PKK-Entführung Freigelassene Bergsteiger sollen bald nach Deutschland zurückkehren
Ankara/Berlin - Erleichterung nach zwölf Tagen der Ungewissheit: Die drei von der PKK in der vorvergangenen Woche gekidnappten deutschen Bergsteiger sind frei. Bundeskanzlerin Angela Merkel lobte die beteiligten Kräfte in der ARD-Sendung "Bericht aus Berlin": "Der Krisenstab hat hervorragend gearbeitet und ich möchte mich bei allen denen bedanken, die dazu beigetragen haben - bei den deutschen Behörden, aber auch bei den türkischen", sagte Merkel. "Wir werden die Freigelassenen hoffentlich bald sehen und in Deutschland wiederhaben."
Die drei bayerischen Bergsteiger werden Anfang der Woche aus der Türkei zurückerwartet. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagte im Bayerischen Rundfunk, die drei Männer würden zunächst nach Ankara gebracht, um dort ärztlich betreut zu werden. Am Montagabend oder Dienstagmorgen könnten sie dann nach München zurückfliegen. Das hänge aber auch davon ab, was die Entführungsopfer selbst wünschten. Der Gouverneur der Provinz Agri Mehmet Cetin sagte hingegen: Bereits am Montag "werden wir unsere deutschen Gäste nach Ankara und dann in ihr Heimatland zurückbringen." Das Auswärtige Amt in Berlin wollte dies auf AP-Anfrage nicht bestätigen.
Zu Details der Freilassung wollten sich weder Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier noch Angela Merkel äußern. Auf die Frage, ob ein Lösegeld oder ein politischer Preis an die PKK gezahlt wurde, sagte Merkel: "Sie wissen, dass wir alles tun, um die Geiseln freizubekommen. Das ist in diesem Fall gelungen, und mehr gibt es aus meiner Sicht jetzt dazu nicht zu sagen." CSU-Politiker Herrmann sagte, er sei schon am Samstag informiert worden, dass gute Aussichten auf ein Ende des Geiseldramas bestünden. Lösegeld sei für die Freilassung der Männer nach seiner Kenntnis nicht gezahlt worden.
Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ließ die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK die Deutschen am Ende des knapp zweiwöchigen Geiseldramas mehr oder weniger einfach laufen. Die deutschen Behörden, so Beamte zu SPIEGEL ONLINE, waren nicht darüber im Bilde, dass die drei bayerischen Sportler heute freikommen würden. Bis zuletzt hatte der Krisenstab des Auswärtigen Amtes angenommen, dass die Miliz die Freilassung für eine politische Demonstration ausschlachten würde. Jetzt kamen die bayerischen Bergsteiger heimlich, still und leise frei.
Geiseln auf einem Hügel zurückgelassen
Von türkischer Seite wird das Ende des Geiseldramas folgendermaßen geschildert: Die Entführer hätten ihre Geiseln auf einem Hügel zurückgelassen und seien geflüchtet, sagte Mehmet Cetin, der Gouverneur der Provinz Agri. Die Deutschen seien etwa eine halbe Stunde später von paramilitärischen Truppen abgeholt worden. Den Kidnappern seien Verfolger auf der Spur gewesen und ihnen habe die Gefahr gedroht, dass ihre Fluchtwege über die Grenze abgeschnitten würden. Die Deutschen würden nach einer baldigen medizinischen Untersuchung an die deutschen Behörden übergeben, sagte der Gouverneur weiter.
Den deutschen Bergsteigern gehe es gut, erklärte das türkische Außenministerium am Sonntag. Minister Ali Babacan rief demnach eine Stunde vor der Bekanntgabe den deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier an, um ihm mitzuteilen, dass sich die Geiseln nunmehr in der Obhut der türkischen Behörden befänden. "Wir haben die deutschen Bergsteiger", sagte ein Sprecher.
Wenig später bestätigte das Außenministerium in Berlin die Freilassung. "Es geht ihnen den Umständen entsprechend gut", sagte Steinmeier. Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein sagte, er sei froh, dass die Geiselnahme unblutig beendet werden konnten und die Freigelassenen gesund und wohlbehalten zu ihren Familien zurückkehren könnten.
