wundert sich wie gerade die an die Macht kamen, aber das ist ein durchaus weltweites Demokratiephänomen.
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