Buchauszug aus "Plötzlich Pakistan" Der alte Mann und die Jungfrauengeburt

Sommer 2010, Pakistan versinkt in historisch starken Fluten - gibt es da Wichtigeres als das blanke Überleben? Hasnain Kazim begegnet dort einem Muslim, der in den Trümmern seines Hauses fastet - und ihm die Welt erklärt.

Fliehende Dorfbewohner (2010): "Allah will uns bestrafen"
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Fliehende Dorfbewohner (2010): "Allah will uns bestrafen"


Vier Jahre lang hat Hasnain Kazim für SPIEGEL ONLINE und den SPIEGEL als Korrespondent aus Pakistan berichtet. Er erlebte ein atemberaubendes Land voller Widersprüche, zuletzt immer mehr geprägt von einem konservativen Islam. Seine Erfahrungen hat er in "Plötzlich Pakistan - Mein Leben im gefährlichsten Land der Welt" niedergeschrieben. Lesen Sie hier einen Auszug aus seinem neuen Buch.


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Ich traf einen alten Mann in einem Dorf in der Provinz Khyber-Pakhtunkhwa, der mit Gebetskappe auf dem Kopf auf einer Decke vor den Überresten seines Hauses saß und in den Himmel starrte. Die Flut hatte eine Wand und Teile des Dachs weggerissen, in dem Haus musste das Wasser mehr als einen Meter hoch gestanden haben. Schlammreste markierten die Höhe.

Er bedeutete mir mit einem Kopfnicken, ich möge mich zu ihm setzen, auf den Teppich, den er vor seiner Ruine ausgebreitet hatte. "Ich würde Ihnen gerne einen Tee anbieten, aber wir fasten", sagte er.

Ich schüttelte den Kopf. Aber ich konnte mir nicht verkneifen, ihn zu fragen, warum er das tat. "Ihr sitzt hier, inmitten einer Katastrophe, und esst und trinkt nichts? Ist das nicht leichtsinnig und gefährlich? Gerade jetzt müsst ihr doch bei Kräften sein."

Der Alte lächelte, und ich sah, dass er nur noch einen einzigen Zahn im Mund hatte. Nach einer Weile sagte er: "Die Flut ist eine Strafe Gottes. Er, der Allmächtige, will uns damit etwas sagen."

"So? Was denn?"

"Er will uns bestrafen."

"Aber wofür?"

"Dass wir keine guten Muslime waren. Dass wir ihm nicht immer gehorcht, nicht sein Wort geachtet, nicht genug gebetet haben. Wenn wir jetzt nicht fasten, machen wir alles nur noch schlimmer. Allah hat die Flut im Ramadan geschickt. Er will, dass wir jetzt fasten."

Vielleicht war jetzt nicht der ideale Zeitpunkt, um eine Diskussion über Religion zu beginnen, aber da der Alte nicht den Eindruck machte, als wolle er mit irgendwelchen Aufräumarbeiten anfangen, dachte ich mir, ich nutze die Gelegenheit, um ein paar grundsätzliche Dinge zu klären.

"Darf ich Sie etwas fragen?"

Der Mann nickte.

"Es gibt so viele Religionen auf der Welt. Woher wollen Sie wissen, dass der Islam die Wahrheit verkündet und nicht eine der anderen Religionen?"

Er guckte mich irritiert an, er verstand meine Frage nicht. Ich ahnte, dass ich ihn womöglich verletzte. Aber jetzt hatte ich damit angefangen. Also fragte ich weiter.

"Lesen Sie den Koran?"

Er nickte.

"Verstehen Sie Arabisch?"

Er schüttelte den Kopf.

"Dann verstehen Sie also den Koran nicht. Sie lesen und rezitieren etwas, das Sie nicht verstehen. Sie glauben etwas, das Sie noch nicht einmal vom Wortsinn her verstehen. Was ich also meine ist: Was, wenn all das nicht stimmt, was Sie sagen? Wenn die Flut einfach eine Laune der Natur ist und das Dorf viel zu nah am Ufer gebaut wurde? Dann müsste die Konsequenz sein, dass Sie Ihr Haus nicht hier, an dieser Stelle, wieder aufbauen, sondern weiter landeinwärts, weg vom Flussbett. Und dann sollten Sie besser anfangen zu planen und zu bauen, anstatt zu beten und zu fasten."

Er wirkte immer noch irritiert, aber nun mischte sich darin Mitleid. Er lächelte.

"Sind Sie Muslim?", fragte er.

Um es nicht unnötig kompliziert zu machen, sagte ich: "Ja."

