Peinlichkeiten im US-Vorwahlkampf Wehe, wenn Romney reden muss

Mitt Romney strahlt im Präsidentschaftsrennen der Republikaner - solange sein Mikro ausgeschaltet bleibt. Denn die Reden des Multimillionärs strotzen vor Peinlichkeiten und Plattitüden. Trotzdem bleibt er Favorit der Konservativen. Weil sich die Konkurrenz noch schlechter anstellt.

DPA

Ein Kommentar von , Washington


George Valentin, Hauptfigur des oscargekrönten Streifens "The Artist", lächelt charmant, sein Haar leuchtet dunkel, seine Zähne blitzen hell. Valentin sieht aus, wie ein Filmstar zu Stummfilmzeiten auszusehen hatte - bis auf einmal der Ton auftaucht und Valentin auf der Leinwand sprechen müsste. Alsbald fällt für seine Karriere als ernsthafter Schauspieler die letzte Klappe.

Mitt Romney ist aussichtsreicher Bewerber für das mächtigste Amt der Welt, kein schnöder Filmstar. Doch man kann nicht "The Artist" schauen, ohne an ihn denken zu müssen.

Haare, Lächeln, Zähne - auch Romney sieht aus wie ein Star-Kandidat, wie ein perfekter Präsident gar.

Aber der Kandidat Romney muss sprechen, mit Ton, und genau das ist sein Problem: Dann sagt der Republikaner seltsame Sätze wie den, dass die Bäume in Michigan die richtige Höhe hätten. Romney glaubt anscheinend, dass solche Worte Wähler in dem Staat begeistern. Aber stattdessen müssen die Leute lachen - so zeigt es zumindest eine höchst populäre Romney-Parodie des linken Kabelsenders MSNBC, die auch Aufnahmen des konservativen Bewerbers in Szenen aus "The Artist" geschnitten hat.

Die Botschaft ist eindeutig: Selbst nach seinen klaren Vorwahlsiegen in Arizona und Michigan am Dienstagabend unterscheidet sich Präsidentschaftsanwärter Romney kaum vom gefallenen Filmstar Valentin. Stumm wäre er viel besser dran.

Denn der Ex-Gouverneur wirkt zwar nach wie vor wie der ideale Kandidat: Er verfügt über das meiste Geld, die meisten prominenten Unterstützer, am meisten Wirtschaftskompetenz in einem Wahljahr, in dem sich alles um die Wirtschaft dreht.

Romney tritt zudem gegen parteiinterne Rivalen an, die Amerika am liebsten in eine Art Kloster ohne Schwule, Abtreibung und Verhütungsmittel verwandeln wollen (Rick Santorum) - oder so schlecht organisiert sind, dass sie es in wichtigen Bundesstaaten nicht einmal rechtzeitig auf den Wahlzettel geschafft haben (Newt Gingrich).

Doch Romney findet allen Vorwahlsiegen zum Trotz ebenso wenig seine Stimme wie der Held in "The Artist". Schlimmer noch, er findet eine Stimme, die viele Amerikaner nicht mögen. Der vermeintliche Traumbewerber hat sich im Vorwahlkampf zu einer Litanei törichter Aussagen hinreißen lassen, die lange nachhallen werden.

"Meine Frau fährt zwei Cadillacs"

Peinliche Sätze, in denen er beim Buhlen um Wähler Bäume, Straßen, Lieder - schlicht alles und jeden - liebt, sind gar nicht einmal Romneys ärgstes Problem. Weit schlimmer ist es, wenn der Multimillionär mit einem geschätzten Vermögen von einer Viertelmilliarde Dollar über Geld redet. "Er spricht dann, als rede er mit seinem Vermögensberater", klagt Michael Gerson, prominenter republikanischer Redenschreiber.

Kandidat Romney hat erklärt, gerne Leute zu feuern - und sich um die sehr Armen "nicht sehr zu sorgen". Er bot Wetten über 10.000 Dollar an und bilanzierte lächelnd, 374.000 Dollar für Redeauftritte seien ja wohl "nicht sehr viel". Der Ex-Finanzjongleur erinnerte Wähler daran, dass auch große Firmen "Menschen" seien. Und will Romney im Autostaat Michigan seine Liebe fürs Automobil verdeutlichen, sagt er: "Meine Frau Ann fährt zwei Cadillacs."

Der Republikaner erinnere an Dan Quayle, schreibt die "Washington Post". Dieser glücklose ehemalige Vizepräsident buchstabierte mal potato, Kartoffel, falsch, von da an plagte ihn ständig Angst vor einem neuen intellektuellen Fehlschlag. Prompt sagte Quayle laufend wieder etwas Dummes.

