"Peace Line" in Belfast Frieden herrscht nur im Schutz der Mauer

Der Bürgerkrieg ist vorbei, Nordirland lebt in Frieden - so weit die Theorie. Tatsächlich ist der Konflikt ungelöst, die Spannungen bestehen weiter. Deshalb reißt auch niemand die Mauern ein, die während der "Troubles" errichtet wurden. Im Gegenteil: Seither wurde fleißig weitergebaut.

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Sie dürfen auf keiner Belfast-Safari fehlen: die bis zu acht Meter hohen Mauer-Zaun-Ungetüme, die protestantische von katholischen Wohnvierteln trennen. Die Reiseführer zeigen den Touristen die am schönsten bemalten Mauerstrecken und erzählen die turbulente Geschichte der sogenannten "Peace lines". Zwar herrscht seit 1997 offiziell Frieden in Nordirland, doch das Interesse der Belfast-Besucher am Bürgerkrieg ist ungebrochen.

Friedensmauer ist ein euphemistischer Begriff für die Bauwerke, die seit vierzig Jahren das Stadtbild der nordirischen Kapitale prägen. 1969 rollten britische Soldaten Stacheldraht zwischen dem Katholikenviertel um die Falls Road und dem Protestantenviertel um die Shankill Road aus. An dieser Markierung entstand die erste "Peace Wall".

Heute ist diese Mauer acht Meter hoch, die unteren fünf Meter sind aus Beton, und obendrauf ist noch ein Drahtzaun gesetzt. "Damit die Leute nichts drüber werfen können", erklärt Neil Jarman vom Institute for Conflict Research in Belfast. Doch habe dies den perversen Effekt, dass inzwischen mit Katapulten versucht werde, das Hindernis zu überwinden. Die Mauer fordere geradezu heraus, etwas darüber zu werfen, sagt Jarman.

Insgesamt gibt es nach der Zählung des Instituts rund hundert "Peace Lines" in der Hauptstadt. Sie trennen ganze Stadtviertel voneinander, verlaufen quer durch Straßen und Gärten. 58 Mauern wurden von der britischen Regierung errichtet, der Rest von Hausverwaltungen und Bauherren. Obwohl seit 1994 Waffenstillstand zwischen Katholiken und Protestanten herrscht, wird eifrig weitergebaut.

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Nordirland: Die letzte Mauer Europas
Die vorerst letzte offizielle Mauer wurde 2008 gebaut - auf dem Schulhof einer Grundschule. Anlass war ein Benzinbombenanschlag auf ein protestantisches Wohnviertel einige Monate zuvor. Über diese Entscheidung kann Jarman bis heute nur den Kopf schütteln. Es sei eine vereinzelte Attacke gewesen, eigentlich gebe es keine Probleme in der Gegend. Doch sei der erste Reflex immer, eine Mauer zu bauen. Wenn die Polizei die Empfehlung für eine Mauer ausgesprochen habe, widersetze sich die Regierung in der Regel nicht.

Denn die Trennlinien sind bei den Anwohnern populär. In Umfragen sprechen sich die Belfaster regelmäßig dagegen aus, bestehende Mauern abzureißen. Sie fühlen sich im Schatten der mächtigen Wände behütet und wohl. "Sie fürchten, dass sie verwundbar sind, wenn die Dinge außer Kontrolle geraten", sagt Jarman. Das ist jedes Jahr rund um den 12. Juli der Fall, wenn die Protestanten zu den Oraniermärschen aufbrechen. Auch dieses Jahr kam es in mehreren Belfaster Wohnvierteln zu schweren Krawallen. Das bestätigt die Belfaster darin, dass die Mauern noch einen Zweck erfüllen.

Aus Jarmans Sicht haben die Mauern jedoch eine fatale Wirkung auf das Bewusstsein der Stadtbewohner. "Sie verstärken die Segregation", sagt der Konfliktforscher. Auf der politischen Ebene sei man sich des Problems auch bewusst. Doch gehandelt wird nicht, weil damit keine Wählerstimmen zu gewinnen sind.

Eine Prognose, wann es ein Belfast ohne Mauern geben wird, wagt Jarman nicht. "Vor zwei Jahren", sagt er, "war ich optimistischer. Heute weiß ich es nicht."



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