Der Islam ist, wie das Christentum und das Judentum, eine monotheistische Religion. Gott oder, auf Arabisch, Allah gilt als allmächtig, allwissend, allgegenwärtig. Er hat demnach die Welt und alle Kreaturen, also auch den Menschen, erschaffen, und die Menschen müssen ihn - und nur ihn - anbeten. Gott entscheidet diesem Glauben zufolge alles, er entscheidet über Leben und Tod, ob jemand arm oder reich ist, gesund oder krank, glücklich oder unglücklich. Der Teufel, auf Arabisch: Shaitan, versucht, den Menschen vom rechten Weg abzubringen. Nach dem Tod wird am Tag des Jüngsten Gerichts darüber befunden, ob man gottgefällig gelebt hat oder nicht. Danach richtet sich, ob der Weg ins Paradies oder in die Hölle führt. Für Ungläubige führt der Weg ohnehin direkt zur Hölle.

All das steht im heiligen Buch der Muslime, im Koran. Dieses Buch ist das Wort Gottes. Der Erzengel Gabriel hat es dem Propheten Mohammed offenbart, in einer Höhle in Mekka. Die Araber waren zu seiner Lebenszeit eine Stammesgesellschaft, sie waren wild und brutal, lebten in der Wüste und beteten alle möglichen Götter an. Mohammed, glauben die Muslime, wurde die Aufgabe übertragen, ihnen den einen und wahren Gott nahezubringen, sie Gerechtigkeit und Moral zu lehren und die islamische Gemeinde zu begründen. Er wurde dafür von den einen geliebt, von den anderen angefeindet.

"Unser Prophet Mohammed, Friede sei mit ihm, hat Gottes Wort auf Arabisch gehört. Er hat es niedergeschrieben, Wort für Wort, ohne eine Silbe auszulassen oder hinzuzufügen", sagte der Alte.

"Aber haben Sie wenigstens eine Übersetzung in einer Sprache gelesen, die Sie verstehen? Auf Paschtu oder Urdu?"

"Ich muss die Worte nicht verstehen, um ihre Wahrheit zu erfassen, ihre Schönheit und absolute Perfektion. Allahs Wege sind unergründlich. Ich muss ihn ehren und anbeten. Es genügt, wenn ich begreife, dass ich ein besserer Muslim werden muss."

"Aber Sie haben damit nicht beantwortet, warum das die Wahrheit sein soll."

"In Deutschland sind die meisten Menschen Christen, richtig?"

Ich nickte.

"Und im Christentum glaubt man, dass Jesus der Sohn Gottes ist, richtig?"

Wieder nickte ich.

"Und man glaubt, dass…"

Er schloss die Augen und sein Körper begann zu beben. Tränen begannen ihm über die Wangen zu fließen. Er lachte, erst leise, in sich hinein, dann brach es laut aus ihm heraus.

"Man… man… man glaubt wirklich, dass eine Jungfrau ihn…"

Wieder schüttelte er sich vor Lachen.

"…dass eine Jungfrau ihn geboren hat? Ganz ohne Mann? Und dass Gott der Vater sein soll?"

Er lachte noch eine Weile vor sich hin, dann beruhigte er sich.

"Bruder, man muss sich die anderen Religionen nur anschauen, dann weiß man, dass sie nicht die Wahrheit verkünden. Das Christentum ist eine Religion des Buches, wie der Islam, und wir Muslime respektieren das. Jesus ist auch in unserem Glauben ein Prophet, aber Mohammed war der letzte Prophet, der wichtigste. Und das mit dem Sohn Gottes und der Jungfrauengeburt, das geht nun wirklich ein bisschen zu weit. Ich glaube, da haben die Leute, die die Bibel geschrieben haben, etwas durcheinander bekommen."

Er brach erneut in Lachen aus. Dann erhob er sich, flinker als ich es von diesem alten Mann erwartet hatte, und sagte, es sei an der Zeit für das Gebet. Er deutete eine Verbeugung an und verschwand zwischen den Häuserruinen, die einmal sein Dorf gewesen waren. Unerschüttert in seinem Glauben ließ er mich ohne Antwort zurück.

Lesungstermine

    Stade
    Montag, 28. September 2015
    Buchpremiere mit Hasnain Kazim
    Zeit: 20 Uhr
    Ort: Buchhandlung Friedrich Schaumburg, Große Schmiedestraße 27

    Saarbrücken
    Dienstag, 29. September 2015
    Lesung/Gespräch mit Hasnain Kazim
    Zeit: 19.30 Uhr
    Ort: Stadtbibliothek, Lesecafé, Gustav-Regler-Platz 1

    Heilbronn
    Donnerstag, 1. Oktober 2015
    Lesung/Gespräch mit Hasnain Kazim
    Zeit: 20 Uhr
    Ort: OSIANDER, Fleiner Str. 3


    wird fortgesetzt



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