Petraeus-Affäre Verbotene Liebe

Diese Affäre hält Amerika in Atem: Mit Ex-CIA-Chef Petraeus ist der größte General seiner Zeit gestürzt. Der Geheimdienst ist düpiert, das FBI unter Druck - und was wusste Obama? Nun wird der Name einer zweiten Frau bekannt, die den Fall wohl ins Rollen brachte. Sie arbeitet für das Außenministerium.

AP / The Charlotte Observer

Von , Washington


Der Präsident lässt sich nichts anmerken. Barack Obama steht am Sonntagnachmittag auf dem Nationalfriedhof von Arlington und hält eine Rede. Denn es ist der elfte Tag im elften Monat: Veterans Day. Der Tag, an dem die Amerikaner stets ihren Militärveteranen danken.

Der beeindruckendste Teil seines Jobs als Commander-in-Chief, sagt Obama, sei "das tagtägliche Zusammentreffen mit Helden".

Sein letztes Zusammentreffen mit dem größten aller lebenden amerikanischen Helden hatte der Präsident erst am vergangenen Donnerstag. Doch darüber schweigt er während seines Auftritts am Veterans Day. Dafür spricht das ganze Land seit dem Wochenende über nichts anderes mehr als den tiefen Sturz des David Petraeus.

Der 60-Jährige hat in den vergangenen 72 Stunden so ziemlich alles verloren. Sein Ansehen. Seine Karriere. Vielleicht seine Familie. Alles passé. Eben noch war er der Mann, der den Irak-Krieg mit einer neuen Strategie gedreht hatte; der Vier-Sterne-General, den sie mit Eisenhower verglichen; eine Legende; und zuletzt auch noch: der Chef des mächtigsten Geheimdiensts der Welt, der CIA.

Doch von nun an ist Mr. Petraeus nur noch ein schnöder Ehebrecher.

Die Liebesaffäre mit seiner 20 Jahre jüngeren Biografin Paula Broadwell elektrisiert die Nation. Da kommt alles zusammen, was zu einem echten Skandal gehört: Prominenz, Sex, Eifersucht - und Politik. Längst zieht diese vom FBI eher zufällig aufgedeckte Beziehung große Kreise. Übers Wochenende ist schließlich der Präsident ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt.

Die zentrale Frage: Wusste das Weiße Haus schon vor dem Wahltag in der vergangenen Woche von der Affäre Petraeus - und hat dennoch geschwiegen? Schließlich stand Obama ohnehin unter Druck infolge der terroristischen Attacke auf die US-Vertretung im libyschen Bengasi. Welches Licht hätte da auch noch der Rücktritt des CIA-Chefs auf die sicherheitspolitische Mannschaft des Präsidenten geworfen?

Dies sind die Fragen, die nun die Republikaner stellen. Zugleich schwingt da auch eine Menge Verbitterung über die Niederlage bei der Präsidentschaftswahl mit. "Das passt doch alles nicht zusammen", entrüstete sich Peter King, der republikanische Vorsitzende des Heimatschutz-Ausschusses im Repräsentantenhaus, auf CNN. Die Bundespolizei FBI müsse jetzt genau sagen, wann sie von Petraeus' Affäre gewusst und zu welchem Zeitpunkt sie diese Information an die Regierung weitergeleitet habe.

Und Eric Cantor, der republikanische Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus, setzte Obamas Regierung mit einem ganz besonderen Bekenntnis unter Druck: Er sei Ende Oktober von einem FBI-Whistleblower kontaktiert worden, der ihm von einer außerehelichen Liebesaffäre Petraeus' und damit einhergehenden Sicherheitsbedenken berichtet habe, wird Cantor in der "New York Times" zitiert. "Ich habe dann sichergestellt", so Cantor, "dass Direktor Mueller von diesen ernsten Vorwürfen und potentiellen Risiken für unsere nationale Sicherheit erfuhr." Robert Mueller ist der Direktor des FBI.

