Parteitag in Boston Mutter Teresas flotte Sprüche

Auf dem durchinszenierten Parteitag der US-Demokraten fällt bisher nur Kandidatengattin Teresa Heinz Kerry aus dem Rahmen: Mit spitzer Zunge und unberechenbaren Tiraden lehrt sie die PR-Strategen ihres Mannes das Fürchten, verstört die Chauvinisten in den Medien - und wird zur unverhofften Heldin dieser Reality Show.

Aus Boston berichtet




Teresa Heinz Kerry: Das Recht auf eine eigene Meinung
REUTERS

Teresa Heinz Kerry: Das Recht auf eine eigene Meinung

Es gibt Kaffee, Wasser und Polemik: Mit frugalem Frühstück stärken sich die Damen der Partei für den Wahlkampf. Gemütlich ist das nicht - so überfüllt ist der Sitzungssaal in Bostons Downtown, dass sie im Gang stehen und bis auf den Flur quellen. Ob in Business-Anzügen oder Patriotenkostümen, Freizeitdress oder Jeans, zu Hunderten sind sie dem Ruf ihrer Pioniere gefolgt, von denen es selten so viele in einem Raum zu treffen gab: Hillary Clinton, erste First Lady im Senat; Madeleine Albright, erste Außenministerin; Donna Brazile, erste schwarze Wahlkampfchefin. "Frauen", ruft die kalifornische Abgeordnete Linda Sanchez in die stickige Runde, "haben Power!"

Die prominenteste Power-Frau des Tages fehlt jedoch - obwohl sie ihre neueste Heldin ist. Teresa Heinz Kerry, die sie hier schon heute als die nächste First Lady feiern, meidet auf Drängen der Parteioberen bis auf Weiteres alle Auftritte, die auch nur einen Hauch von Spontaneität riskieren. Stattdessen wird sie bei einem privaten Lunch versteckt, das Victoria Reggie Kennedy, die Ehefrau der Senatslegende Ted Kennedy, zu ihren Ehren im Innenhof des Museums of Fine Arts gibt, abseits von Parteitagsrummel und Mikrofonen. Die Öffentlichkeit bleibt ausgesperrt; Beamte des Secret Service schleusen Teresa Heinz Kerry schnell durch einen Seiteneingang. "Bloß keine Fragen mehr", murmelt ein Kerry-Pressemann.

Denn Fragen gibt's längst mehr, als der Parteitagsregie lieb ist. In diesem bis ins letzte Detail durchinszenierten Wahl-Infomercial ist ausgerechnet die Frau an der Seite des Kandidaten die Einzige, die sich nicht ans hollywoodeske Drehbuch hält. Mit unberechenbaren Tiraden und flotten Sprüchen lehrt Frau Kerry die PR-Strategen ihres Mannes das Fürchten - seit Längerem schon, doch erst recht jetzt in Boston. Denn Frische und Natürlichkeit sind ein Manko im Kampf ums Weiße Haus: "Sie ist nicht programmiert", seufzt Wahlkampfchefin Mary Beth Cahill bei einem Pressefrühstück hier über Heinz Kerry. Ob man nicht sanft auf die Dame einwirken könne, fragt ein Reporter. "Es gibt Dinge, die sich machen lassen", antwortet Cahill. "Und es gibt Dinge, die sich nicht machen lassen."

Ausraster mit Folgen

Genau das zeigte sich, zum Grauen Cahills, schon am ersten Tag dieser politischen Reality Show - einer Reality Show, bei der selbst die handverlesenen Delegierten, die als Statisten für die TV-Kameras in Zweistunden-Schichten mit auf der Bühne sitzen dürfen, einer strikten Kleiderordnung zu gehorchen haben: keine beschrifteten T-Shirts, keine auffallenden Broschen, keine Handys, keine Pinkelpause.

Da hat Teresa Heinz Kerry also einen Journalisten mit den Worten angefaucht: "Steck's dir sonst wo hin." Warum? Besagter Journalist war der Chefkommentator des erzkonservativen Lokalblatts "Pittsburgh Tribune-Review", das ihren Mann gerne als "Schwachkopf und Heuchler" tituliert. Als sich der Reporter von Kerry erklären lassen wollte, was sie mit "unamerikanischen Eigenschaften" meint - darüber hatte sie vor laufender Kamera zuvor räsonniert - bestritt sie unklugerweise ihre Aussagen und rastete aus. "Ein Moment äußerster Frustration", sagt Heinz Kerrys Beraterin Marla Romash über den Fauxpas.

Ein Ausraster allerdings, den ihre demokratischen Schwestern offenbar für nicht besonders schlimm halten. An Lob und Zuspruch ist kein Mangel: "Ich wähle Teresa", verkündet die Delegierte Thelma Goldstein beim Frühstück der Power-Ladys froh. "Sie hat keine Angst, ihre Meinung zu sagen", sekundiert ihre Kollegin Amy Jones. Ermutigung kommt auch von einer, die selbst nie ein Blatt vor den Mund genommen hat: "Gut gemacht", jauchzt Hillary Clinton. "Weiter so!"

