Philosoph Levy "Europa macht sich selbst den Garaus"

2. Teil: Terrorismus als neues Beispiel für Faschismus


SPIEGEL ONLINE: Worauf konzentrieren sich europäische Intellektuelle dann?

Levy: Nun, sie lassen sich insbesondere von drei Ideen leiten - und keine von diesen ist richtig. Erstens glauben sie, dass Terrorismus eine Konsequenz von Armut ist. Andere wiederum führen Terrorismus auf die mangelhafte Integration von Muslimen in europäischen Gesellschaften zurück. Und der dritte Erklärungsansatz für Terrorismus ist der israelisch-palästinensische Konflikt. Wenn man sich aber irgendeine der jüngsten Terroranschläge in den USA oder Europa anschaut - den 11. September, die Anschläge von Madrid oder London - stellt man fest, dass die Terroristen keineswegs verarmt waren. Eher entstammten sie der Mittelschicht. Die europäischen Muslime waren sehr wohl integriert. Und nichts hat darauf hingewiesen, dass sie sich für die Palästinenser einsetzten. Auch wenn wir also den Konflikt im Nahen Osten lösen - und ich hoffe, das wird bald geschehen - wird das nicht eine Person davon abhalten, Terrorist zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Ist also das Problem des Terrorismus kein soziales, sondern ein rein ideologisches?

Levy: Richtig, Terrorismus ist Ideologie. Islamistische Terroristen sind neue Beispiele des alten faschistischen Problems.

SPIEGEL ONLINE: Sollte der Westen Iran als faschistischem Staat begegnen?

Levy: Definitiv.

SPIEGEL ONLINE: Muss man dann nicht über eine militärische Intervention nachdenken?

Levy: Das würde ich nicht sagen. Ich halte gar nichts von der jetzigen Rhetorik der USA und ihrer Idee, dass alle großen Konflikte unserer Zeit nur militärisch gelöst werden können. Ich lehne auch die Idee vom "Kampf der Kulturen" ab. Ich bin ein Interventionist, kein Militarist. Krieg darf immer nur letztes Mittel sein. Ich bin kein Militärtaktiker, aber ich bin sicher, eine militärische Intervention im Falle Irans wäre ein kompliziertes Unternehmen. Man sollte nicht von Krieg reden, wenn man vom Erfolg nicht überzeugt ist.

SPIEGEL ONLINE: In ihrem Buch sympathisieren Sie durchaus mit den Neokonservativen in den USA. War nicht Ihr Hauptkritikpunkt an ihnen sogar, dass sie sich von der Idee, in anderen Ländern einzugreifen, losgesagt haben?

Levy: Ich habe die Neokonservativen in mehreren Punkten kritisiert. Zunächst, das ist richtig, kritisiere ich ihre Distanzierung von Auslandsinterventionen. Amerika hat die Möglichkeit - ich würde sogar sagen die Pflicht - viel Gutes für die Welt zu tun. Jetzt aber, nach dem kompletten Misserfolg im Irak, wird keiner mehr dem Einsatz von Gewalt trauen. Zweitens wollen Neokonservative nicht einsehen, dass die Etablierung von Demokratie alle Kraft erfordert. Amerikanische Konservative glauben daran, dass alles automatisch geschieht und sich Probleme von selbst lösen. Und innenpolitisch glauben sie, dass allein die Kräfte des Marktes jegliche Konflikte lösen können. Dies war auch ihre Herangehensweise im Irak - sie waren davon überzeugt, dass sich die Demokratie schon von alleine entwickeln wird.

Das Interview führte Cameron Abadi



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.