Eigentlich, so die Argumentation der Republikaner, hätten Mueller und Co. spätestens jetzt das Weiße Haus sowie die Parlamentsgremien unterrichten müssen. Oder nicht?

Jedenfalls hat sich im Laufe der FBI-Untersuchung offenbar herausgestellt, dass kein Sicherheitsrisiko bestand. "Da wohl keine für die nationale Sicherheit relevante Information bloßgelegt wurde, ist das FBI nicht verpflichtet, den Kongress zu informieren", so der hochrangige Ex-CIA-Mann

Fotostrecke

21  Bilder
David Petraeus: Der Vorzeige-General und die Elite-Soldatin
und Präsidentenberater Bruce Riedel zu SPIEGEL ONLINE. Dennoch, setzt er hinzu, habe das FBI "schlechtes Urteilsvermögen" bewiesen, indem es das Parlament nicht informiert habe.

King und andere Republikaner vermuten nun ihrerseits, Petraeus nutze die Affäre mit Broadwell als "Cover Story", um sich einer ursprünglich in der kommenden Woche anstehenden Aussage vorm Parlament über die Rolle der CIA während der Attacken in Bengasi zu entziehen. "Wie in aller Welt sollen wir herausfinden, was in Bengasi geschehen ist, wenn General Petraeus keine Aussage macht?", fragte der republikanische US-Senator Lindsay Graham auf CBS.

Die Demokratin Dianne Feinstein, Vorsitzende des Geheimdienstausschusses im Senat, wies diesen Verdacht am Sonntag zurück: Da gebe es keine Verbindung mit den Attacken, so die Senatorin gegenüber Foxnews. Zudem könne ihr Ausschuss Petraeus ja auch zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal zur Aussage laden. Dessen Rücktritt jedenfalls sei "wie ein Blitz eingeschlagen". Sie habe zuerst davon aus den Medien erfahren, dann mit Petraeus persönlich gesprochen. Erst danach kam das FBI. Es werde nun eine Untersuchung geben, warum die Behörde sie und andere Zuständige im Kongress erst am Freitag über den Fall informiert habe, kündigte Feinstein an.

Nur langsam entwirrt sich nach Medien-Recherchen und meist anonymen Aussagen aus Regierungs-, Parlaments- und Ermittlerkreisen die Affäre Petraeus. Folgender Ablauf ist bisher zu rekonstruieren - unter der Annahme, dass Obama tatsächlich erst ganz am Ende in Kenntnis gesetzt wurde.

Das FBI ermittelt offenbar schon seit einigen Monaten. Alles begann wohl mit einem Eifersuchtsdrama. Demnach verschickte die Petraeus-Geliebte Paula Broadwell Drohmails an eine andere Frau, die die Nachrichtenagentur AP mittlerweile als Mitarbeiterin des Außenministeriums in Florida identifiziert hat. Es soll sich dabei um die 37 Jahre alte Jill Kelley handeln, zu der Petraeus angeblich ein freundschaftliches Verhältnis unterhalten hat. Kelley arbeitet als Kontaktperson zwischen dem Ministerium und einer Kommando-Einrichtung der US-Streitkräfte. Von den Mails belästigt, informierte sie das FBI.

Außenamt-Mitarbeiterin Jill Kelley (zweite von rechts) fühlte sich von Broadwell belästigt und brachte den Fall ins Rollen. Auch auf dem Bild: Petraeus (mit Mütze) und Ehefrau Holly (ganz rechts)
AP

Außenamt-Mitarbeiterin Jill Kelley (zweite von rechts) fühlte sich von Broadwell belästigt und brachte den Fall ins Rollen. Auch auf dem Bild: Petraeus (mit Mütze) und Ehefrau Holly (ganz rechts)

Aus der Routineermittlung wurde plötzlich ein große Nummer, als die Ermittler über Broadwells Mail-Kommunikation zum privaten E-Mail-Account des Vier-Sterne-Generals Petraeus gelangten. Laut "Washington Post" war es die "eindeutig sexuelle Art der Kommunikation" der beiden, die die FBI-Agenten annehmen ließ, jemand habe Petraeus' Postfach geknackt. Man fürchtete ein Sicherheitsleck. Irgendwann aber war klar, dass der General selbst hinter den Nachrichten steckte. Vor rund zwei Wochen wurde Petraeus über die Ermittlungen informiert. Er wusste fortan Bescheid, dass seine Karriere in größter Gefahr ist.

