Peter Steudtner über Haft in der Türkei "Es ging darum, mich einzuschüchtern"

Mehr als drei Monate saßen der deutsche Menschenrechtler Peter Steudtner und der Schwede Ali Gharavi in der Türkei in U-Haft. Im Gespräch mit dem SPIEGEL schildern sie ihre Erlebnisse.

Ali Gharavi (Mitte) und Peter Steudtner (2. v. r.)
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Ali Gharavi (Mitte) und Peter Steudtner (2. v. r.)

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Der Berliner Menschenrechtler Peter Steudtner und sein schwedischer Kollege Ali Gharavi üben Kritik an der türkischen Justiz: "Wir waren der Willkür der Behörden ausgesetzt", beklagt Gharavi in einem Gespräch in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL.

Steudtner und Gharavi waren am 5. Juli während eines Menschenrechtsworkshops auf der Insel Büyükada bei Istanbul festgenommen worden. Sie verbrachten mehr als drei Monate in der Türkei in Untersuchungshaft, Ende Oktober wurden sie ohne Auflagen freigelassen. Im SPIEGEL berichten sie nun zum ersten Mal ausführlich von ihrer Haft. (Lesen Sie hier das ganze Gespräch im neuen SPIEGEL.)

Der Polizist, der ihn als Erster vernahm, habe fließend Deutsch gesprochen, erklärt Steudtner. "Er identifizierte sich nicht, er informierte mich nicht über meine Rechte. Er fragte: 'Du bist ein Spion. Wer ist dein Kontaktmann beim BND?'" Steudtners Schlussfolgerung: "In Wahrheit ging es nur darum, mich einzuschüchtern."

Steudtner und Gharavi berichten, sie seien im Gefängnis zu keiner Zeit misshandelt, jedoch mitunter "ausgesprochen unfreundlich" behandelt worden. Sie litten vor allem unter der Isolation im Hochsicherheitstrakt in Silivri, nahe Istanbul.

Gharavi erzählt, es habe helle und dunkle Tage im Gefängnis gegeben, "die meisten waren dunkel. Ich werde nicht wieder jener Mensch sein, der ich vor dem 5. Juli war."

Noch immer in einem Zustand der Wachsamkeit

Steudtner und Gharavi bedanken sich für die weltweite Anteilnahme an ihrem Schicksal. "Meine Berliner Kirchengemeinde hielt jeden Abend eine Andacht für mich ab. Ich setzte mich dann zur gleichen Zeit in den Hof und sang die Lieder, die sie auch sangen", erzählt Steudtner.

Die beiden Menschenrechtler wollen nun langsam in den Alltag in Berlin zurückfinden. "Ich schätze es ungemein, wieder Zeit mit anderen Menschen verbringen zu können. Aber mein Körper befindet sich noch immer in einem Zustand ständiger Wachsamkeit. Ich reagiere auf jedes Geräusch. Es wird dauern, bis sich das legt", so Steudtner.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL-Magazin - am Kiosk erhältlich ab Samstagmorgen und immer freitags bei SPIEGEL+ sowie in der digitalen Heft-Ausgabe.

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
goethestrasse 04.11.2017
1. Warum...
...kann der Herr Steudtner nicht einfach sich mal ruhig verhalten. Ohne Publicity. Es sitzen noch mehrere Personen in türk Gefängnisssen, die mit ebensolchen Gründen festgehalten werden. Und - warum brauch Der Spiegel den Artikel ??
marialeidenberg 04.11.2017
2. "Wir waren der Willkür der Behörden ausgesetzt"
Wenn es noch eines Beweises der himmelschreienden Naivität dieser Helden bedurft hätte, hier ist einer. Dieser Spruch gehört in das Poesiealbum jedes NGO-Aktivisten. Der nächste wird vielleicht mit dem IS über allgemeine Menschenrechte und Religionsfreiheit im Besonderen diskutieren, sich dabei auf den Schutz der Weltöffentlichkeit und deren Meinungsdruck verlassen wollen. Es ist schlicht unverantwortlich, aus dieser Geschichte eine PR-Veranstaltung zu machen und Unbedarften den Weg in Lebensumstände zu weisen, die in deren wildesten Horrorvisionen nicht vorkommen.
Wellenreiterin 04.11.2017
3. Sie sind Helden - für die Freiheit von uns allen
Möge ihre Seele möglichst schnell wieder heilen.
qoderrat 04.11.2017
4.
Die beiden Herren geben Menschenrechtsworkshops und sind überrascht, dass sie in der Türkei Willkür der Behörden ausgesetzt sind. Dieser Idealismus ist bewundernswert, die Naivität schon deutlich weniger. Auch wenn ich die Freude über die Freilassung verstehen kann, ob diese Form der Öffentlichkeit den in der Haft Verbliebenen, die ja weiterhin der Willkür der Behörden ausgesetzt sind, wirklich hilft, bezweifle ich.
Schlaukeks 04.11.2017
5. Jawohl!
Zitat von goethestrasse...kann der Herr Steudtner nicht einfach sich mal ruhig verhalten. Ohne Publicity. Es sitzen noch mehrere Personen in türk Gefängnisssen, die mit ebensolchen Gründen festgehalten werden. Und - warum brauch Der Spiegel den Artikel ??
Sie haben recht und der Erdogan hofft wohl mit der Freilassung einiger Deutscher das Thema zu entschärfen. Steudtner ist 100 Prozent Deutscher Staatsbürger und den lässt er frei. Deniz ist auch türkischer Staatsbürger und den darf er weiter quälen, so wohl das Credo des Herrn Erdogan und die Idee die dahinter steckt. Merkel & EU müssten eigentlich einen härteren Kurs einschlagen aber die Flüchtlingsproblematik und die vielen "abtrünnigen" Staaten in der EU verhindern das. Dass der Spiegel darüber berichtet ist doch logisch und SPON muss Geld verdienen und die schreiben das womit Sie Geld verdienen können. :) Sie haben doch auch darauf geantwortet. :)
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