Petersburger Dialog Merkel und Medwedew knipsen wieder ihr Lächeln an
Sankt Petersburg - Zum Abschluss des Petersburger Dialoges und noch ehe sie sich mit ihren Ministern in Gesprächen der Weltpolitik zuwenden, lächeln sich Kanzlerin und russischer Präsident auf dem Podium an, gelegentlich lachen sie gar. Gerade in ernsten Zeiten und angesichts des Zerwürfnisses über den Krieg im Kaukasus liegt beiden an einer Demonstration, dass Türen nicht geschlossen werden, wenn auf einmal wieder ein eisiger Wind über Europa weht.
Freundliche Stimmung trotz Kaukasus-Dissens: Merkel und Medwedew in Sankt Petersburg
Foto: DPAEinige Projekte hat die Krise ganz offenkundig befördert. Der Energiegigant Gasprom und die deutsche E.ON einigten sich auf die gemeinsame Ausbeutung des Gasfeldes Juschnoje Russkoje in Nordsibirien nach jahrelangem Tauziehen. So wurde der deutsche Energiekonzern zum Profiteur der Kaukasus-Krise. Auf einmal ging alles ganz schnell. Moskau wollte unter dem Eindruck der Doppelkrise - hier das Propaganda-Debakel wegen des Krieges mit Georgien, dort die langsam, aber sicher auf Russland überschwappenden Weltfinanzkrise - offenbar ein positives Zeichen setzen, dass die Zusammenarbeit mit Westeuropa weitergeht.
Verbindlicher Medwedew statt kaltschnäuziger Putin
Merkel nahm bemerkenswert oft das von ihrem Außenminister und Konkurrenten Frank-Walter Steinmeier geprägte Wort von der Modernisierungspartnerschaft in den Mund. Auch war ihr anzusehen, dass sie die Treffen mit dem verbindlichen Medwedew als wesentlich angenehmer empfindet als die mit seinem Vorgänger, dem kaltschnäuzigen Wladimir Putin.
So schien zumindest in diesem Moment alles halbwegs in Ordnung zwischen Russen und Deutschen. Auf der Ebene der Arbeitsgruppen des Petersburger Dialogs jedoch ging es mitunter "mit erhobener Stimme" zu, wie der Co-Vorsitzende des Dialogs Lothar de Maizière resümierte. "Aber hintereinander konnte man auch wieder fröhlich beim Abendessen zusammensitzen", so de Maizière. Oder als Deutscher im berühmten Marinski-Theater darüber sinnieren, dass ein Volk nicht ganz schlecht sein kann, dessen Mütter siebenjährige Kinder zum Ballett in die Abendvorstellung schleppen. Der Petersburger Dialog war vor acht Jahren von Putin und Gerhard Schröder ins Leben gerufen, um Nichtregierungsorganisationen, Kirchen, Manager und Medien aus beiden Ländern miteinander ins Gespräch zu bringen.
In der Arbeitsgruppe Wirtschaft, eigentlich ein Hort der Rationalität und gehobenen Zahlenkunde, kam es zu einigen bemerkenswerten Szenen. Ein Top-Manager des russischen Energieriesen Gasprom beschwerte sich über die Hürden, die Deutschland gegenüber russischen Investoren aufbauen würde. Schließlich sei doch die deutsche EON.Ruhrgas mit 20 Prozent bei Gasprom beteiligt. Tatsächlich sind es 6,5 Prozent und auch die schrumpfen nach dem neuen Deal auf 3,5 Prozent. Natürlich wunderten sich die Deutschen, dass der Gasprom-Mann seinen eigenen Laden nicht zu kennen schien. Dann nahm der Russe Detlef Wittig von Volkswagen ins Visier und forderte ihn auf, doch mehr in die Lebensmittelindustrie zu investieren. Offenkundig hatte er ihn mit jemandem von Metro oder einem anderen Handelskonzern verwechselt.
In der Arbeitsgruppe Medien schüttelten die russischen Chefredakteure und Reporter die Köpfe über die Deutschen, die eisern an einer Tagesordnung festhielten, welche schon vor Monaten "Die Globalisierung der Medien" zum Thema der ersten Sitzung bestimmt hatte. Oh, diese Deutschen, was eigentlich muss geschehen, bis diese Pedanten einmal von ihrem Plan abweichen! Wo doch alle nur über eines reden wollten, den Krieg im Kaukasus und wie er in russischen und deutschen Medien dargestellt wurde.
Westliche Medien am Pranger
Auch die Russen reagierten darauf landestypisch. Sie ignorierten die Tagesordnung kurzerhand und schickten Senatoren, Botschafter und andere politische Matadore ins Feld, um zur Abwechslung mal die westlichen Medien an den Pranger zu stellen, die doch sonst so hartnäckig über Menschrechtsverletzungen und Wahlmanipulationen in Russland berichten. Oh, diese Russen, die sich disziplinlos über jede Regel hinwegsetzen und seit Neuestem wieder bei jeder Gelegenheit die muskelbepackte Großmacht heraushängen lassen! Trost spendete da allenfalls eine vom Petersburger Dialog gemeinsam mit dem Deutsch-Russischen Forum bei Allensbach in Auftrag gegebenen Umfrage.
Demnach äußersten sich nur ein Drittel der Bevölkerung beider Länder ablehnend gegenüber dem Nachbarvolk. 35 Prozent der Deutschen gaben an, Russen nicht besonders zu mögen, 40 waren unentschieden, 25 mögen die Russen. Auf russischer Seite blicken 45 Prozent mit Sympathie auf die Deutschen, 18 waren unentschieden, 27 mögen die Deutschen nicht.
In einer zweiten Sitzungen redeten dann allein die Journalisten über den Kaukasuskrieg und keine Politiker. Dann war nicht mehr die Rede von den russischen und den westlichen Medien. Dann erst hörten die Schuldzuweisungen auf und das Gespräch näherte sich dem an, was der Titel der Veranstaltung versprach: einem Dialog.
Immerhin.