Am 6. November, dem Tag der Präsidentschaftswahl, wird US-Geheimdienstkoordinator James Clapper vom Justizministerium von der Affäre Petraeus in Kenntnis gesetzt. Laut "Washington Post" trägt sich dies um 17 Uhr Ostküstenzeit zu, die Wahl ist in vollem Gange. Clapper nimmt Kontakt zu Petraeus auf, fordert ihn nicht explizit zum Rücktritt auf, rät ihm aber dazu. In Chicago spielt der Präsident derweil eine Runde Basketball mit alten Kumpels, sogar zwei Ex-Profis der Chicago Bulls sind dabei. Obamas Team gewinnt.

Mittwoch, 7. November: Barack Obama hat die Präsidentschaftswahl gewonnen. Er fliegt mit seiner Familie nach Washington zurück, um 18.55 Uhr kommt er am Weißen Haus an. Obama liest etwas auf seinem Blackberry, die Reporter rufen: "Wie geht's?" Obama: "Ist ein bisschen kühl hier. Winterzeit." Geheimdienstkoordinator Clapper hat am selben Tag das Weiße Haus über die Liebesaffäre des CIA-Chefs informiert. Obamas Beamte durchdenken den Fall, setzen den Präsidenten noch nicht in Kenntnis.

Donnerstag, 8. November: Der Präsident wird gebrieft. Er bestellt Petraeus ins Weiße Haus. Der bittet Obama um Entlassung vom Posten des CIA-Chefs, es sei für ihn "eine Frage der Ehre", sagt Petraeus. Der Präsident zögert. Er will, wie stets bei schweren Entscheidungen, eine Nacht darüber schlafen.

Freitag, 9. November: Der Präsident hat sich entschieden. Er ruft Petraeus an, akzeptiert dessen Rücktritt. Das Problem: Obama hat an diesem Freitag einen wichtigen Auftritt, hält seine erste Rede als wiedergewählter Präsident, es geht um den Haushaltsstreit. Obama macht den Republikanern Angebote, gibt sich verhandlungsbereit. Es ist 13.05 Uhr. Aber der Präsident weiß: In weniger als zwei Stunden wird seine Botschaft verwässert sein. Dann werden alle nur noch über den tiefen Fall des Generals sprechen. Um 15.20 Uhr schließlich versendet das Weiße Haus das Statement, in dem der Präsident dem General für seinen "außerordentlichen Dienst" dankt. Das FBI informiert die entsprechenden Kongress-Ausschüsse.

Für Obama ist das ein schwerer politischer Schlag. Anfangs hatte er ein schwieriges Verhältnis zu Petraeus, traute dem bekennenden Republikaner nicht recht. Immer wieder hieß es, Petraeus laufe sich schon für die Präsidentschaftskandidatur warm. Doch der General bewies seine Loyalität. "Obama verliert einen zuverlässigen Ratgeber mit jahrelanger Erfahrung in Afghanistan und anderen entscheidenden Schlachtfeldern im Krieg gegen al-Qaida", sagt CIA-Experte Bruce Riedel.

Nicht zu vergessen der Drohnen-Krieg der CIA, den Obama von Petraeus planen ließ. Diese Strategie genieße große Unterstützung im Land und bei beiden Parteien, sagt Riedel. Die Einsätze würden also auch ohne Petraeus weitergehen.

