Philosoph Levy "Europa macht sich selbst den Garaus"

In seiner Jugend war er Verfechter der europäischen Idee, jetzt fürchtet er die Selbstzerfleischung des Kontinents. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem französischen Philosophen Bernard-Henri Levy über die Zukunft der EU, die Freundschaft zu den USA und über Joschka Fischer.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem neuen Buch "American Vertigo" beschreiben Sie, dass die Amerikaner den Glauben an ihre eigenen Werte verloren haben. Denken Sie, es gibt ein ähnliches zeitgenössisches Phänomen, etwa ein "European Vertigo"?

Levy: Ja, ich denke, so lässt sich das gut ausdrücken. Europa hat mit Sicherheit an Selbstvertrauen eingebüßt. Das hätte ich mir als junger Mann nie vorstellen können. Jetzt aber ist offensichtlich, dass wir uns selbst den Garaus machen. Und traurigerweise muss ich sagen, dass ausgerechnet Frankreich diesen neuen Trend anführt, insbesondere durch unsere Ablehnung der europäischen Verfassung. Wir wissen nicht, ob dieses Projekt noch eine Zukunft hat, zumindest wissen wir nicht, wie sie aussehen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie die europäische Identität beschreiben, die ihre Generation inspirierte?

Levy: Nun, Identität ist ja schon der falsche Begriff, ein problematischer Ansatz. Alle Europäer haben gewissermaßen Identitäten, nämlich unsere schwerwiegenden nationalen Vergangenheiten. Europäische Staaten definieren sich über ihre Geschichte, die Sprache, Kultur, manchmal über Hautfarbe. Die europäische Idee beruht darauf, sich von diesen Unterschieden und allen Aspekten, die Hass und Krieg hervorrufen können, zu lösen. Darin ähnelt sie der amerikanischen Identität, deren große Errungenschaft ja die Vereinigung von Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, Ideen und Religionen ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann es Europa schaffen, eine explizit europäische Kultur zu entwickeln? In ihrem Buch beschreiben sie die Funktion der Mythen-Bildung.

Levy: Ja, Amerika bildet Mythen, indem es viel Kraft auf die eigene Geschichte verwendet und daraus - wenn auch nicht immer - konstruktiv Nutzen zieht. Auch Europa braucht so etwas wie eine kollektive Geschichte - wir müssen beispielsweise Bücher aus europäischer Perspektive schreiben, die dann auch in unseren Bildungsinstitutionen gelehrt wird. Neulich habe ich mit einem großen Europäer gesprochen: Joschka Fischer. Und er sagte mir, wenn die EU eine Verfassung haben will, muss sie darin Auschwitz berücksichtigen. Er hat völlig Recht. Das ist der gemeinsame schwarze Boden des gesamten europäischen Kontinents und muss daher ein wichtige Rolle spielen. Und wir können uns alle darauf einigen, dass wir diese bittere Erfahrung nicht wieder erleben wollen.

SPIEGEL ONLINE: Ist also europäische Identität ein negatives Projekt? Die sich eher darüber definiert, was sie nicht sein will, als was sie sein will?

Levy: Ja, und genau das ist das Schöne daran. Sie ist ein negatives Projekt. Ich halte viel davon. Es ist sehr frei und lässt viel Interpretationsspielraum. Wir einigen uns einfach darauf, was wir nicht sind. Die Europäische Union sollte sich keine Identität vorschreiben. Denn was es für Folgen haben kann, wenn Regierungen ihren Völkern aufzwingen, wie sie auszusehen und sich zu verhalten haben, wissen wir ja. Das ist der erste Schritt in Richtung Totalitarismus.

SPIEGEL ONLINE: Frankreichs Staatschef Jacques Chirac plädiert für eine multipolare Weltordnung. Muss sich Europa von den USA lösen?

Levy: Nein, absolut nicht. Ich hoffe, dass Europa immer ein gutes Verhältnis zu den Vereinigten Staaten haben wird. Denn die Alternativen sind nicht gerade attraktiv. Ich würde jedenfalls immer eine feste Partnerschaft mit den USA einer mit Putin vorziehen - sogar wenn der Präsident George W. Bush heißt, der, wie ich meine, der schlechteste Präsident seit ziemlich langer Zeit ist. Das ist für mich völlig klar, denn die USA sind eine Demokratie.

SPIEGEL ONLINE: In ihrem Buch beschreiben Sie, wie Sie die intellektuelle Reaktion in den USA auf den Anti-Terror-Kampf beeindruckt hat. Was ist mit den europäischen Intellektuellen?

