Physiker Danilenko Der russische Onkel der iranischen Bombe

Irans Atomforscher sollen Hilfe von einem skurrilen russischen Erfinder bekommen haben - das vermuten jedenfalls westliche Geheimdienste. Wjatscheslaw Danilenko stellte einst Diamanten durch Sprengungen her. Doch er bestreitet, das Mastermind hinter Teherans Nuklearplänen zu sein.

Atomanlage in Isfahan: Wie weit sind die iranischen Forscher?
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Atomanlage in Isfahan: Wie weit sind die iranischen Forscher?

Von , Moskau


In seiner russischen Heimat gilt Wjatscheslaw Danilenko, ein hagerer Mann mit schütterem Haar in den Siebzigern, als angesehener Sprengstoff-Experte. Danilenko ist der Autor des russischen Standardwerks "Explosion: Physik, Technik, Technologie". Für 900 Rubel, umgerechnet 22,50 Euro, verspricht das 2010 erschienene Werk Lesern Einsichten zu allen "Fragen, verbunden mit Explosionen und der Nutzung ihrer Energie".

Die Bereitschaft des Wissenschaftlers, sein Wissen über Steuerung und Nutzung von Detonationen gegen Geld weiterzugeben, beunruhigt derzeit offenbar die Internationale Atomenergieorganisation (IAEA) und die Weltgemeinschaft. "Die Behörde ist ernsthaft besorgt über die möglichen militärischen Dimensionen des iranischen Nuklearprogramms", schrieb die IAEA vergangene Woche in einem ungewöhnlich scharf formulierten Bericht zum iranischen Atomprogramm. Dabei sei Teheran ein "ausländischer Experte" zur Hand gegangen - laut westlichen Geheimdiensten verbirgt sich dahinter niemand anderes als der russische Forscher und Buchautor.

Danilenko, Jahrgang 1934, der zwischen 1996 und 2002 in Iran arbeitete, verfügt über jahrzehntelange Expertise: Seit den sechziger Jahren wirkte der Forscher in Laboren der sowjetischen Waffenindustrie.

Danilenko arbeitete in der geheimen Forschungseinrichtung Tscheljabinsk-70. Die Siedlung in den Ausläufern des Ural-Gebirges, der geografischen Grenze zwischen Asien und Europa, war in den fünfziger Jahren eigens für das sowjetische Atomwaffenprogramm gegründet worden. Ausländer und Ortsfremde war der Zugang zu der "geschlossenen Stadt" noch bis Anfang der neunziger Jahre verboten, Tscheljabinsk-70 war auf keiner normalen Landkarte verzeichnet. Im Ural arbeiteten die Sowjets mit Hochdruck daran, Atombomben kleiner und transportabler zu konstruieren. Hier bauten Forscher später den kleinsten Sprengsatz, ein Artillerie-Geschoss Kaliber 152.

Hier entwickelte auch Danilenko seine vielleicht größte Erfindung. Schon 1963 gelang es seinem Forscher-Team, aus Kohlenstoff durch Sprengungen Diamanten herzustellen. Dabei wird der Kohlenstoff durch Detonationen in einer Sprengkapsel so stark komprimiert, dass daraus Edelsteine entstehen.

Mit Firmen in Tschechien und in der Ukraine versuchte der Wissenschaftler Anfang der neunziger Jahre, von seiner Erfindung zu profitieren. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verließen Hunderttausende hochqualifizierte Wissenschaftler den Staatsdienst, weil die Regierung in Moskau ihnen weder regelmäßige Gehaltsauszahlungen noch eine Perspektive bieten konnte.

In Europa stieß sein aufwendiges Verfahren zur Herstellung von Diamanten auf wenig Interesse. Dafür wurden die Iraner auf den Wissenschaftler aufmerksam. Bis dahin hatte Teheran nur über Pläne für den Bau eines chinesischen Sprengkopfs verfügt, die allerdings noch aus den fünfziger Jahren stammten. In Iran habe sich der russische Forscher ausschließlich mit "Nano-Diamanten beschäftigt und später Vorlesungen gehalten", berichtet Danilenkos ehemaliger Kompagnon Wladimir Padalko.

Ein Sprengkopftyp mit "fortgeschrittenem Design"

Nur ein Jahr nach dem Ende von Danilenkos Engagement am Golf testete Teheran jedoch einen neuen Sprengkopftyp, dem auch westliche Experten "fortgeschrittenes Design" attestierten. Der Sprengsatz bestand aus einer zehn Millimeter dicken Aluminium-Kugel mit einem Durchmesser von 26,5 Zentimetern. Nach Danilenkos Methode hatten die Iraner unzählige kleine Löcher in das Metall gebohrt und mit Sprengstoff gefüllt. Durch den Druck der gleichzeitigen Explosionen könnte so ein Kern aus hochangereichertem Uran zur Sprengung gebracht werden.

