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30. November 2009, 13:24 Uhr

Phänomen Obama

"Wir lernen noch immer viel über ihn"

Die ersten Versprechen sind eingelöst, die anderen brauchen noch etwas Zeit: Obamas Wahlkampfmanager David Plouffe zeigt sich im SPIEGEL-ONLINE-Interview jetzt schon sicher, dass es sein Chef auch 2012 schafft - weil die gegnerischen Republikaner nur noch als Nein-Partei auftreten.

SPIEGEL ONLINE: Als Barack Obamas Wahlkampfchef prägten Sie seinen erfolgreichen Slogan "Change we can believe in". Braucht er rund ein Jahr nach seinem Sieg schon einen neuen?

Plouffe: Nein. Obama hat seine Wahlkampfversprechen eingelöst, denken Sie nur an die Steuersenkungen für die Mittelklasse oder den Ausbau der Stammzellenforschung. Andere Vorhaben brauchen noch ein bisschen Zeit. Aber der Präsident starrt nicht gebannt auf das politische Hin und Her, und das ist gut für unser Land.

SPIEGEL ONLINE: Selbst etliche seiner Unterstützer sehen bislang aber nicht viel Wandel. Das Gefangenenlager Guantanamo ist immer noch offen, Zehntausende weiterer US-Soldaten werden nach Afghanistan geschickt, die Klimagesetzgebung stockt, die Debatte zur Gesundheitsreform ist ein ewiges Ringen.

Plouffe: Manchmal frage ich mich, welchen Wahlkampf diese Leute eigentlich verfolgt haben. Obama hat als Kandidat keinen Zweifel daran gelassen, dass er den Einsatz in Afghanistan fortsetzen will. Auch seine Vorstellungen zur Gesundheitsreform hat er klar präsentiert. Man kann natürlich immer ungeduldig sein und Kritik üben - aber ich finde, das kommt oft uninformiert und wenig hilfreich daher.

SPIEGEL ONLINE: Aber war der Übergang vom zweijährigen Wahlkampf ins Weiße Haus nicht tatsächlich härter als erwartet?

Plouffe: Eine Präsidentschaft ist nicht einfach die Fortsetzung eines Wahlkampfs. Schauen Sie sich die Gesundheitsreform an: Als Präsident kann man nicht mehr einfach versuchen, 50 Prozent der Amerikaner für seinen Plan zu begeistern. Ich wünschte, es wäre so. Doch Regieren ist nun einmal viel komplexer.

SPIEGEL ONLINE: Obamas Team scheint sich auch schwer zu tun, die modernen Wahlkampftechniken wie geplant weiter zu nutzen. Sie haben "Organizing for America" mitgegründet, eine Online-Organisation mit 13 Millionen Mitgliedern - die aber bislang wenig Aktivität zeigt.

Plouffe: Dort haben sich viele neue Leute seit der Wahl angemeldet. Es ist toll, mit einer E-Mail 13 Millionen Menschen erreichen zu können. Das Engagement ist nicht so hoch wie während des Wahlkampfes, aber viele Unterstützer helfen uns etwa in der Gesundheitsdebatte mit Anrufen oder Veranstaltungen.

SPIEGEL ONLINE: Der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore sagte dem SPIEGEL, Obama sei womöglich zu häufig im Fernsehen zu sehen. Sind die Amerikaner seine vielen Auftritte schon leid?

Plouffe: Als Präsident wird man auch kritisiert, wenn man zu selten auftritt. Amerikaner wollen ihren Präsidenten sehen, gerade in Krisenzeiten. Man muss das natürlich im Auge behalten, aber bisher scheint Obama seine Auftrittssequenz im Griff zu haben. Er ist schließlich noch nicht einmal ein Jahr im Weißen Haus. Wir lernen immer noch viel über ihn und das, was er vorhat.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch über den Wahlkampf bezeichnen Sie die Reise des Kandidaten Obama nach Berlin im Juli 2007 als riskantes Unterfangen. Warum?

Plouffe: Eine Auslandsreise ist schon schwierig zu organisieren, wenn man Präsident ist. Aber wir hatten als Wahlkampfteam ja gar keine diplomatischen Ressourcen. Der Kandidat muss im Ausland auf der großen Bühne auftreten, etwa bei seiner Rede in Berlin. Wenn er den kleinsten Fehler macht, wird das sofort massiv abgestraft.

SPIEGEL ONLINE: Es hagelte ja auch Kritik.

