Präsidentenwahl in Ägypten US-Pass bringt Islamisten in Erklärungsnot

Der Islamist Hazem Salah Abu Ismail hat gute Chancen, Ägyptens nächster Präsident zu werden. Mit Kritik an den USA sammelt er viele Anhänger. Doch seine persönlichen Beziehungen nach Amerika könnten ihn nun zu Fall bringen: Der Pass seiner Mutter wird zum Streitfall.

Kandidat Abu Ismail: Frauen sollen sich auf ihre Rolle als Mutter konzentrieren
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Kandidat Abu Ismail: Frauen sollen sich auf ihre Rolle als Mutter konzentrieren

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Kairo - Hazem Salah Abu Ismail will den Friedensvertrag mit Israel aufkündigen, die Frauenrechte drastisch beschneiden und hat gute Aussichten Ägyptens nächster Präsident zu werden. Bei der jüngsten repräsentativen Umfrage für die Präsidentenwahl Ende Mai landete der 50-Jährige auf dem zweiten Platz - der Einzug in die Stichwahl Mitte Juni wäre ihm damit sicher.

Doch möglicherweise muss der Islamist seine Hoffnungen vorzeitig begraben: In der vergangenen Woche tauchten in ägyptischen Medien Berichte auf, laut denen Abu Ismails inzwischen verstorbene Mutter Nawal Abdelaziz Nour neben der ägyptischen auch die US-Staatsbürgerschaft besaß. Damit dürfte er nicht Staatsoberhaupt werden, denn Artikel 26 der ägyptischen Verfassung schreibt vor, dass der Präsident ein Ägypter sein muss, "der nie eine andere Staatsbürgerschaft besessen hat, mit ägyptischen Eltern, die nie eine andere Staatsbürgerschaft besessen haben."

Nach Angaben aus Sicherheitskreisen soll Abu Ismails Mutter aber 2003 mit einem US-Pass am Flughafen Kairo eingereist sein. Der Präsidentschaftsbewerber bestreitet vehement, dass seine Mutter jemals US-Staatsbürgerin gewesen sei. Weil seine Schwester seit 23 Jahren in den Vereinigten Staaten lebe, habe seine Mutter von den Behörden lediglich eine Green Card erhalten.

Recherchen der "New York Times" sollen jedoch das Gegenteil belegen: Aus kalifornischen Staatsakten und Wählerlisten soll hervorgehen, dass Frau Nour vor ihrem Tod die US-Staatsbürgerschaft angenommen habe. Zeitweise soll sie unter derselben Adresse wie ihre Tochter in Santa Monica gemeldet gewesen sein. Ein Sprecher von Abu Ismails Wahlkampfteam bezeichnete die Dokumente gegenüber der "New York Times" als Fälschungen.

Ägyptens Wahlkommission will in den kommenden Tagen über die Kandidaturen entscheiden. Bis zum Sonntag haben die Bewerber Zeit, ihre Unterlagen einzureichen. Abu Ismail hat das längst getan: Am vergangenen Wochenende zog der Politiker mit einem großen Tross seiner Unterstützer zum Büro der Wahlkommission. Mit lautem Getöse übergab er dort die Unterschriften von etwa 150.000 Bürgern und 58 Parlamentsabgeordneten, die seine Kampagne unterstützen. Nötig gewesen wäre die Zustimmung von 30.000 Wählern und 15 Parlamentariern.

Abu Ismail will Frauen und Christen benachteiligen

Kein Bewerber führt seinen Wahlkampf bisher mit so großem Aufwand wie Abu Ismail. In Kairos Straßenbild ist der Mann mit dem langen grau melierten Bart auf Wahlplakaten allgegenwärtig. Im Internet kursieren mittlerweile Fotomontagen, die sein Poster sogar auf den Mond verpflanzt haben. Obwohl bislang nicht offiziell von ihr unterstützt, gilt der Jurist als Kandidat der Partei des Lichts, die im Parlament die zweitgrößte Fraktion stellt. Kritiker werfen Abu Ismail wie auch der Partei vor, die Wahlkampagne mit üppigen Finanzspritzen aus den Golfstaaten, allen voran aus Saudi-Arabien, zu finanzieren.

Denn Abu Ismails Ideologie kommt dem Islam, wie er in Saudi-Arabien offiziell gepredigt und vorgelebt wird, sehr nahe. Der Salafist hat die Gesellschaft zu Zeiten des Propheten Mohammed zum Idealbild für das heutige Ägypten erhoben. Als Präsident will er die Scharia, also die islamische Methode der Rechtsschöpfung und -auslegung, als Rechtsgrundlage einführen - schrittweise wie er sagt.

Die koptische Minderheit in Ägypten, die knapp zehn Prozent der Bevölkerung ausmacht, würde damit deutlich schlechter gestellt. Hinsichtlich einer im Koran vorgesehenen Kopfsteuer für Christen und Juden drückt sich Abu Ismail vor einer klaren Aussage. Es sei eine "Ehre" für Nichtmuslime, die Dschisya genannte Steuer zu leisten, sagte er in einem TV-Interview. Er ließ jedoch offen, ob er sie im Falle seiner Wahl einführen wolle.

Doch nach Abu Ismails Ansicht haben Ägyptens Kopten ohnehin keinen Grund zur Klage. Die Bedrohung für die Christen sei vom Mubarak-Regime maßlos übertrieben worden. Ihnen gehe es am Nil besser als Muslimen in den USA.

