Pogrome gegen Ausländer Südafrika bringt Armee gegen den Mob in Stellung

42 Menschen tot, die Polizei hilflos - da gibt Präsident Mbeki die Order, die Armee einzusetzen. Gleichzeitig beginnt die Debatte über die Ursachen der Pogrome. Während die Regierung "finstere Mächte" dahinter vermutet, nennen Sozialforscher Armut und Gesetzlosigkeit als die größten Probleme.

Von Karl-Ludwig Günsche, Kapstadt


In Südafrika geht die Angst um. Zwar war die Nacht zum Donnerstag ruhig. Ein massives Polizeiaufgebot hat an allen Brennpunkten rund um Johannesburg für Ruhe und Ordnung gesorgt. "Aber die Unruhen können jederzeit ohne Vorwarnung an jedem Ort des Landes wieder ausbrechen," warnt das renommierte "Institut für Rassenbeziehungen".

Gewalt in Township bei Johannesburg (am Dienstag): "Der verspätete Polizeieinsatz hat andere zu ähnlichen Ausschreitungen erst ermutigt."
AP

Gewalt in Township bei Johannesburg (am Dienstag): "Der verspätete Polizeieinsatz hat andere zu ähnlichen Ausschreitungen erst ermutigt."

In der Nord-West-Provinz, in Mpumalanga und vor allem in KwaZulu-Natal hat die Ausländerhatz auch schon begonnen: Geschäfte wurden verwüstet und geplündert, Unterkünfte angezündet, Ausländer durch die Straßen gejagt. In Durban flüchteten in der Nacht zum Donnerstag nach Polizeiangaben 200 bis 300 Familien in eine Polizeistation.

Polizeisprecherin Phindile Radebe sagt: "Ein Mob von etwa 200 Leuten hatte sich zusammengerottet. Sie hatten Flaschen und Schlagstöcke und griffen wahllos die Leute auf den Straßen an." Sechs Nigerianer wurden verletzt. In der kleinen Stadt Brit's Okasie in der Nord-West-Provinz und in einigen Townships bei der Stadt Secunda in Mpumalanga bot sich ein ähnliches Bild.

Die Polizei wird nicht Herr der Lage. Der Vizeparteichef des ANC, Kgalema Motlanthe warf ihr vor, sie habe zu spät eingegriffen. "Als es in Alexandra losging, hätte sofort die ganze Gegend abgeriegelt werden müssen," sagte er auf einer Pressekonferenz. "Der verspätete Polizeieinsatz hat andere zu ähnlichen Ausschreitungen erst ermutigt."

Angst vor landesweitem Aufstand

Inzwischen sind Spezialkräfte aus ganz Südafrika an den Brennpunkten der gewalttätigen Auseinandersetzungen stationiert. Aber immer wieder flackern die Unruhen auf.

Kurz bevor er am Mittwoch zum Gipfeltreffen der Afrikanischen Union nach Tansania flog, hat Staatspräsident Thabo Mbeki daher den Einsatz der Armee genehmigt. Der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Sam Mkhwanazi, sagt: "Die Polizei macht ihren Job. Das Militär gibt ihr dabei Rückendeckung." Die Armee solle nicht nur mit Material aushelfen, sondern zur Abschreckung an den Brennpunkten auch Präsenz zeigen.

Bürgerrechtsbewegungen und Institute fürchten allerdings, dass der Militäreinsatz die Spannungen eher noch verschärfen könnte. Jacob van Garderen von den "Anwälten für Menschenrechte" sagt, auch in der Apartheidszeit seien Soldaten in den Townships zur Niederschlagung von Aufständen eingesetzt worden. "Unter diesem Blickwinkel kann der Einsatz der Armee neue Probleme schaffen." Frans Cronje vom "Institut für Rassenbeziehungen" fürchtet sogar ein "großes Desaster" durch den Militäreinsatz. "Sie sind weder dafür ausgebildet, noch ausgerüstet, noch darauf vorbereitet." Cronje malt ein Schreckensszenario: "Natürlich besteht die Gefahr, dass die Armee mit scharfer Munition in die Menge schießt – und das würde dann schnell zu einem landesweiten Aufstand führen."

Inzwischen ist in Südafrika eine heftige Diskussion über die Ursachen der Gewaltwelle entstanden. Die Regierung vermutet, dass "finstere Kräfte" am Werk seien. Der Minister im Präsidialamt, Essop Pahad, machte bei einer Pressekonferenz Rechtsextremisten für die Unruhen verantwortlich: "In der Geschichte haben populistische rechtsextreme Bewegungen Ausländerfeindlichkeit immer benutzt, um das 'Lumpenproletariat' gegen Minderheiten zu hetzen." So sei es auch bei den Ausschreitungen der vergangenen zehn Tage gewesen.



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