Plouffe: Der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain sagte gleich, er spreche lieber vor 10.000 Motorradfahrern in den USA als vor 200.000 schreienden Berlinern. McCains Wahlkampfteam verglich Obama nach der Rede mit Britney Spears. Aber diese Kritiker haben nicht verstanden, was die amerikanischen Wähler wollten. Sie wünschten sich einen Präsidenten, der wieder eine bessere Partnerschaft mit einem Land wie Deutschland herstellen kann.

SPIEGEL ONLINE: Selbst wenn das daheim "europäisch" wirkt.

Plouffe: Für Amerikaner ist Berlin nicht wie Paris, das ihnen in der Tat ein wenig zu sozialistisch erscheinen mag. Das machte es etwas leichter für uns, die Rede in Berlin zu halten.

SPIEGEL ONLINE: Was ging Ihnen durch den Kopf, als 200.000 Berliner auftauchten, um Ihren Kandidaten zu hören?

Plouffe: Wir wussten einfach nicht, was wir erwarten konnten. Wir hatten Erfahrung mit Veranstaltungen in Pittsburgh oder Miami, aber nicht mit so etwas. Erst dachten wir, es kämen maximal 10.000 Leute, aber die Menschenmenge übertraf dann all unsere Erwartungen. Die Stimmung war großartig, es sah toll auf den Fernsehbildschirmen aus - aber auch die Rede war wichtig, in der Obama sich zu einem "Weltbürger" erklärte. Die amerikanischen Wähler hatten auf so etwas gewartet.

SPIEGEL ONLINE: Bundeskanzlerin Angela Merkel war verärgert, dass der Kandidat Obama zunächst vor dem Brandenburger Tor sprechen wollte, wo Ex-Präsident Ronald Reagan seine berühmte Rede hielt. Konnten Sie die Bedenken nachvollziehen?

Plouffe: Wir haben das niemals ernsthaft erwogen. Es gab einige Leute in unserem Vorausteam, die diesen Ort sehr mochten. Aber wir hätten das angesichts der Geschichte des Brandenburger Tors nicht angemessen gefunden. Der Streit darum ist leider außer Kontrolle geraten, das war unglücklich.

SPIEGEL ONLINE: Viele Deutsche fragen sich: Warum gibt es bei uns keinen Obama? Irgendwelche Tipps für deutsche Politiker?

Plouffe: Wahlkämpfe lassen sich nicht einfach per Mausklick übertragen. Doch unserer hat ein paar nützliche Erkenntnisse gebracht. Man braucht eine umfassende Digitalstrategie als Herzstück. Man muss viele Leute in den Wahlkampf einbeziehen und eine große Freiwilligenorganisation aufbauen. Außerdem hat Obama die Wähler wie Erwachsene behandelt. Viele Kommentatoren haben kritisiert, dass er zu lange spricht und zu viel erklärt. Aber die Wähler wollten eine ernsthafte Debatte. Das ist unsere wichtigste Lektion: Man kann auf diese Weise gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Könnten auch die US-Republikaner das im nächsten Präsidentschaftswahlkampf 2012 schaffen?

Plouffe: Sie haben sich entschieden, alles zu blockieren. Es mag ein paar Republikaner geben, die bei der Gesundheitsreform mithelfen. Aber insgesamt sind sie die Nein-Partei.

SPIEGEL ONLINE: Obama versprach, die Spaltung in Washington zu überwinden. War das naiv?

Plouffe: Die Republikaner hatten ja die Chance, konstruktiver zu sein. Stattdessen tun sie so, als ob die Gesundheitsreform Menschen tötet. Leute wie Ex-Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin oder Radiomoderator Rush Limbaugh haben derzeit einen ungeheuren Einfluss auf die Konservativen. Was sie sagen, ist unverantwortlich - und ein Riesenfehler. Denn Wähler werden bald sehen, dass nichts von ihrer Panikmache eintritt nach einer Gesundheitsreform. Eine Präsidentschaftskandidatin Palin wäre ein Desaster für die Republikaner.

SPIEGEL ONLINE: Apropos starke Frauen: Sie haben im Vorwahlkampf Hillary Clinton bekämpft, Sie haben ihren späten Ausstieg aus dem Rennen kritisiert. Haben Sie seither mit ihr gesprochen?

Plouffe: Nicht seit dem Ende des Wahlkampfs. Aber ich finde, sie macht als US-Außenministerin einen herausragenden Job.

Das Interview führte Gregor Peter Schmitz in Washington.

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