Chauvinismus in der "Skybox"

Da dieser Parteitag aber sonst nur soufflierte Soundbites zu bieten hat, fällt "Teresas Tirade", wie der "Boston Herald" dankbar schlagzeilt, natürlich krass aus dem Rahmen - genau das, worauf die Reporter in der Quarantäne des Pressezelts gewartet haben. Die Frau ist ihnen sowieso ein Rätsel: Mal "bewölkt", mal "munter", dann dieser Akzent, und jetzt das!

Und so füllt an diesem Morgen nicht, wie eigentlich von den Strippenziehern geplant, John Kerrys vorabendlicher "Überraschungsbesuch" bei den Red Sox das Frühstücksfernsehen, sondern das Mundwerk von "Mutter Teresa" ("National Journal").

So ist das hier mit First Ladys, auch heute noch. Ihre Komparsenrolle ist vorgeschrieben, jede Abweichung Anlass zum Stirnrunzeln. Prompt gerät das neue Wahlprogramm der Demokraten, das zur gleichen Zeit im Plenum verabschiedet wird, zur Fußnote - und Heinz Kerrys Parteitagsrede, die für den selben Abend auf der Tagesordnung steht, zum unverhofften Nervenkitzler. Wird sie spuren?

Besonders die Herren der Schöpfung sind außer sich. Tom Brokaw, der scheidende NBC-Nachrichtenpapst, widmet Heinz Kerry von seiner über dem Saal schwebenden "Skybox" einen Monolog: "Sie ist eine andere Art der Kandidatenfrau." Bill O'Reilly (Fox News) nennt sie "instabil". So sei das eben mit reichen Frauen, klagt Bob Novak (CNN): "Nie korrigiert sie jemand." Und deshalb, orakelt die Kongresszeitschrift "The Hill", werde Heinz Kerry "zum potenziellen Problem" für die Demokraten. Darauf freut sich die Konkurrenz schon: "Sie verspricht, eine spaßige Story zu werden", posaunt Dennis Hastert, Sprecher des Repräsentantenhauses.

Das "fliegende Eichhörnchen"

Das fürchten sie auch im "Team Kerry". Es gehe nicht, dass jemand so "off-message" wandere, schimpft ein Helfer. Vor allem nicht auf einer Veranstaltung, die stromlinienförmig nur auf eine einzige Message hin choreografiert worden ist: Kerry als Sendboten eines neuen Amerikas zu verkaufen. Tut mir leid, warnt da Heinz Kerry: "Ich lasse mich nicht verpacken. Wenn ich mich verpacken lassen muss, dann kann ich nicht ein Teil des Prozesses sein."

Das hat sie ja schon oft unter Beweis gestellt. Die gebürtige Mosambikanerin und Erbin des Heinz-Ketchup-Imperiums - mit einem Privatvermögen von über einer halben Milliarde Dollar eine der reichsten Frauen der Welt - lässt sich weder den Mund verbieten noch sonst was. Die deutlich jünger aussehende 65-jährige Frau plaudert, fließend fünfsprachig, über ihre Facelifts (Botox), fliegt im Gulfstream-Jet namens "Das fliegende Eichhörnchen" durchs Land (Nachlass aus erster Ehe), vergleicht Kerry mit "gutem Wein" ("Er braucht Zeit zur Reife") und zeiht dessen Partei der "verfaulten Politik" - warum auch nicht, ist die Ex-Republikanerin den Demokraten doch erst letztes Jahr beigetreten.

All das hält die Wahlkampfplaner ganz schön auf Trab. "Von Anfang an bestand die Furcht, dass sie sich nicht an unser Manuskript hält", berichtet ein ehemaliger Mitarbeiter. "Die Frage ist: Erlaubt man Teresa, Teresa zu sein?"

Erste Ansprache von Herzen

Das ist auch gestern Abend die Frage, als Frau Kerry vor die Parteitagsdelegierten tritt, zu den Klängen des Tina-Turner-Hits "Simply the Best". Nervös, scheu und ernst wirkt sie auf einmal, im konservativen Kostüm, Kragen hochgestellt, Hände über die Brust gekreuzt. "Mein Name ist Teresa Heinz Kerry", wispert sie. "Ich hoffe, es überrascht keinen, dass ich etwas zu sagen habe." Dann hält sie eine intellektuelle, zugleich fast poetische Rede, voller Leidenschaft und Lob für den Kandidaten, "mit dem ich verheiratet bin". Es ist, nach all den bisherigen Fensterreden, die erste Ansprache hier, die von Herzen kommt - unsouffliert, verquer, ohne blumige Floskeln und wenig für Sekunden-Soundbites geeignet.

Zu dumm nur, dass die meisten Amerikaner das nicht mitkriegen: Die TV-Networks verzichten an diesem Abend, da Teresa Heinz Kerry sich erstmals der Nation offenbart, ganz auf eine Live-Berichterstattung aus Boston.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.