Parteitag in New York Der lange Schatten von 9/11

Viele New Yorker hatten befürchtet, dass die Republikaner die Nähe ihres Parteitags zu Ground Zero politisch ausschlachten würden. Sie hatten Recht: Einziges Thema des ersten Tages war es, Präsident George W. Bush zum Anti-Terror-Helden zu verklären.

Von , New York


Rudy Giuliani: Der Star des Abends
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Rudy Giuliani: Der Star des Abends

New York - Patriotismus gibt es heute im Sonderangebot. Zumindest im Rhinelander-Tagungssaal des New Yorker Hilton-Hotels, wo, wie immer im Dunstkreis amerikanischer Wahlparteitage, die Memorabilia-Händler lauern. Hier erstreckt sich alles nur Denkbare in Rotweißblau: Anstecker, Aufkleber, Flaggen, Schals, Zierkissen. Auch Elefanten, die Maskottchen der Republikaner, sind gefragt. Am gefragtesten aber ist der Präsident: George W. Bush als Button, Ohrring, Kartenspiel, Ketchup und Christbaumschmuck.

Mitten im Gewühl freilich findet sich, am Tisch einer Winzerei aus Kalifornien, das wohl bizarrste Mitbringsel der Woche: 9/11-Gedenkwein.

"Exklusiv", lockt Rachel Adams, eine Dame mit aufmunterndem Blick. Adams ist Präsidentin der Firma "Official Wines", die Sammlerflaschen mit Chardonnay, Cabernet und Sparkling Wine mit jenen Schlachtrufen graviert, die nach dem 11. September 2001 von Ground Zero aus ums Land gingen: "Das Licht der Freiheit leuchtet ewig", "Gott segne Amerika", "Gemeinsam stehen wir fest". Die Flaschen sind außerdem mit Feuerwehr-Insignien geschmückt, dem Nationaladler und dem Republikaner-Elefanten. Parteitagspreis: 144 Dollar fürs Dreierpack in der Holzkiste. Plus einen Bush-Cheney-Wahlkampfsticker gratis.

Als Wahlkampfhelfer missbraucht

Die parteisanktionierte Reben-Offerte, die in New York Weltpremiere hat, ist nur das krasseste Beispiel, wie schamlos der Republikaner-Kongress aus dem Terror-Trauma Profit zu schlagen versucht. Das vollzieht sich mal ganz plump, wie im Hilton, und mal brilliant inszeniert, wie im Madison Square Garden, wo sich die Delegierten auf eine riskante Gratwanderung begeben, indem sie 9/11 zum telegenen Top-Tagesthema machen.

So sollte es nach Meinung der Parteigänger auch sein. Als die Republikaner beschlossen, sich erstmals zur Kandidatenkür nach Manhattan zu wagen, war das allein wegen der Nähe zu Ground Zero, wo Bush zum Kriegspräsidenten wurde. "Der 11. September 2001 hat Bush definiert", sagt der Immobilienmagnat Roland Betts, der an der Entscheidung maßgeblich beteiligt war und sich gestern fröhlich im Plenum tummelte. "New York ist jetzt das Herz der Nation", sekundiert Marty Connors, der Parteichef aus Alabama. "Ich will meiner Tochter Ground Zero zeigen."

Bei vielen New Yorkern jedoch stößt diese Symbolik auf Widerstand. In einer Umfrage der "New York Times" kritisierten 52 Prozent die Ortswahl der Republikaner; die meisten protestierten, dass die Partei "aus 9/11 Kapital schlage". Vor allem die direkt Betroffenen fühlen sich als Wahlkampfhelfer missbraucht: Bei einer separaten Telefon-Befragung von 9/11-Hinterbliebenen, so berichtet die "Times", "war eine Frau über eine Frage nach Bush so aufgebracht, dass sie zu schreien anfing".

Alle Pietät sausen gelassen

Doch schließlich geht es um mehr als die Sensibilitäten einer Stadt. Es geht um den Wahlsieg und die "dauerhafte Mehrheit", so ein Wahlkampfberater. Oder, wie einen der Kongressabgeordnete Chris Shays am Rande des Parteitags belehrt: "In New York gewinnen wir sowieso keine neuen Stimmen."

John McCain: "Der einstige Bush-Gegner will sich eine eigene Präsidentschaftskandidatur in vier Jahren offen halten
AFP

John McCain: "Der einstige Bush-Gegner will sich eine eigene Präsidentschaftskandidatur in vier Jahren offen halten

Die geplanten Gedenkvisiten an Ground Zero wurden schnell wieder gestrichen, statt dessen wagen sich die Delegierten nur "privat" nach Lower Manhattan. (Das tun gestern nachmittag auch ein paar vereinzelte Grüppchen, wobei sie eine "Friedenswache" von Demonstranten geschickt umgehen.) Ansonsten aber lassen die Republikaner gleich in den ersten Stunden alle Pietät sausen.

Wie bei den Demokraten, die auf ihrem Parteitag von nichts anderem redeten als John Kerrys Vietnamdienst, gibt es auch für die Konservativen nur ein Thema: Bush und die Terrorattacken des 11. September, die bei vielen Amerikanern nur noch unter dem Label 9/11 laufen. Was soll man machen, seufzt Elizabeth Dole, Gattin des letzten Kandidaten vor Bush: "Jetzt sind wir nun mal in New York, und es wäre komisch, wenn wir nicht davon redeten."

