Beobachtermission in Syrien Ärzte sollen Verletzte ruhiggestellt haben

Die Verdachtsmomente wiegen schwer: Das syrische Regime hat offenbar versucht, während Beobachterbesuchen Verbrechen gegen die Menschlichkeit  zu vertuschen. Ein Uno-Bericht enthüllt erschreckende Erkenntnisse. Zeugen sagen aus, dass Ärzte offenbar Befehl hatten, Patienten ruhigzustellen.

Demonstranten in Qamischli: Zehntausende Oppositionelle gingen in Syrien auf die Straße
AFP

Demonstranten in Qamischli: Zehntausende Oppositionelle gingen in Syrien auf die Straße


New York/Damaskus - Eine Untersuchungskommission des Uno-Menschenrechtsrats hat am Freitag düstere Erkenntnisse über die Repressalien in Syrien bekannt gegeben. Vor dem Besuch von Beobachtern der Arabischen Liga an Krankenbetten sind in Syrien offenbar Patienten ruhiggestellt worden. Wie Mitglieder der Kommission am Freitag am Sitz der Vereinten Nationen in New York mitteilten, gingen dort Zeugenaussagen ein, nach denen Ärzte in Aleppo im Norden Syriens entsprechende Anweisungen erhielten.

Die Enthüllungen gehen auf die Zeit der ersten Beobachtermission in Syrien im Januar zurück. Die Beobachter der Arabischen Liga wurden damals von syrischen Regierungsvertretern begleitet.

"Neue Zeugenaussagen belegen, dass Ärzte die Anweisung erhielten, den Patienten während der Besuche das Bewusstsein zu nehmen", sagte Uno-Berichterstatterin Yakin Ertürk, die Mitglied in der Kommission ist. Weil sich einige Ärzte weigerten, dem nachzukommen, seien sie selbst "schlecht behandelt und gefoltert" worden. Die Kommission werde den Hinweisen nachgehen, sagte Ertürk. Die Kommission erhielt von der Regierung in Damaskus nicht die Erlaubnis, die Vorwürfe vor Ort zu überprüfen.

Wie die "New York Times" meldet, ist dieser Fall Teil eines umfassenderen Berichts der Kommission. Darin will die Uno anhand von Zeugenaussagen Verbrechen gegen die Menschlichkeit aufdecken, die syrische Sicherheitskräfte offenbar während der Beobachtermission vertuschen wollten. Für den Bericht seien der Zeitung zufolge mehr als 400 Flüchtlinge interviewt worden, außerdem habe die Kommission dafür Luftüberwachungsdaten sowie weiteres Beweismaterial ausgewertet.

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind bislang mehr als 8000 Menschen während der Ausschreitungen in Syrien getötet worden.

Syriens Sicherheitskräfte schießen erneut auf Demonstranten

In Syrien hält die Gewalt derweil unvermindert an. Sicherheitskräfte sind am Freitag brutal gegen Massendemonstrationen vorgegangen, die sich gegen die Regierung richteten, und haben ihre Angriffe auf Rebellenhochburgen fortgesetzt. In der Hauptstadt Damaskus und Umgebung wurden mehrere Zivilisten durch Schüsse verletzt, wie Aktivisten mitteilten.

Insgesamt gingen nach dem Freitagsgebet in mehreren syrischen Städten zehntausende Oppositionsanhänger auf die Straßen, auch in der schwer umkämpften Provinz Idlib, wie die im Exil tätige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte. Die Demonstranten forderten demnach Prozesse gegen die Staatsführung. Teilnehmer an den Protesten in weiteren Städten sprachen sich zudem für eine Bewaffnung der oppositionellen Freien Syrischen Armee aus.

In der Rebellenhochburg Homs wurden der Opposition zufolge mehrere Viertel mit Granaten beschossen. Auch in Hama versuchten die Sicherheitskräfte, gewaltsam Proteste aufzulösen. In der Stadt Asas nahe der türkischen Grenze gab es schwere Kämpfe zwischen der Armee und Aufständischen. Landesweit wurden am Freitag der Beobachtungsstelle zufolge mindestens 15 Menschen getötet, darunter sieben Zivilisten und ein Deserteur.

