Plünderungen in Basra Jagd auf die letzte Glühbirne

Nach der Eroberung der Großstadt Basra ist die Stunde der Plünderer gekommen. Aus Schulen, Hotels und Verwaltungsgebäuden klauen sie von der Lampe bis zum Klavier alles, was sie finden können. Die britischen Besatzungs-Soldaten schauen weg, die Einwohner sind empört. Nun soll ein Scheich Ordnung schaffen.


Teppiche, Stühle, Tische: Plünderer vor dem "Sheraton Hotel" in Basra
AFP

Teppiche, Stühle, Tische: Plünderer vor dem "Sheraton Hotel" in Basra

Basra - Die Straßen Basras haben sich nach den Kämpfen wieder mit Autos und Menschen gefüllt. Doch normal ist das Leben dort noch lange nicht wieder. Viele Einwohner der Millionenstadt klagten über Wassermangel, Chaos und Plünderungen. Tausende Menschen sind unterwegs, um sich an einer der wenigen Wasserstellen einzudecken. Zehn britische Lastwagen mit je 20.000 Litern Trinkwasser fuhren in die Stadt und verteilten ihr Gut. Doch es reicht offenbar nicht aus.

Ein Militärsprecher sagt, die irakische Regierung habe die Wasser- und Stromversorgung der Stadt unterbrochen. Mittlerweile sei die Stromversorgung aber in den meisten Teilen der Stadt wieder hergestellt, ebenso die Wasserversorgung. Allerdings müssten beschädigte und verschmutzte Wasserverteilungskanäle noch ausgebessert werden. Wie lange das dauern werde, könne er nicht sagen.

Die Plünderer bedienen sich in den Gebäuden des Saddam-Regimes. Hunderte schleppen Tische, Stühle und Teppiche aus den Büros der Zentralbank. Auch im Sheraton-Hotel werden sie fündig, laden Sofas auf Pferdewagen und schleppen den Flügel aus der Hotelbar über die Straße davon. Mit AK-47-Sturmgewehren bewaffnete Diebe dringen auch in Wohnungen und Geschäfte ein.

Ein Scheich soll Ordnung schaffen

Inzwischen haben die britischen Streitkräfte damit begonnen, in Basra die erste Nachkriegsverwaltung des Landes einzurichten. Ein aus der Region stammender Scheich sei gebeten worden, ein Verwaltungskomitee zu ernennen, sagte der britische Militärsprecher Chris Vernon in Kuweit. Der erste Nachkriegsbürgermeister von Basra sei kein Exiliraker, erklärte Vernon, ohne näher auf die Identität des Mannes einzugehen. Er sei glaubwürdig und habe die notwendige Autorität, insbesondere bei den örtlichen Stammesführern.

Die Männer haben sich aus der Ruine der Stadthalle Basras ein Sofa geklaut
AP

Die Männer haben sich aus der Ruine der Stadthalle Basras ein Sofa geklaut

Auf den Straßen der Stadt herrschte den ganzen Tag lang Chaos. Junge Männer fuhren mit Last- und Pritschenwagen, Motor- und Fahrrädern durch die Gassen und hielten Ausschau nach Verwertbarem. "Verurteilen Sie uns nicht dafür. Wir hatten nichts seit so langer Zeit und jetzt müssen wir uns nehmen, was wir eben können", beschreibt einer von ihnen einem britischen Zeitungsreporter die Situation. Er holt sich Teile einer Klimaanalage aus seiner ehemaligen Universität. "Es ist so heiß, und wir haben keine in unserem Haus", entschuldigt er sich für den Diebstahl.

Die Plünderungen, die begannen, als die britischen Truppen die Kontrolle in Basra übernommen hatten, nehmen inzwischen ein dramatisches Ausmaß an. Viele Einwohner fühlen sich bedroht. "Sie terrorisieren die gesamte Umgebung. Nachts, tagsüber, sie stehlen alles", sagt Hussein Akil, der bei einer aufgebrachten Menschenmenge im Herzen der Stadt auf einer Hauptstraße steht. "Was für eine Art der Befreiung ist das?", fragt er. Die bewaffneten Diebe brechen nach Angaben der Bewohner der Stadt nahezu überall ein. Von Möbeln bis hin zu Benzin würden sie alles stehlen.

Der britische Generalmajor Peter Wall hat Verständnis für die Menschen und findet es in Ordnung, dass die britischen Truppen in der Stadt angesichts der Plünderungen beide Augen zudrücken. "Das ist eben die erste Reaktion der Menschen nach 20 Jahren Unterdrückung", sagt er. Auch der britische Militärsprecher Al Lockwood meint, die Leute würden nach der Befreiung erst einmal "Dampf ablassen". Aber "das kann ganz schnell wieder zu Ende sein".

Recht und Gesetz sind derzeit zweitrangig

Nur selten greifen die britischen Soldaten ein: Dieser Mann soll versucht haben, mit seinem Lastwagen geplünderten Hafer aus der Stadt zu bringen
AP

Nur selten greifen die britischen Soldaten ein: Dieser Mann soll versucht haben, mit seinem Lastwagen geplünderten Hafer aus der Stadt zu bringen

Die britischen Einheiten wollen derzeit nicht eingreifen und sind eher damit beschäftigt, noch vorhandene Widerstandsnester auszuheben und sich gegen Scharfschützen zur Wehr zu setzen. Die öffentliche Ordnung werde wieder hergestellt, sobald alle Gefahren für die Truppen beseitigt seien, heißt es. Ein Militärsprecher sagt, die Busverbindungen seien aber bereits wieder in Betrieb. "Das Leben hier verläuft schon wieder ziemlich normal," sagt Militärsprecher Chris Vernon: "Wir sprechen mit der örtlichen Polizei über Hilfe bei der Wiederherstellung von Recht und Gesetz." Die Plünderungen seien aber ohnehin nicht von großer Bedeutung.

Auf dem Hauptplatz der Stadt reißen die Menschen ein Porträt des irakischen Präsidenten Saddam Hussein herunter. "Um Saddam zu stürzen, sind die irakischen Menschen hungrig und durstig geworden", sagt ein Bewohner der Stadt. "Was machen diese Soldaten? Wir haben nichts davon, dass sie hier sind." Vor einem Krankenhaus der Stadt schreit eine Frau: "Wo ist ihre Hilfe? Wo ist ihr Geld? Alles, was wir haben, ist dreckiges Wasser."

Auch andere Bewohner der Stadt zeigen sich wenig begeistert von der Präsenz der britischen Truppen. Ein Mann schreit vor einem Panzer: "Wann geht ihr nach Hause? Soldaten haut ab. Wir können uns nun selbst um unser Land kümmern."

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