Levy: Genauer gesagt war ich besonders davon beeindruckt, wie liberale Intellektuelle auf das Problem des Terrorismus reagiert haben. Der Philosoph Michael Walzer und mein Freund Marshall Berman haben zwei maßgebliche Analysen von islamistischem Terrorismus vorgelegt. Beide haben die Verknüpfung von Islamismus und Faschismus herausgearbeitet. Da stimme ich mit ihnen völlig überein. Wenn Sie sich die Geschichte des islamistischen Terrorismus anschauen, werden Sie feststellen, dass dessen Vordenker den europäischen Faschismus bewunderten. Sie lasen Texte europäischer Faschisten und zitierten sie in Reden und Briefen. Hier spielte der Koran keine entscheidende Rolle - der Koran lehrt schließlich nicht, wie man Menschen am besten unterdrückt; auch finden Sie keine Vorschriften, dass Frauen sich verschleiern müssen; und natürlich ist darin von Selbstmordattentaten nicht die Rede. Wir müssen uns also nicht mit dem Islam als Religion auseinandersetzen, sondern mit Islamismus, einem modernen Gesicht des Faschismus.

Terrorismus als neues Beispiel für Faschismus

SPIEGEL ONLINE: Worauf konzentrieren sich europäische Intellektuelle dann?

Levy: Nun, sie lassen sich insbesondere von drei Ideen leiten - und keine von diesen ist richtig. Erstens glauben sie, dass Terrorismus eine Konsequenz von Armut ist. Andere wiederum führen Terrorismus auf die mangelhafte Integration von Muslimen in europäischen Gesellschaften zurück. Und der dritte Erklärungsansatz für Terrorismus ist der israelisch-palästinensische Konflikt. Wenn man sich aber irgendeine der jüngsten Terroranschläge in den USA oder Europa anschaut - den 11. September, die Anschläge von Madrid oder London - stellt man fest, dass die Terroristen keineswegs verarmt waren. Eher entstammten sie der Mittelschicht. Die europäischen Muslime waren sehr wohl integriert. Und nichts hat darauf hingewiesen, dass sie sich für die Palästinenser einsetzten. Auch wenn wir also den Konflikt im Nahen Osten lösen - und ich hoffe, das wird bald geschehen - wird das nicht eine Person davon abhalten, Terrorist zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Ist also das Problem des Terrorismus kein soziales, sondern ein rein ideologisches?

Levy: Richtig, Terrorismus ist Ideologie. Islamistische Terroristen sind neue Beispiele des alten faschistischen Problems.

SPIEGEL ONLINE: Sollte der Westen Iran als faschistischem Staat begegnen?

Levy: Definitiv.

SPIEGEL ONLINE: Muss man dann nicht über eine militärische Intervention nachdenken?

Levy: Das würde ich nicht sagen. Ich halte gar nichts von der jetzigen Rhetorik der USA und ihrer Idee, dass alle großen Konflikte unserer Zeit nur militärisch gelöst werden können. Ich lehne auch die Idee vom "Kampf der Kulturen" ab. Ich bin ein Interventionist, kein Militarist. Krieg darf immer nur letztes Mittel sein. Ich bin kein Militärtaktiker, aber ich bin sicher, eine militärische Intervention im Falle Irans wäre ein kompliziertes Unternehmen. Man sollte nicht von Krieg reden, wenn man vom Erfolg nicht überzeugt ist.

SPIEGEL ONLINE: In ihrem Buch sympathisieren Sie durchaus mit den Neokonservativen in den USA. War nicht Ihr Hauptkritikpunkt an ihnen sogar, dass sie sich von der Idee, in anderen Ländern einzugreifen, losgesagt haben?

Levy: Ich habe die Neokonservativen in mehreren Punkten kritisiert. Zunächst, das ist richtig, kritisiere ich ihre Distanzierung von Auslandsinterventionen. Amerika hat die Möglichkeit - ich würde sogar sagen die Pflicht - viel Gutes für die Welt zu tun. Jetzt aber, nach dem kompletten Misserfolg im Irak, wird keiner mehr dem Einsatz von Gewalt trauen. Zweitens wollen Neokonservative nicht einsehen, dass die Etablierung von Demokratie alle Kraft erfordert. Amerikanische Konservative glauben daran, dass alles automatisch geschieht und sich Probleme von selbst lösen. Und innenpolitisch glauben sie, dass allein die Kräfte des Marktes jegliche Konflikte lösen können. Dies war auch ihre Herangehensweise im Irak - sie waren davon überzeugt, dass sich die Demokratie schon von alleine entwickeln wird.

Das Interview führte Cameron Abadi

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