Assad-Clan darf nicht mehr in die EU reisen

Die EU verhängte am Freitag neue Sanktionen gegen die syrische Führung und nahm auch die Familie von Staatschef Baschar al-Assad ins Visier. Die EU-Außenminister beschlossen in Brüssel Einreiseverbote und Vermögenssperren gegen zwölf Menschen. Assads Ehefrau sollen Einkaufstouren untersagt werden. Für Asma al-Assad gibt es aber eine Ausnahme: Weil sie auch einen britischen Pass hat, darf sie noch nach Großbritannien reisen. Der britische Außenminister William Hague erwartet jedoch nicht, dass sie das bald tun wird.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) begrüßte die neue Sanktionsrunde. Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton erklärte, die Unterdrückung in Syrien habe ein "inakzeptables Ausmaß" erreicht und die neuen Sanktionen hätten zum Ziel, "die Ressourcen und Fähigkeiten des Regimes zu schwächen". Die EU beschloss bereits mehrere Sanktionsrunden gegen Syrien und Assad selbst.

Westerwelle warnte vor einer Debatte über militärisches Eingreifen in Syrien. Er glaube nicht, dass militärisch eine schnelle Lösung möglich sei: "Das ging in der Regel immer fehl." Es gehe darum, den Menschen zu helfen und einen "Flächenbrand in der Region" zu verhindern: "Und deswegen gehen wir diesen Weg, den politischen Weg, und beteiligen uns nicht an militärischen Interventionsspekulationen."

Der UN-Syriensondergesandte Kofi Annan kündigte an, am Wochenende nach Moskau und Peking zu reisen. Nach Angaben seines Sprechers will er in Moskau Außenminister Sergej Lawrow treffen. Im Uno-Menschenrechtsrat sprachen sich 41 der 47 Mitglieder dafür aus, eine Untersuchung zu möglichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Syrien auszuweiten.