Die Iraner platzierten für das Experiment sogar Fiberglasfasern in der Kugel, ganz so wie einst auch Danilenko. Die Fäden leiten Lichtblitze während der Explosion weiter, so lässt sich der Verlauf beobachten. Mit dem neuartigen Sprengkopf, der kaum größer ist als ein Ball, könnten Irans Mittelstrecken-Raketen vom Typ Shabab-3 ausgerüstet werden, Geschosse mit einer Reichweite von 1200 Kilometern.

Ob Teheran Danilenkos Technik allerdings zur Serienreife bringen konnte, ist nicht bekannt. Rätselhaft bleibt, warum Iran ausgerechnet die aufwendige Sprengkugel weiterentwickelt hat. Deutlich einfachere Atombomben lassen sich mit simpleren Zündmechanismen und hochangereichertem Uran konstruieren. Zudem gilt Danilenkos Technologie als anfällig, weil der Sprengstoff empfindlich auf Temperaturschwankungen reagiert. Ähnliche Technologien werden zwar beim Bau von Plutonium-Bomben angewandt. Laut IAEA gibt es derzeit aber keine Indikatoren für die Gewinnung des hochradioaktiven Isotops in Iran.

Wjatscheslaw Danilenko wehrt sich gegen Vorwürfe, die suggerieren, er sei das Mastermind hinter Irans Atomplänen. "Ich bin kein Atomphysiker, und ich bin nicht der Gründer des iranischen Atomprogramms", sagte er der Moskauer Tageszeitung "Kommersant". Sollte Teheran eines Tages allerdings einen Nuklearsprengsatz zünden, dürfte Danilenko ein Platz in der Geschichte sicher sein: Als russischer Onkel der iranischen Bombe.

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gsm900, 14.11.2011
1. Fatmans russischer Onkel
Zitat von sysopIrans Atomforscher sollen Hilfe von einem*skurrilen russischen Erfinder bekommen haben - das vermuten jedenfalls westliche Geheimdienste.*Wjatscheslaw Danilenko stellte einst Diamanten durch Sprengungen her. Doch er bestreitet, der Mastermind hinter Teherans Nuklearplänen zu sein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,797722,00.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Kistiakowsky
Gandhi, 14.11.2011
2. Ganz eindeutig
Zitat von sysopIrans Atomforscher sollen Hilfe von einem*skurrilen russischen Erfinder bekommen haben - das vermuten jedenfalls westliche Geheimdienste.*Wjatscheslaw Danilenko stellte einst Diamanten durch Sprengungen her. Doch er bestreitet, der Mastermind hinter Teherans Nuklearplänen zu sein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,797722,00.html
Danilenko ist der Mann. Die Diamanten dienten nur der Tarnung.
Sabi 14.11.2011
3. Mist
Zitat von sysopIrans Atomforscher sollen Hilfe von einem*skurrilen russischen Erfinder bekommen haben - das vermuten jedenfalls westliche Geheimdienste.*Wjatscheslaw Danilenko stellte einst Diamanten durch Sprengungen her. Doch er bestreitet, der Mastermind hinter Teherans Nuklearplänen zu sein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,797722,00.html
Die Fortschritte in Nuklearwaffen der Iraner sind jedenfall nicht auf den eigenen Mist gewachsen. Wer das annimmt kennt den Iran und Ajatollahs nicht. Alles ob Atom-, Reketen-, Weltraum-Technologie, etc. kaufen die Iraner, dafür haben sie Milliarden $ Einnahmen jährlich durch Öl/Gas. Und Verkäufer gibt's auch genung aus der Ex-UdSSR, Ukraine, Nordkorea, Pakistan !
hachingerbach 14.11.2011
4. hmm
Anderen Quellen zufolge arbeitete er in der "gas dynamics group" des Instituts Scientific Research Institute of Technical Physics in Snezhinsk, Russia, auch bekannt als Tschelyabinsk -70
hachingerbach 14.11.2011
5. Wieso sollte
ein Wissenschaftler seine Forschungstätigkeit tarnen? Weil er schon 1960 wußte, daß er 35 Jahre später in Geheimprojekten angeheuert werden sollte? Ich schalt mal Twilight Zone an, da gibts wenigstens noch realistische Geschichten...
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