Alles andere werden die nächsten Wochen zeigen.

insgesamt 81 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
rainer_unsinn 12.11.2012
1. ...
Zitat von sysopREUTERSDiese Affäre hält Amerika in Atem: Mit Ex-CIA-Chef Petraeus ist der größte General seiner Zeit gestürzt. Der Geheimdienst ist düpiert, das FBI unter Druck - und was wusste Obama? Nun wird der Name der zweiten Frau bekannt, die den Fall wohl ins Rollen brachte. Sie arbeitet im Außenministerium. http://www.spiegel.de/politik/ausland/petraeus-affaere-das-cia-ist-duepiert-das-fbi-unter-erklaerungsdruck-a-866590.html
Ich verstehe die Amis nicht mehr und langsam will ich sie glaube ich auch nicht mehr verstehen. Dieser Affaire passt gut zum dem Leitartikel über den Niedergang der USA. Vorlorene Kriege, fiskale Klippen, Erderwärmung, Schulden, Niedergang der Infrastruktur, Zerfall der weltweiten Vormachtstellung ect. Das alles treibt die Amis nicht so um wie ein General der mit seiner Frau noch verheiratet ist, um wie ich vermute seinen Kindern ein intaktes Familienleben zu bieten, während er eine Geliebte hat. Na wenn die dort drüben sonst keine Sorgen haben dann ist ja gut.
rakatak 12.11.2012
2.
Zitat von sysopREUTERSDiese Affäre hält Amerika in Atem: Mit Ex-CIA-Chef Petraeus ist der größte General seiner Zeit gestürzt. Der Geheimdienst ist düpiert, das FBI unter Druck - und was wusste Obama? Nun wird der Name der zweiten Frau bekannt, die den Fall wohl ins Rollen brachte. Sie arbeitet im Außenministerium. http://www.spiegel.de/politik/ausland/petraeus-affaere-das-cia-ist-duepiert-das-fbi-unter-erklaerungsdruck-a-866590.html
Ein Geheimdienstchef, der nicht mal seine eigene Liebesaffäre geheim halten kann, der ist auf seinem Posten eine Fehlbesetzung.
taheles 12.11.2012
3. Warum, warum, warum?...
...machen die Amerikaner nur aus jeder kleinen außerehelichen Affäre gleich eine Staatsaffäre? Präsident Kennedy, auf den sie alle bis heute stolz sind, hatte vermutlich eine zweistellige Anzahl davon. Na und? Kanzler Schröder hat seine Familie verlassen, um seine Sekretärin (Doris) zu heiraten. Na und? Er wurde trotzdem Kanzler - danach. Deutlich weniger als 50% der Ehen halten für immer. Ist halt so. Und nur die USA amputieren (neuerdings) sogleich JEDEN, der nicht ins klassische Prokrustes-Bett passt. Eine Selbstverletzung. taheles
fernossi 12.11.2012
4. Bigotterie in Washington
Also mal Klartext: Petraeus ist ein noch recht schneidiger, ansehnlicher Mann, der offenbar mit einer dicklichen Oma verheiratet ist. Wer wuerde da nicht auf Avancen einer netten jungen Dame eingehen - Republikaner, Demokraten, Gruene, Christdemokraten - ich tippe mal: ALLE.
famulus 12.11.2012
5. American heroes
Zitat von sysopREUTERSDiese Affäre hält Amerika in Atem: Mit Ex-CIA-Chef Petraeus ist der größte General seiner Zeit gestürzt. Der Geheimdienst ist düpiert, das FBI unter Druck - und was wusste Obama? Nun wird der Name der zweiten Frau bekannt, die den Fall wohl ins Rollen brachte. Sie arbeitet im Außenministerium. http://www.spiegel.de/politik/ausland/petraeus-affaere-das-cia-ist-duepiert-das-fbi-unter-erklaerungsdruck-a-866590.html
Das tagtägliche Zusammentreffen mit amerikanischen Helden ist es, was Obama so tiefgründig beeindruckt. Petraeus - der größte lebende Held seit Eisenhower. Stimmt. Auch Eisenhower war bekanntlich ein Egebrecher, der mit seiner Sekretärin täglich beim hoedown war, während seine Soldaten im Dreck ins Gras bissen. American heroes - as usual.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.