bos/AFP/dpa



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Seite 1
ewspapst 24.03.2012
1.
Zitat von sysopAFPDie Verdachtsmomente wiegen schwer: Das syrische Regime hat offenbar versucht, Verbrechen gegen die Menschlichkeit während Beobachterbesuchen zu vertuschen. Ein Uno-Bericht enthüllt erschreckende Erkenntnisse. Zeugen sagen aus, dass Ärzte offenbar Befehl hatten, Patienten ruhigzustellen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,823436,00.html
Wenn ich denn meine Meinung sagen darf: Wir sollen wohl offensichtlich durch die Medien auch "ruhig gestellt werden", denn dieser folgende Berichtsausschnitt der ARD von heute sagt etwas über die feigen Angriffe mit schweren Waffen der Rebellen und nicht dass diese Banden friedlich sind: ....aufgenommen in Hama, ist ein Panzer zu sehen, der langsam eine Straße entlang fährt. Es sind Schüsse zu hören, eine Stimme ertönt: "Wir haben den 22. März 2012, die Stadt Hama, das Al-Arbaeen-Viertel ... " - dann reißt eine Explosion den Panzer auseinander. "Gott ist groß", ruft die Stimme, offenbar die eines Rebellen, "Gott hat uns den Sieg geschenkt."
zompel 24.03.2012
2. Das die Medien
Zitat von ewspapstWenn ich denn meine Meinung sagen darf: Wir sollen wohl offensichtlich durch die Medien auch "ruhig gestellt werden", denn dieser folgende Berichtsausschnitt der ARD von heute sagt etwas über die feigen Angriffe mit schweren Waffen der Rebellen und nicht dass diese Banden friedlich sind: ....aufgenommen in Hama, ist ein Panzer zu sehen, der langsam eine Straße entlang fährt. Es sind Schüsse zu hören, eine Stimme ertönt: "Wir haben den 22. März 2012, die Stadt Hama, das Al-Arbaeen-Viertel ... " - dann reißt eine Explosion den Panzer auseinander. "Gott ist groß", ruft die Stimme, offenbar die eines Rebellen, "Gott hat uns den Sieg geschenkt."
hier eigentlich nichts wissen, aber kräftig hetzen ist ja nix neues. Vieleicht bezaht ja S.A nicht nur die Rebellen, sondern lässt auch hier viel Geld einfliessen. Bei dieser Art der Berichterstattung würde mich das nicht wundern
zompel 24.03.2012
3. Unsere Freunde
Zitat von sysopAFPDie Verdachtsmomente wiegen schwer: Das syrische Regime hat offenbar versucht, Verbrechen gegen die Menschlichkeit während Beobachterbesuchen zu vertuschen. Ein Uno-Bericht enthüllt erschreckende Erkenntnisse. Zeugen sagen aus, dass Ärzte offenbar Befehl hatten, Patienten ruhigzustellen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,823436,00.html
Katholiken entsetzt: Großmufti will alle Kirchen in Arabien abreißen - Aus aller Welt - FOCUS Online - Nachrichten (http://www.focus.de/panorama/welt/katholiken-entsetzt-saudi-arabischer-grossmufti-will-kirchen-abreissen_aid_727220.html) alles so demokratisch
Hermes75 24.03.2012
4.
Zitat von zompelKatholiken entsetzt: Großmufti will alle Kirchen in Arabien abreißen - Aus aller Welt - FOCUS Online - Nachrichten (http://www.focus.de/panorama/welt/katholiken-entsetzt-saudi-arabischer-grossmufti-will-kirchen-abreissen_aid_727220.html) alles so demokratisch
Und der Papst hat gerade den Drogenkrieg in Mexiko verurteilt: Benedikt XVI. in Mexiko: Papst verurteilt den Drogenkrieg - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,823443,00.html) Zwischen den Wünschen von religiösen Würdenträgern und der Realität gibt es (zum Glück) meist einen recht großen Abstand. Dass viele Moslems gegenüber anderen Religionen intollerant sind, will ich gar nicht bestreiten, aber das kann kaum ein Grund sein warum sich das Assad-Regime weiter durch Syrien foltern darf.
drouhy 24.03.2012
5. schade -
Zitat von sysopAFPDie Verdachtsmomente wiegen schwer: Das syrische Regime hat offenbar versucht, Verbrechen gegen die Menschlichkeit während Beobachterbesuchen zu vertuschen. Ein Uno-Bericht enthüllt erschreckende Erkenntnisse. Zeugen sagen aus, dass Ärzte offenbar Befehl hatten, Patienten ruhigzustellen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,823436,00.html
es immer noch nicht angekommen, dass sich seriöser und objektiver Journalismus nicht des Konjuntivs bedient, sondern mit Fakten arbeitet. Wenn die Beobachtermission derartig Fäller des Missbrauchs von Ärzten festgestellt hat ( Das liegt sehr wohl im Bereich des Möglichen) sollte man doch bitte warten bis die Informationen vorliegen. Wo liegt da das Problem? Was leider nicht zur Sprache kommt - welche Nettigkeiten ausser 60% der Toten stellte die Mission bei der Opposition fest? In Syrien tobt ein grausamer Bürgerkrieg - nur wäre es töricht nur einer Seite die Schuld zugeben. Dass sich die Erz-Feinde der Demokratie und Freiheit unter Assads Gegnern befinden macht alles sehr schwer, denn deren Sieg kann man sich nun wirklich nicht wünschen. Was mich so rein technisch interessieren würde - auf Basis welcher Rechtsgrundlagen agiert die EU gegen die gesamte Familie Assad? Und seit wann werden Ehefrauen für die Untaten ihrer Ehegatten zur Haftung verurteilt? Besonders lächerlich ist, dass Frau Assad niemand eine Reise in die EU verbieten kann - ist sie doch Staatsbürgerin derselben. Das wäre mal wirklich ein Artikel wert.
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