Prägendes Bild des Wahlkampfs

Außerdem redet es sich natürlich viel leichter von verflossenem Heldenschmerz als, wie Kolumnist Joe Klein trocken anmerkt, "von Falludschah". Die Delegierten, die an Großfotos vorbei zu ihren Sitzen schlurfen (Bush mit Soldaten; Vize Dick Cheney mit Soldaten; Soldaten beim Gebet), halten sich denn auch nur kurz mit Formalitäten auf und widmen sich dann schnell dem, was die Tagesordnung als "Eine Nation des Muts" betitelt. Schließlich, erinnert Bürgermeister Mike Bloomberg zur Begrüßung, seien sie zu Gast an einem Ort, an dem die Nation "fast 3000 unserer Ehemänner, Ehefrauen, Söhne und Töchter" verloren habe.

Chorhymnen preisen das Militär, die üblichen Pensionäre von Polizei und Feuerwehr sitzen als Statisten in den Rängen. Darunter Tom von Essen, Feuerwehrchef am 11. September 2001, und der damalige Polizeipräsident Bernie Kerik. Kerik - der selbst "kein Interesse an einem politischen Amt" hat - tritt ans Pult und beschwört sofort jenes berühmte Bild, das nach Wunsch der Parteitagsregie zum prägenden Bild des restlichen Wahlkampfes werden soll: Bush auf den Trümmern des World Trade Centers, Megaphon in der Hand, den Terroristen den Kampf ansagend. "George W. Bush", ruft Kerik in den Jubel der Delegierten hinein, "hat meine Stimme!"

Aufgabe des langjährigen Bush-Rivalen John McCain ist es darob, jenen Megaphon-Moment per flottem rhetorischem Federstrich mit dem Irak-Krieg zu verknüpfen - eine faktisch widerlegte Verbindung, die aber bekanntlich ein zentraler Kern der Wahlkampf-Strategie ist.

Das Grauen jenes Tages

McCain tut das mit steifer Entschlossenheit, trotz aller persönlicher Differenzen mit Bush. Schließlich will er sich, wie er selbst zugibt, eine eigene Präsidentschaftskandidatur in vier Jahren "offen" halten. "Wir sind Amerikaner", ruft er, "und wir werden uns nie ergeben!"

Damit sind die Delegierten - und die Millionen TV-Zuschauer, die sich dazu geschaltet haben - weich fürs schwere Gefühlsgeschütz. Der Saal versinkt im Dunkeln. Auf der Leinwand erscheint das einzige Datum, das in diesen Stunden noch zählt und selbst den bevorstehenden Wahltag an Bedeutung verdrängt: "September 11, 2001."

Drei Frauen treten auf die Bühne. Sie erzählen vom Grauen jenes Tages, in ehrlichen, ergreifenden Worten. Keine nennt Bush beim Namen. Es ist auch nicht nötig - für die emotionale Verbindung haben die Vorredner gesorgt. Die Demokraten hatten ähnliches versucht, die Republikaner können es besser.

"USA! USA!"

"Tom rief mich viermal aus dem Flugzeug an", sagt Deena Burnett, deren Mann am Steuer von Flug 93 saß, der Maschine, die in Pennsylvania abstürzte. "Er sagte: Bete, Deena, bete nur." Debra Burlingame - ihr Bruder Charles steuerte den Flug 77, der ins Pentagon raste, sagt unter Tränen: "Ich bin zutiefst geehrt und privilegiert, vor ihnen zu stehen." Und Feuerwehrwitwe Tara Stackpole reißt die Delegierten von den Sitzen, als sie erklärt, ihr Bruder Kevin ziehe in den Irak, um ihren Mann Timmy zu rächen: "Amerika darf die Opfer des 11. September nie vergessen."

Dass Amerika aber auch ja nicht vergisst, um wen es sich in jenen Stunden scharte, dafür sorgt am Ende der Star des Abends, wenn nicht des Parteitags, der ihm als persönlicher Tribut gewidmet scheint: Rudy Giuliani.

Giulianis fulminante Rede - eine "extended version" der Rede, die er sonst gegen sechsstelliges Honorar vor Rotary-Clubs hält - ist ein Triumph für die Wahlstrategen. ("Jedes Wort selbst geschrieben", beharrte New Yorks Ex-Bürgermeister zuvor jedoch.) Schon im ersten Satz holt auch er das abgewetzte Trümmer-Foto mit Bush aus dem Album. "USA! USA!", skandieren die Delegierten ekstatisch.

Betäubt durch die Panzersperren

Es ist ein Parforce-Ritt, typisch Giuliani eben: Er beschreibt 9/11 als eine Mischung aus Melodrama und Slapstick, zerreißt John Kerry in der Luft, verteilt nebenher Querschläge gegen Palästinenser-Chef Yassir Arafat und die deutsche Bundesregierung (wegen des Olympia-Geiseldramas von 1972) und spitzt dann alles auf Bush zu, den einzigen Fels in diesen unsicheren Gezeitenströmen: "Gott sei Dank, dass George Bush unser Präsident ist!"

Wie betäubt taumeln die Delegierten, von Frank Sinatras unvermeidlichem "New York, New York" beflügelt, in die schwüle Nacht. Durch ein Heer von über 10.000 Polizisten, Anti-Terror-Einheiten und Nationalgardisten, vorbei an Panzersperren aus Beton und Bombenspürhunden, strömen sie ihren hermetisch abgeriegelten Hotelbunkern zu. Über ihren Köpfen knattern Hubschrauber; Suchscheinwerfer erhellen die Straßen Midtowns. 9/11 wirft seine langen Schatten.

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