"Ich bin jetzt ganz glücklich"
Auch Angehörige der drei Bergsteiger zeigten sich erleichtert. Als erste Reaktion auf die Nachricht von der Befreiung sagte die Schwester einer der Geiseln, Elfriede H.: "Das ist ja sowas von befreiend. Ich bin jetzt ganz glücklich."
Ein Teilnehmer der Bergsteigergruppe, Richard B. aus Kelheim, zeigte sich ebenfalls erfreut. "Wir sind erleichtert. Wir wissen noch nichts Näheres, aber offenbar sind die drei schon im Hotel in Dogubayazit." Pläne, wie die drei entführten Teilnehmer in Deutschland begrüßt werden sollten, gebe es noch nicht. Es sei auch noch nicht bekannt, wann sie zurückkehrten.
Die Führung der PKK reklamierte kurz nach der Freilassung, dass sie für den glücklichen Ausgang des Dramas gesorgt habe. Dafür meldete sich der Sprecher der Kommandoebene extra per Telefon bei SPIEGEL ONLINE. "Wir haben entschieden, dass die Geiseln gehen dürfen", sagte Ahmed Danas, "die Verhandlungen dazu haben zwei kurdische Organisationen aus der Türkei geführt". Das Statement passt durchaus zu der Einschätzung des Krisenstabs, dass die Führung der PKK von Beginn an ein Interesse an einer Lösung hatte, um ihr Gesicht zu wahren. Zudem will die Kommandoebene beweisen, dass sie volle Kontrolle über die weitverzweigten bewaffneten Gruppen innerhalb der PKK hat.
Tatsächlich hatte sich bereits Ende vergangener Woche abgezeichnet, dass die Geiseln freikommen könnten. Türkische und deutsche Behörden hatten mit der PKK noch bis zum späten Freitagabend über die Modalitäten gerungen. Wie der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, hatte die PKK vorgeschlagen, die Geiseln an das Internationale Rote Kreuz zu übergeben - ein Vorschlag, den die türkischen Behörden ablehnten. Den Kompromissvorschlag, stattdessen auf den Roten Halbmond zu setzen, lehnte die PKK ab.
Die PKK hatte als Bedingung für eine Freilassung die Einstellung der türkischen Militäraktionen am Ararat sowie eine Änderung der deutschen Kurdenpolitik verlangt. Insbesondere kritisierten die Rebellen das Verbot des PKK-nahen Senders Roj-TV durch Berlin Mitte Juni. Die Bundesregierung lehnte dies jedoch strikt ab und forderte stets eine bedingungslose Freilassung der Geiseln.
Die Freilassung ist das Ende eines unübersichtlichen Dramas. Wahrscheinlich wurden die Bergsteiger Opfer eines übereifrigen lokalen Kommandos der PKK, das ohne Absprache mit der Führung agierte. Letztlich, so die bisherige Lesart, setzte sich aber die offizielle Hierarchie durch, die die Geiselname für keine gute Idee hielt.
Die drei Bergsteiger im Alter von 65, 47 und 33 Jahren waren am 8. Juli am Berg Ararat in der Osttürkei auf einer Höhe von 3200 Metern von einem Rebellentrupp der PKK entführt worden.
Die PKK und ihre Nachfolgeorganisationen sind in Deutschland verboten. Sie wird seit 2002 von der EU als Terrororganisation eingestuft. In Deutschland leben rund 2,4 Millionen Türken, darunter rund 600.000 Kurden.
Außenminister Steinmeier versicherte am Nachmittag, dass der Krisenstab weiter daran arbeite, auch die anderen entführten deutschen Staatsbürger wieder freizubekommen. Dabei handelt es sich um zwei in Somalia verschleppte Urlauber sowie um Mitarbeiter einer in Nigeria tätigen deutschen Baufirma.
bor/yas/mgb/hen/AFP/dpa/AP