Mit Einführung der Scharia will Abu Ismail auch alle muslimischen Frauen zwingen, Kopftuch zu tragen. Außerdem will er sie weitestgehend aus dem Arbeitsleben drängen. Frauen sollten getrennt von Männern arbeiten, da männliche Ägypter seiner Meinung nach die Vermischung der Geschlechter am Arbeitsplatz bislang nur widerwillig duldeten. Die wichtigste Aufgabe für eine Frau sei es, Mutter zu sein.

Ägypten soll sich aus Abhängigkeit vom Westen lösen

Der Tourismussektor in Ägypten, in dem etwa drei Millionen Menschen arbeiten, solle sich seiner Meinung nach auf Gesundheits- und Kultururlauber konzentrieren. Für den Strandtourismus schlägt Abu Ismail zwei Alternativen vor: Entweder die westlichen Urlauber kleideten sich "angemessen" oder man werde getrennte Strände für Ausländer und Ägypter einführen.

Was den Westen noch mehr beunruhigt: Der Islamist will das Camp-David-Abkommen mit Israel aufkündigen und den Gasexport ins Nachbarland stoppen. Außerdem solle sich Ägypten aus seiner Abhängigkeit von den USA lösen.

Bei vielen Ägyptern kamen die einfachen Botschaften des Rechtsanwalts und Predigers bislang gut an. Mit seinen 50 Jahren ist Abu Ismail der jüngste aller Bewerber. Bereits im Mai vergangenen Jahres startete er seine Kampagne, viele Freiwillige organisieren für ihn den Wahlkampf. Außerdem stellte er sich früh gegen den herrschenden Militärrat - das verleiht ihm bei vielen Kritikern der Armee hohe Glaubwürdigkeit.

In der jüngsten Umfrage für die Präsidentenwahl landete Abu Ismail mit knapp 23 Prozent auf dem zweiten Platz hinter dem ehemaligen Außenminister und Chef der Arabischen Liga, Amr Mussa. Allerdings hatten zum Zeitpunkt der Befragung die Muslimbrüder ihren Kandidaten Chairat al-Schater noch nicht offiziell nominiert.

Ob Abu Ismails Name am 23. Mai auf dem Wahlzettel stehen wird, entscheidet sich in den nächsten Tagen. Seine innenpolitischen Kritiker feixen jedoch schon heute darüber, dass der US-Kritiker ausgerechnet über seine engen Verbindungen nach Kalifornien scheitern könnte. Doch eine Sorge haben sie weiterhin: "Was passiert dann mit den ganzen Postern?"



insgesamt 67 Beiträge
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Seite 1
G-Kid 05.04.2012
1. Haha,
Zitat von sysopAFPDer Islamist Hazem Salah Abu Ismail hat gute Chancen, Ägyptens nächster Präsident zu werden. Mit Kritik an den USA sammelt er viele Anhänger. Doch seine persönlichen Beziehungen nach Amerika könnten ihn nun zu Fall bringen: Der Pass seiner Mutter wird zum Streitfall. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,825987,00.html
so sehen die Ergebnisse des "arabischen Frühlings" aus, den der Westen provoziert hat. Auch in Libyen und Tunesien sind die Islamisten an der Macht und wenn es nach dem Westen und unseren Mainstream Medien geht, soll auch Syrien unter die Knute der Islamisten fallen, die man in Afghanistan bekämpft. Wer soll das noch verstehen?
lucanus 05.04.2012
2.
Zitat von sysopAFPDer Islamist Hazem Salah Abu Ismail hat gute Chancen, Ägyptens nächster Präsident zu werden. Mit Kritik an den USA sammelt er viele Anhänger. Doch seine persönlichen Beziehungen nach Amerika könnten ihn nun zu Fall bringen: Der Pass seiner Mutter wird zum Streitfall. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,825987,00.html
zum Glück wird in Ägypten niemand wegen seiner Religion oder Staatszugehörigkeit diskrimminiert.... oh moment
ip- 05.04.2012
3. "Was gesagt werden musste"
Zitat von sysopAFPDer Islamist Hazem Salah Abu Ismail hat gute Chancen, Ägyptens nächster Präsident zu werden. Mit Kritik an den USA sammelt er viele Anhänger. Doch seine persönlichen Beziehungen nach Amerika könnten ihn nun zu Fall bringen: Der Pass seiner Mutter wird zum Streitfall. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,825987,00.html
Wo ist der aufschrei, dass solche Menschen den Weltfrieden gefährden (Friedensvertrag auflösen z.B.)? Ach ja, hab ich vergessen: Den Weltfrieden gefährden ja ganz andere... Die gleichen, die es auch noch gewagt hatten, Mubaraks Sturz mit Vorsicht zu beobachten.
Apologet 05.04.2012
4. Religiöse Kopfsteuer
---Zitat--- insichtlich einer im Koran vorgesehenen Kopfsteuer für Christen und Juden drückt sich Abu Ismail vor einer klaren Aussage. ---Zitatende--- Aha. Dabei wäre es so einfach zu sagen: Nein. Werde ich nicht einführen. Aber immerhin ist es gut, dass einmal beim Namen genannt wird, woher die religiös diskriminierende Kopfsteuer kommt: Aus dem Koran.
meinsenf1 05.04.2012
5. Na dann viel Spaß!
Zitat von sysopAFPDer Islamist Hazem Salah Abu Ismail hat gute Chancen, Ägyptens nächster Präsident zu werden. Mit Kritik an den USA sammelt er viele Anhänger. Doch seine persönlichen Beziehungen nach Amerika könnten ihn nun zu Fall bringen: Der Pass seiner Mutter wird zum Streitfall. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,825987,00.html
Leben wie vor 1300 Jahren, da kommt Freude auf.
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