Ähnlich unglücklich agiert nun der reiche Herr Romney bei Fragen nach seinem Reichtum. Er will unbedingt normal erscheinen - und entlarvt sich in einem fort als Vertreter der obersten 1000.

Bloß nicht "Mister 1 Percent"

Ist es schlimm für einen Präsidentschaftskandidaten, sich zu verplappern? Nein. Schlimm ist es erst, wenn sich dadurch ein Eindruck verfestigt. Demokrat John Kerry sagte im Wahlkampf 2004, er sei erst für den Irak-Krieg gewesen, bevor er dagegen war. Fertig war das Bild eines Umfallers. Republikaner John McCain fiel vier Jahre später nicht ein, wie viele Häuser er eigentlich besitzt (acht). Rasch galt er als abgehoben.

Romney droht nun ein ähnliches Schicksal als "Mr. 1 Percent". Dennoch bleibt er klarer Favorit für die Präsidentschaftskandidatur der US-Rechten, ganz gleich, wie laut viele Parteimitglieder derzeit über ihn murren. Amerikas Konservative sind zu diszipliniert, um nun noch nach riskanten Alternativen zu suchen.

Doch Romney läuft Gefahr, in den Kampf gegen Großredner Barack Obama ohne gewinnende Stimme zu ziehen - und wird noch oft an den armen Stummfilm-Star Valentin aus "The Artist" denken müssen.



insgesamt 20 Beiträge
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exminer 29.02.2012
1. Demokratie des Vermögens ($)
Vielleicht wäre für dieses Theater besser eine Versteigerung geeignet. Im Grunde läuft es doch fast schon so. Ich frage, was prädestiniert einen Hinterwäldner für eine Position in der er in der Lage ist diesen Planeten nachhaltig zu beschädigen, wen nicht sogar zu sterilisieren. Von den anderen Ferkeleien mal abgesehen.
frubi 29.02.2012
2. .
Zitat von sysopDPAMitt Romney strahlt im Präsidentschaftsrennen der Republikaner - solange sein Mikro ausgeschaltet bleibt. Denn die Reden des Multimillionärs strotzen vor Peinlichkeiten und Plattitüden. Trotzdem bleibt er Favorit der Konservativen. Weil sich die Konkurrenz noch schlechter anstellt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,818254,00.html
Fidel Castr: "Der Vorwahlkampf ist der größte Wettbewerb von Idiotie und Unwissen, von dem man jemals gehört hat." Damit wäre soweit alles zu den Vorwahlen gesagt. Zum Glück ist der amerikanische Staatspräsident eine Puppe, die als Einzelperson sowieso nicht viel verändern kann. Das passiert alles hinter dem Vorhang. Von daher wäre es auch nicht schlimm, wenn ein Mormone oder ein christlicher Fundamentalist an die Macht kommen würde. Im Gegenteil: damit würde Amerika endlich das passende Gesicht bekommen.
shokaku 29.02.2012
3. .
Zitat von sysopDPAMitt Romney strahlt im Präsidentschaftsrennen der Republikaner - solange sein Mikro ausgeschaltet bleibt. Denn die Reden des Multimillionärs strotzen vor Peinlichkeiten und Plattitüden. Trotzdem bleibt er Favorit der Konservativen. Weil sich die Konkurrenz noch schlechter anstellt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,818254,00.html
Wo Problem? Für den eigentlichen Wahlkampf bekommt er dann halt ebenfalls einen Teleprompter. Dann klappt es auch mit der Rhetorik.
Schiebetürverriegler 29.02.2012
4. Naja
Zitat von sysopDPAMitt Romney strahlt im Präsidentschaftsrennen der Republikaner - solange sein Mikro ausgeschaltet bleibt. Denn die Reden des Multimillionärs strotzen vor Peinlichkeiten und Plattitüden. Trotzdem bleibt er Favorit der Konservativen. Weil sich die Konkurrenz noch schlechter anstellt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,818254,00.html
unter den Blinden ist halt der Einäugige König.
hansklauspeter 29.02.2012
5. ...
Zitat von shokakuWo Problem? Für den eigentlichen Wahlkampf bekommt er dann halt ebenfalls einen Teleprompter. Dann klappt es auch mit der Rhetorik.
Es haben schon genug Politiker bewiesen dass auch Lesen nicht immer ganz einfach ist. Am besten engagiert er einen Synchronsprecher :P
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